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"First Husband": Der unscheinbare Herr Sauer wird 65

"First Husband" : Der unscheinbare Herr Sauer wird 65

Der Ehemann der Kanzlerin ist so etwas wie das bestgehütete Geheimnis der Berliner Republik. Der Chemiker gilt als Nobelpreis-Anwärter.

Der US-Präsident ist nicht so wichtig. Für Joachim Sauer zumindest. Es ist Juni 2011, Barack Obama hat im Weißen Haus zum Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel geladen. Am Abend will ihr der Präsident die Freiheitsmedaille überreichen, die höchste zivile Auszeichnung des Landes. Eine Ehrenformation hat im Garten Aufstellung genommen. Nationalhymnen, 19 Salutschüsse. Das ganz große Staatsprogramm. Nur Merkels Mann fehlt. Joachim Sauer ist noch bei einem Fachkongress in Chicago und will erst am Abend zum Bankett kommen. Die Wissenschaft geht vor - wie meistens für den Chemie-Professor an der Seite der Kanzlerin. Heute wird Joachim Sauer 65 Jahre alt.

Die US-Episode beschreibt ziemlich gut, welche Rolle der Ehemann der Bundeskanzlerin für sich sieht: keine öffentliche. Joachim Sauer meidet das Scheinwerferlicht. Wenn Angela Merkel auf Staatsbesuch im Ausland ist, müssen sich die (zumeist) Ehefrauen der jeweiligen Staatschefs andere Gesprächspartner suchen. Zu den drei Vereidigungen Merkels als Kanzlerin im Bundestag kam Sauer nicht, zum Leidwesen der Fotografen. Weil er wie Merkel die Opern Wagners schätzt, ist er immerhin einmal im Jahr auf dem roten Teppich in Bayreuth zu sehen. Und immer wieder schaffen es Paparazzi, Bilder von Merkel und Sauer aus dem Osterurlaub auf der italienischen Insel Ischia zu bekommen. Dort entspannen und wandern die beiden auch in diesen Tagen wieder. Seinen 65. Geburtstag feiert er - wie könnte es anders sein - ohne Pomp und Glamour.

Interviews gibt Sauer jenseits seines Fachbereichs nicht. Im vergangenen Bundestagswahlkampf erzählte Merkel, die ihren zweiten Mann an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften Anfang der 80er Jahre kennenlernte, dass ihr Mann gerne mehr Streusel auf dem Kuchen hätte, den sie so gerne backt. Sauer ist Sohn eines Konditors. Das war's dann aber auch schon an persönlichen Informationen. Bei Merkels Wahlsieg im September mischte sich Sauer ausnahmsweise unter die Gäste im Konrad-Adenauer-Haus. Als Merkel ihm dankte ("Er muss auch manches ertragen"), sagte ein prominenter CDU-Politiker spontan: "Ich wusste gar nicht, dass er da ist." Selbst Politiker im engeren Umfeld Merkels wissen nur vom Hörensagen, wer dieser Mann eigentlich ist.

Joachim Sauer ist so etwas wie das bestgehütete Geheimnis der Berliner Republik. Wer sich ihm nähern will, muss in die Wissenschaft eintauchen. Der Quantenchemiker der Berliner Humboldt-Uni ist weltweit anerkannt. 2013 wurde er Ehrendoktor des University College in London und Gastprofessor an der renommierten Universität Berkeley. Manche Wissenschaftler sagen, Sauer könnte irgendwann den Chemie-Nobelpreis gewinnen. Sein Thema sind die theoretischen Grundlagen der modernen Chemie: Wie wirken Moleküle im Zusammenspiel? Welche neuen Werkstoffe könnten dabei entstehen? Würde man seine wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Prozess eines Hausbaus vergleichen, wäre Sauer der Statiker. "Ein unbeirrter Wissenschaftler", sagt jemand, der Sauer und Merkel seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist.

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Und ein Mann mit viel Sinn für Ironie und Humor, wie ein Wissenschaftler berichtet, der viele Jahre in einer Kommission mit Sauer zusammensaß: "Er ist ein ziemlich cooler Typ. Kaum aus der Ruhe zu bringen." Vor Jahren trafen sich einige Wissenschaftler bei Berlin zu einer Tagung. Zentimeterhoch lag der Schnee. Noch vor dem Abendessen stand plötzlich Joachim Sauer auf und verabschiedete sich von den Kollegen. "Ich sollte lieber zurück nach Berlin fahren", sagte er und zeigte schmunzelnd auf die Schneemassen vor der Tür. "Ich habe noch Sommerreifen auf meinem Auto."

(RP)