Chemnitzer FC - Neonazi-Skandal im Fußball-Osten: "Lange versäumt, etwas zu tun"

Neonazi-Skandal im Fußball-Osten : "Lange versäumt, etwas zu tun"

Der Neonazi-Skandal von Chemnitz befeuert die Debatte, ob Fußballklubs aus dem Osten besonders empfänglich für Probleme mit rechtsradikalen Fans sind. Die Klubs fordern Unterstützung.

Die Spur des Chemnitzer Neonazi-Skandals reichte bis Cottbus. Vor dem Spiel von Energie Cottbus gegen Preußen Münster (3:0) präsentierten Fans im Stadion der Freundschaft ein Banner mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden Tommy". Die fragwürdigen Gedenkmomente für den mutmaßlichen Neonazi heizten die Debatte an, ob der Fußball im Osten als Spiegelbild der Gesellschaft ein besonderes Problem mit rechtsradikalen Fans hat.

Im Umfeld des Cottbuser Vereins hatten die Rechtsradikalen in den letzten Wochen wieder für Schrecken gesorgt. Die Hooligan-Gruppe "Inferno Cottbus", die sich eigentlich im Jahr 2017 aufgelöst hatte, treibt dort weiterhin ihr Unwesen. Sie übt massiven Druck auf den Rest der Fanszene aus.

Für Fanforscher Gunter A. Pilz ist es kein Zufall, dass Neonazis auf Ost-Klubs einen relativ starken Einfluss haben. "Zum Teil hat es damit zu tun, dass man es in den neuen Bundesländern lange versäumt hat, etwas zu tun", sagte der Experte dem SID. Auch fehle den Vereinen das nötige Geld, um solche Strömungen effektiv zu bekämpfen. Für Pilz stimmt der bisherige Einsatz nicht: "Wenn da nicht geschlossen gegen vorgegangen wird, gibt es wenig Chancen, das zu korrigieren."

Für Präsident Erwin Bugar vom Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) handelt es sich nicht um ein typisches Problem des Fußball-Ostens. "Dafür gibt es einfach zu viele Beispiele aus den westlichen Bundesländern", sagte der höchste Funktionär des Fußball-Ostens. Auch aus Fußball-Standorten wie Dortmund und Braunschweig sind Probleme mit rechtsradikalen Fans bekannt.

Bugar will am 19. März beim Treffen der Drittligisten und Regionalligisten mit den Klubs aus dem Osten noch einmal über den Umgang mit rechtsradikalen Fans reden. Eigentlich wüssten die Vereine aber Bescheid, so Bugar, der die Einrichtung einer zusätzlichen Beratungsstelle im Verband für unnötig hält.

Noch immer muss sich der Verband mit den Vorfällen beim Ligaspiel des Chemnitzer FC am Samstag gegen VSG Altglienicke (4:4) beschäftigen. Im Stadion der Himmelblauen wurde einem mutmaßlich rechtsradikalen Chemnitz-Fan durch eine Gedenkminute und durch eine spezielle Choreografie gedacht. Drei Mitarbeiter des Klubs mussten daraufhin gehen.

Bei dem Spiel hatte auch CFC-Stürmer Daniel Frahn für Wirbel gesorgt, weil er mit einem Hooligan-Shirt gejubelt hatte. Inzwischen hat sich der frühere Angreifer von RB Leipzig dafür entschuldigt. Er wolle klarstellen, so Frahn, "dass ich kein Sympathisant eines Neonazis bin! Auch teile ich diese politische Einstellung nicht und trage auch keine rechten Gedanken in mir", teilte der gebürtige Potsdamer mit.

Man darf gespannt sein, wie sehr Frahn und sein Team die Vorfälle vom Wochenende noch belasten. Am Mittwoch tritt der CFC zum brisanten Ostderby beim BFC Dynamo (19.00 Uhr) an, vier Tage später ist man beim Berliner AK zu Gast. Vor dem Hinspiel hatte sich die Multi-Kulti-Truppe des AK wegen der damaligen fremdenfeindlichen Äußerungen in Chemnitz besorgt gezeigt und mit Boykott gedroht.

"Chemnitz sollte sich zwischen Sport und Politik entscheiden. Der Fußball muss die Menschen zusammenbringen, nicht ausgrenzen", sagte BAK-Präsident Mehmet Ali Han. Im Gegensatz zu Bugar sieht der Klub-Chef "auf jeden Fall" ein Bedarf, für eine verbesserte Beratung für die Klubs, wie sie mit rechtsradikalen Fans umgehen müssen. Dafür werde "nicht genug" getan, stellte Han klar.

(sef/sid)
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