Anders als Horst Köhler: Der Pastor der Nation

Anders als Horst Köhler: Der Pastor der Nation

Seit knapp 100 Tagen ist Joachim Gauck Bundespräsident. Der ehemalige Pfarrer aus dem Osten gibt den Deutschen Selbstvertrauen und Gelassenheit. Er zeigt Emotionen – und überrascht mit Äußerungen.

Seit knapp 100 Tagen ist Joachim Gauck Bundespräsident. Der ehemalige Pfarrer aus dem Osten gibt den Deutschen Selbstvertrauen und Gelassenheit. Er zeigt Emotionen — und überrascht mit Äußerungen.

Berlin Im Sommer 1955 fühlte Joachim Gauck erstmals die Freiheit. Als 15-Jähriger reiste der Junge aus der DDR für ein Wochenende nach Paris, organisiert von seiner Großmutter aus dem Saarland. Er sah auf einem Markt eine "Fülle von Blumen, Fischen, Obst und Gemüse" und "barbusige Frauen" auf den Titelseiten der Kiosk-Magazine. Er amüsierte sich über ein küssendes Pärchen auf der Champs-Elysées und trank die erste Coca-Cola seines Lebens. "Was für eine Welt!", notierte Gauck später in seinem Buch "Erinnerungen". Der Besuch habe Tore geöffnet, "geografisch und mental".

57 Jahre später ist Joachim Gauck Staatsoberhaupt und Bundespräsident aller Deutschen. Knapp 100 Tage ist er nun im Amt. Mit rhetorischer Kraft, einem Gespür für Gesten und kontroverse Positionen hat der Theologe aus dem Osten bereits Spuren hinterlassen. Gauck spitzt zu ("Der Islam gehört nicht zu Deutschland"), ermahnt ("Politik darf nicht dem globalen Marktgeschehen hinterherlaufen") und lobt ("Soldaten sind Mut-Bürger in Uniform"). In einem Umfeld, das von einer streitenden Koalition und einer lähmenden Euro-Krise geprägt wird, wirkt Gaucks Art erfrischend.

Schon der Start glückte. Ende Februar saß Gauck wie ein Schuljunge in der Pressekonferenz neben der Kanzlerin, die ihn nach zähen Verhandlungen mit der Opposition doch noch nominierte. Gauck erzählte von dem Anruf Merkels, sprach von "der Verwirrung meiner Gefühle" und entschuldigte sich, dass er "nicht einmal gewaschen" sei. Gauck wirkte sympathisch und glaubwürdig.

Inhaltlich blieb der Präsident trotz der Kritik, auch von der Kanzlerin, seinem Leitthema "Freiheit" treu. In seiner wichtigsten Predigt im Herbst 1989 hatte Pastor Gauck in der Rostocker Marienkirche die jungen Revolutionäre ermuntert, ihrer Angst "Auf Wiedersehen" zu sagen und "den aufrechten Gang" zu trainieren. Nun will er auch im Staatsamt Freiheitslehrer bleiben. Er sieht sich als Ermunterer für Demokratie, in Stil und Ton der oberste Pastor der Nation. Gauck beschränkt den Freiheitsbegriff aber nicht auf eine neoliberale Floskel. Die Freiheit, die er meint, ist eine additive. Sie steht nie alleine. Freiheit in Verantwortung, Gerechtigkeit und Teilhabe als Voraussetzung, das sind seine Botschaften. Für Gauck ist das Freiheitsstreben in der Seele verankert. Die Menschen müssten "ermächtigt" werden, sie auszuleben, predigt er.

Gaucks erste Auslandsreise als Präsident führte ihn, den Sohn eines 1943 in Danzig stationierten Wehrmachtssoldaten, nach Polen. Dort kam seine optimistische Art, die Idee eines Rockfestivals von jungen Deutschen und Polen, gut an. In den Niederlanden hielt Gauck wenig später als erster Deutscher die zentrale Rede am Tag der Befreiung, demütig und zugleich nach vorne gerichtet. Die Freiheit müsse zum Projekt Europas werden, mahnte Gauck. Als "bedeutenden, historischen Moment für Europa" würdigten die Gastgeber Gaucks Rede.

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Dabei hatte der die schwierigste Reise noch vor sich: Israel. Für deutsche Politiker zählt dort jedes Wort, jedes Symbol. Johannes Rau, Horst Köhler und Christian Wulff waren mit besonderen Reden und Gesten in Erinnerung geblieben. Und Gauck? Er entschied sich für differenzierte Solidarität. "Wir Deutsche stehen an Israels Seite", stellte er klar. Aber das von Kanzlerin Merkel formulierte Existenzrecht Israels als Teil deutscher "Staatsräson" könne "enorme Schwierigkeiten" bringen, mahnte er. Er meinte eine mögliche Beteiligung Deutschlands an einem bewaffneten Einsatz gegen den Iran. Ein mutiger, neuer Ton. Zumal der Deutsche an wichtiger Stelle Gespür bewies. Nach dem Besuch am Mahnmal für die ermordeten Kinder in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem schrieb Gauck, sein Manuskript beiseite legend, spontan: "Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften."

Anerkennung fand Gauck auch, als er den als rüde empfundenen Rauswurf von Umweltminister Norbert Röttgen durch Kanzlerin Merkel mit warmen Worten des Dankes an den Minister abmilderte. An anderer Stelle vergaloppierte er sich indes, sprach irritierend von "glückssüchtigen" Deutschen und ermahnte das unabhängige Bundesverfassungsgericht, Euro-Beschlüsse nicht zu "konterkarieren". Ein Fauxpas. Warum sollten ihm nicht auch "Anfängerfehler" unterlaufen, räumte Gauck später ein.

In der Euro-Krise hat der Theologe aus dem mecklenburgischen Dorf Wustrow noch nicht Fuß gefasst; die große Rede, der intellektuelle Überbau für das integrierte Europa fehlt bislang. Und wer, wenn nicht Gauck, könnte sie halten?

Den notwendigen Rückhalt in der Politik hat er. Anders als Horst Köhler profiliert sich Gauck nicht als Anti-Politiker. Gauck ist Lobbyist für Politik, wirbt für Demokratie und Engagement und tritt für einen entspannten Nationalstolz ein. Nicht zuletzt, indem er Manschettenknöpfe mit dem Bundesadler-Emblem trägt. Als Gauck vor dem Bundestag erzählte, dass er sich nach dem Fall der Mauer geschworen habe, "nie wieder eine Wahl zu verpassen", waren selbst hartgesottene Abgeordnete gerührt. Gauck verteidigt auch die Schattenseiten: "Politik heißt, sich mit dem Unvollkommenen zu arrangieren."

Was spricht also dagegen, dass Gauck ein besserer Bundespräsident als seine Vorgänger wird, gar die intellektuelle Stärke eines Richard von Weizsäcker erreicht? Vielleicht seine ausgeprägte Eitelkeit und die für einen Staatsmann ungewöhnliche Emotionalität, die fast jedes Treffen Gaucks mit Opfern und Unterdrückten zu einer tränenreichen Begegnung werden lässt. So etwas kann sich abnutzen. So weit ist es aber nicht; Joachim Gauck kommt an. "Danke, dass es Sie gibt", hatte Kanzlerin Merkel ihm anlässlich seines 70. Geburtstages Anfang 2010 zugerufen. Die Deutschen sehen das bislang genauso: 78 Prozent finden, dass der 72-Jährige ein guter Bundespräsident ist.

(brö)
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