Angeblich noch mehr Truppen nach Afghanistan: Obamas Stunde der Wahrheit rückt näher

Angeblich noch mehr Truppen nach Afghanistan : Obamas Stunde der Wahrheit rückt näher

Washington/Kabul (RPO). Barack Obamas Präsidentschaft entscheidet sich am Krieg in Afghanistan. Bereits im September forderte Isaf-Befehlshaber Stanley McChrystal ultimativ, die Truppen um 40.000 Mann aufzustocken. Lange zögerte Obama und frustrierte damit seine Generäle. Nun verdichten sich die Anzeichen, dass die Entscheidung unmittelbar bevorsteht. Die Zeichen stehen auf Sturm.

Mehrer Quellen berichten, Obama wolle zusätzliche Truppen im Umfang von mehreren zehntausend Soldaten nach Afghanistan entsenden. So melden es der amerikanische TV-Sender CBS und die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf Regierungskreise. Die Entscheidung werde wohl noch Ende des Monats zusammen mit einer breiteren Strategie für Afghanistan vorgestellt, meldet AP Washington.

Mehrere Mitarbeiter des Weißen Hauses hätten erklärt, die Truppenaufstockung werde wahrscheinlich schon im Januar beginnen. Die von General Stanley McChrystal geforderte Verstärkung um 40.000 Mann wird es aber wohl nicht ganz geben. Im Weißen Haus werde der Plan daher als "McChrystal light" bezeichnet. Das Weiße Haus weist die Berichte zurück.

Die USA warten auf eine Entscheidung

Aber AP ist nicht die einzige Quelle im Zusammenhang mit der Schicksalsfrage Afghanistan. Nach einem Bericht des Fernsehsenders CBS will Obama "vorläufig" fast 40.000 Soldaten zusätzliche Soldatenschicken, die US-Zeitungsgruppe McClatchy berichtete von einer angeblichen Aufstockung um 30.000 Soldaten.

Das ganze Land wartet auf Obamas Entscheidung. Die Stimmung hatte sich zuletzt zunehmend gegen den Einsatz gewandt. Steigende Opferzahlen, schwindende Erfolgsaussichten und Erinnerungen an das Vietnam-Trauma machen das US-Engagement in Afghanistan zunehmend unpopulär. Mittendrin in der Verantwortung: Barack Obama.

Flucht nach vorn

Seit Wochen berät er mit seinen Sicherheitsberatern über den künftigen Kurs in Afghanistan. Innenpolitisch steht er für seine Kritiker daher längst als unentschlossener Zauderer da. Obama steht massiv unter Druck. Zu verdanken hat er das vor allem Stanley McChrystal, seinem Oberbefehlshaber in Afghanistan. In ungewöhnlich drastischen Worten hatte der im September eine Aufstockung um 40.000 Soldaten eingefordert. Entweder deutlich mehr Soldaten oder die USA scheitern binnen eines Jahres in Afghanistan, lautete seine Prognose. Obama stand unter Zugzwang. Und das, obwohl er erst zu Beginn seiner Amtszeit eine neue Afghanistan-Strategie aus der Taufe gehoben hatte.

Sollte Obama sich tatsächlich so entscheiden wie es die Berichte schildern: Es wäre die Flucht in die Offensive. Die neuen Truppen sollen die von McChrystal vorgeschlagene Strategie der Konzentration auf Bevölkerungszentren umsetzen und besonders zehn Städte und deren Ballungsräume schützen, wie AP am Montag aus Regierungskreisen verlautete. Alles gemäß dem Ziel, der Bevölkerung von Afghanistan mehr Sicherheit zu ermöglichen und auf diesem Weg ihr Vertrauen zu gewinnen.

"Das Land wird sie aufsaugen"

Die unter anderem von US-Vize Joe Biden vertretene Alternativ-Strategie sah eine Beschränkung auf das Nötigste vor. Anstatt zum Preis von hohen Todesraten den direkten Kampf gegen die Taliban fortzusetzen, solle die Armee sich lieber darauf konzentrieren, Terrornester von El Qaida auszuheben, idealerweise unter verstärktem Einsatz von unbemannten Drohnen. Das würde zwangsläufig eine Verlagerung des Kampfes nach Pakistan mit sich bringen.

Das Weiße Haus beteuerte es sei noch keine Entscheidung gefallen. Derartige Berichte seien "völlig falsch". Der Nationale Sicherheitsberater der USA, James Jones, betonte am Montagabend in Washington, dass Obama noch keine Entscheidung über die Truppenaufstockung getroffen habe. Vor wenigen Tagen erst hatte Jones noch etwas ganz anderes zu dem Thema verlauten lassen. "Wir könnten 200.000 Soldaten dort im Einsatz haben, und das Land wird sie aufsaugen, wie es das in der Vergangenheit schon getan hat", sagte er dem Spiegel in einem Interview.

Auch Merkel schaut nach Washington

Präsidentensprecher Robert Gibbs sagte, Obama werde die Afghanistan-Strategie am Mittwoch wieder mit wichtigen Mitgliedern seines außenpolitischen und militärischen Beraterstabs besprechen. Eine Entscheidung werde voraussichtlich erst nach seiner Asienreise Ende des Monats bekanntgegeben.

Auch in Deutschland wird Obamas richtungsweisende Entscheidung aufmerksam beobachtet. Noch am Dienstag hatte US-Außenministerin Hillary Clinton ein verstärktes deutsches Engagement angesprochen. Sie setze auf Deutschlands Unterstützung für eine neue Afghanistan-Strategie der USA", sagte Clinton in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit MDR INFO. Würden die USA mehr Truppen schicken, könnten sie auch von den Partnern mehr Einsatz verlangen.

Die deutsche Bundesregierung hat jedoch wenig Interesse an einer Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan. Im Gegenteil. Spätestens seit dem tödlichen Bombardement vor Kundus im Auftrag der Bundeswehr ist der Einsatz in Deutschland umstrittener denn je. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält bislang an ihrer "Übergabestrategie in Verantwortung" fest. Zunächst sind nun die USA am Zug.

mit Material von AP/AFP

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