Kapellmann: "Ich war der Marco Reus der WM 1974"

Jupp Kapellmann wird 65: "Ich war der Marco Reus der WM '74"

Jupp Kapellmann feiert am Freitag seinen 65. Geburstag. Der Rheinländer erlebte in den 70er Jahren an der Seite von Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier die erste ganz große Ära von Bayern München.

Am Ende eines grandiosen Fußball-Jahres blendet Jupp Kapellmann zurück in die Zeit des zweiten deutschen WM-Triumphes vor 40 Jahren. "Ich war der Marco Reus der WM 1974", sagt der Mann, der am Freitag (19. Dezember) seinen 65. Geburtstag feiert. Denn das große Fußball-Spektakel im eigenen Land fand damals ohne den gebürtigen Rheinländer statt, der Ende 1973 im Länderspiel gegen Österreich durch ein böses Foul einen Kreuz- und Innenbandriss am Knie erlitt.

Im Kontrast zum Dortmunder Star Marco Reus blieb dem Kämpfertyp Jupp Kapellmann zwar noch Zeit, sich wieder für den WM-Kader von Bundestrainer Helmut Schön zu empfehlen. Doch die Hochform fehlte, um Berti Vogts von der Position des rechten Verteidigers verdrängen zu können. Auch ohne ein WM-Spiel absolviert zu haben gilt Jupp Kapellmann offiziell als Weltmeister. Marco Reus dagegen war nach seiner kurz vor der WM erlittenen Verletzung von Trainer Joachim Löw schweren Herzens aus dem Kader gestrichen worden.

Medizinstudium während der Profi-Karriere

Nach dem folgenschwersten Rückschlag der Karriere war Jupp Kapellmann übrigens von Prof. Viernstein operiert worden, dem Mann, dessen Tochter Gabi er rund ein Vierteljahrhundert später heiraten sollte und in dessen Fußstapfen er dann auch beruflich trat. Schon während er beim FC Bayern an der Seite von Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier spielte, studierte der kleine Offensivverteidiger Medizin. Inzwischen wirkt Dr. Hans-Josef Kapellmann seit 2010 in Saudi-Arabien. Er leitet in Unaizah, 350 Kilometer nördlich der Hauptstadt Riad, die Abteilung Orthopädie und Traumatologie.

Als Deutschlands Fußballer im Sommer ihren vierten WM-Titel gewannen, stand auch Kapellmann in seiner Klinik im Blickpunkt. Natürlich wusste man dort von seiner Fußball-Karriere, die Reaktionen blieben nicht aus: "Selbst das Fernsehen rückte an, ich musste täglich Autogramme geben, auch für Patienten im FC-Bayern-Trikot."

In der fremden Welt fühlt sich der deutsche Mediziner, der mehrmals im Jahr längeren "Heimaturlaub" hat, offenbar wohl: "Dort muss ein Arzt nicht so viel operieren, um den Etat der Klinik zu finanzieren. Die konservative Therapie hat dort viel mehr Stellenwert, das Wohl des Patienten steht stärker im Vordergrund", sagt Jupp Kapellmann. Bei den Saudies, bei denen Öl und Geld sprudeln, hat er einen "Super-Vertrag. " Doch er hat auch hohe Kosten zu decken.

Sieben sportliche Kinder

"Ich habe sieben Kinder zu finanzieren inklusive der Tochter aus meiner ersten Ehe", sagt der frühere Fußball-Nationalspieler. Der in der Nähe von Rosenheim lebende Nachwuchs aus der Ehe mit Gabi (12 bis 25 Jahre, 3 Studenten, 3 Schüler) ist sportlich, die älteste Tochter Luzy war im Karate sehr erfolgreich, doch auf dem Weg zum Spitzensportler ist keines der Kids. "Wir machen da auch überhaupt keinen Druck", sagt Jupp Kapellmann, der eine gute berufliche Ausbildung wichtiger findet als sportliche Meriten.

Er selbst war ein Frühentwickler. Schon mit 17 Jahren hatte der einstige Jugend-Nationalspieler des SC Bardenberg beim Nachbarverein Alemannia Aachen in der Bundesliga gekickt und war 1969 mit dem Team vom Tivoli hinter den Bayern Vizemeister geworden. Dann wechselte er zum 1. FC Köln ("Meine schönste Zeit, nie habe ich als Fußballer so viel gelacht wie dort") und galt beim Wechsel 1973 zum FC Bayern (knapp 900.000 Mark Ablöse) als bis dahin teuerster Bundesliga-Transfer.

"Ich war nicht das große Talent. Aber ich konnte mich quälen, hatte den bedingungslosen Ehrgeiz, jeden Zweikampf zu gewinnen", sagt Kapellmann, der auf Mallorca eine große Finca in Nachbarschaft von Sänger Herbert Grönemeyer besitzt. Dort wird er vielleicht später seinen neuen Lebensmittelpunkt finden. Aber mit 65 ist der Abschied vom Beruf für ihn kein Thema: "Im Gegenteil, ich habe noch große Pläne." Zurzeit paukt er arabisch und will seine sechste Fremdsprache erlernen.

Einen Eisunfall mit dem Mountainbike im Jahr seines 60. Geburtstag hat Jupp Kapellmann übrigens gut überstanden, nachdem er mit einem Blutgerinnsel im Kopf auf der Intensivstation lag. Er sagt: "Seitdem habe ich mehr Sensibilität gegenüber Patienten entwickelt."

(sid)
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