Alexander Zverev: Warum Deutschland ihn nicht ins Herz schließt

Unnahbarer Tennis-Star: Warum Deutschland Zverev nicht ins Herz schließt

Alexander Zverev ist der neue Stern am Tennis-Himmel, die Gegenwart und die Zukunft des Sports – nicht nur in Deutschland. Doch in seiner Heimat ist Zverev noch weit davon entfernt, ein Superstar zu sein. Warum ist das so?

Alexander Zverev ist der neue Stern am Tennis-Himmel, die Gegenwart und die Zukunft des Sports — nicht nur in Deutschland. Doch in seiner Heimat ist Zverev noch weit davon entfernt, ein Superstar zu sein. Warum ist das so?

Mit gerade einmal 20 Jahren schickt sich Alexander Zverev an, ein ganz Großer zu werden. Nach seinem Turniersieg in Montréal, dem bereits fünften in der Saison, sind auch die letzten Zweifel behoben, dass in dem schlaksigen Hamburger ein zukünftiger Grand-Slam-Champion mit dem Potenzial zur Nummer eins steckt. Die Zweifel indes, ob er in Deutschland einen neuen Tennis-Boom auslösen kann, die bleiben.

So richtig ist das deutsche Sport-Publikum mit dem Youngster noch nicht warm geworden. Das hat vielschichtige Gründe. Nicht für alle ist Zverev selbst verantwortlich, aber er macht es den Fans nicht immer leicht. Dass Zverev nicht der neue Boris Becker sein wird, nicht sein kann, das ist klar. Becker betrat die große Tennis-Bühne damals urplötzlich und mit einer Vehemenz, die wohl kaum zu wiederholen ist. Der Triumph des 17-Jährigen in Wimbledon war 1985 ein regelrechter Urknall.

Zverev hingegen nimmt auf seinem Weg, der ihn auf den Tennis-Thron führen soll, eine Stufe nach der anderen. Von Jahr zu Jahr hat er sich verbessert, 2017 ist er endgültig angekommen im Konzert der Großen. Er ist nicht mehr der hoffnungsvolle Teenager, er ist der dritterfolgreichste Profi des Jahres, der in diesem Jahr schon Novak Djokovic (im Finale von Rom) und Roger Federer (im Finale von Montréal) in die Schranken gewiesen hat. Die Welt beneidet Deutschland um diesen kommenden Superstar. Doch hierzulande weiß man nicht so recht, was man mit ihm anfangen soll.

"Niemand in Europa interessiert sich für mich", sagte Zverev zuletzt in einer Diskussion mit dem Schiedsrichter, bei der es zu später amerikanischer Stunde um eine Verzögerung des Matches wegen einer Werbepause ging. Wer solle das schon im TV gucken, meinte Zverev. Nur ein Spruch oder hat Zverev wirklich das Gefühl, dass sich das Interesse an ihm in der Heimat in Grenzen hält?

Hamburger mit russischen Wurzeln

Zverev ist als Sohn russischer Eltern in Hamburg geboren und aufgewachsen. Wenn es auf dem Platz hoch hergeht, flucht er wie ein Rohrspatz — auf Russisch. Schließlich kann man in kaum einer Sprache so blumig und variantenreich Schimpfwörter einsetzen, wie in der Sprache von Zverevs Eltern. Seinen Wohnsitz hat er mittlerweile ins Steuerparadies Monaco verlegt, trainiert wird abseits von Turnieren zumeist in Florida. Damit steht er im Tennis-Zirkus nicht alleine da, dennoch wird Zverev in Deutschland mehr als "Global Player" wahrgenommen als andere seiner Kollegen.

Der Knatsch um das ATP-Turnier in Hamburg hat diesen Eindruck verstärkt. Zverev und sein älterer Bruder Mischa entschieden sich in diesem Jahr gegen einen Start am Rothenbaum. Der Aussage von Turnierdirektor Michael Stich, Zverev habe mit dem Verzicht eine Vereinbarung gebrochen, widersprach der 20-Jährige. Statt zwischen der Rasen- und der Sandplatzsaison noch das Turnier auf Sand einzuschieben, bereitete sich Zverev nach Wimbledon direkt auf die amerikanische Hartplatz-Saison vor. Der sportliche Erfolg gibt ihm absolut recht. Erst gewann er in Washington, dann in Montréal. Besser hätte er ins letzte Saisondrittel nicht starten können.

Der Zverev-Clan plant die Karriere des jüngsten Sprösslings minutiös, überlässt nichts dem Zufall. Für Hamburg ist da kein Platz mehr und auch um einen Start im Davis Cup gab es in der Vergangenheit schon mal Ärger, wenn der Termin ungünstig lag. Professionell macht Zverev alles richtig, das Gefühl bleibt dabei manchmal auf der Strecke.

Vater weinte nach erstem Titel in Deutschland

Dass dem deutschen Hoffnungsträger Erfolge in der Heimat aber trotzdem besonders viel bedeuten, zeigte sich bei seinem Turniersieg in München in diesem Jahr. Es war der erste Titel für Zverev in Deutschland und auf der Tribüne weinte sein Vater Alexander senior bei der Siegerehrung Tränen der Rührung.

Vielleicht kann Zverev die deutschen Fans in Zukunft etwas mehr mitnehmen, wenn er auch bei den Grand-Slam-Turnieren für Furore sorgt. Bei den vier Majors, die auch mal Zuschauer vor die Fernseher locken, die sonst nicht regelmäßig Tennis gucken, wartet Zverev noch auf den großen Durchbruch. In Wimbledon steht ein Achtelfinale für ihn zu Buche, ansonsten schaffte er es bislang nie in die zweite Woche. Schon bei den US Open könnte das anders werden, dort gilt Zverev nach seinen Erfolgen in Washington und Montréal als einer der Top-Favoriten.

"Die Zukunft ist jetzt", twitterte Boris Becker nach dem Finale in Kanada. Die Ära Zverev hat begonnen. Ob es nach Becker, Stich und Steffi Graf auch der Beginn einer neuen deutschen Tennis-Ära ist, wird die Zukunft zeigen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zverev bekommt Pokal im Konfetti-Regen

(areh)
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