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Überlebenskampf und Maniküre: Krankenhaus in Ostjerusalem

Israel : „Wir kümmern uns um alle“

Das Saint-Joseph-Krankenhaus in Ostjerusalem hilft Juden ebenso wie Christen und Muslimen. Dafür muss die kleine Einrichtung auch ungewöhnliche Wege gehen.

Maher Deeb schlägt seine wuchtigen Hände über dem Kopf zusammen und lässt sie dann langsam am Nacken herunterrutschen. Eine Rebe vertrockneter Trauben liegt vor ihm auf dem Teller. Er hat schon länger nichts mehr gegessen. Nachtschicht. Drei Schussverletzte. Patienten aus Gaza. Er versucht alles zu tun, was er kann. Unter dem Tisch glättet er seine froschgrünen Hosenbeine. „Manche Verletzungen sind schlimmer als der Tod“, sagt er.

Als Chirurg und medizinischer Leiter des Saint-Joseph-Krankenhaus in Ostjerusalem hat er davon schon einige gesehen. Mit müden Augen fixiert er Don Quijote in einem Gemälde an der Wand gegenüber. Dann schüttelt er schnell den Kopf, als wolle er sich wieder in das Gespräch zurückholen. Er trinkt einen Schluck kalten Tee. Fanatische Juden und Muslime, Patienten aus Gaza, Opfer von Attentaten, die Attentäter selbst. Schwangere, jüdische Siedlerinnen, schlecht krankenversicherte Patienten aus dem Westjordanland. „Wir kümmern uns um alle!“

Am Ende werde sein Krankenhaus von allen Seiten angefeindet, sagt Deeb. Von den Palästinensern, weil das Saint Joseph auf der Geburtenstation auch koscheres Essen für jüdische Mütter anbietet. Von jüdischen Krankenhäusern, weil sie das Saint Joseph als Konkurrenz sehen. Von israelischen Politikern, weil das Krankenhaus „Terroristen“ behandele. „Alle haben was zu sagen. Dabei wollen wir einfach nur unsere Patienten behandeln.“

In einem rosaroten Zimmer ohne Fenster, dem hintersten Raum auf der Geburtenstation, kurz vor der Sicherheitstür zur Kantine, die beides ist, koscher und halal, scrollt Mai Slebi mit langen Fingernägeln auf ihrem Instagram-Account auf und ab und sucht ihre schönsten Frisuren heraus. Es klopft und Tanya Rozanes steckt ihren Kopf durch die Tür. Mai Slebi nickt und deutet auf den Stuhl ihr gegenüber.

Mai Slebi aus Bethlehem ist Friseurin im Saint Joseph. Seit drei Jahren wäscht sie den Müttern nach der Geburt die Haare und glättet sie, lackiert den Frauen die Nägel. Mit der Eröffnung der Geburtenstation kam auch die Idee für den Schönheitssalon. Er soll den Müttern den Aufenthalt im Saint Joseph noch angenehmer machen.

Mittlerweile sitzen bis zu 15 Frauen täglich vor dem roten Spiegel. Vergangenen Oktober auch die erste orthodoxe Jüdin. Seitdem nimmt die Zahl der jüdischen Kinder, die im Saint Joseph zur Welt kommen, schnell zu. Eine Seltenheit, denn normalerweise sind es palästinensische Mütter, die aufgrund der besseren medizinischen Möglichkeiten in israelischen Krankenhäuser entbinden, nicht umgekehrt.

Die Geburtenstation ist zur wichtigsten Einnahmequelle für das Saint-Joseph-Krankenhaus geworden, das mit nur 300 Betten und 150 Angestellten, das kleinste Spital in Jerusalem ist. Für jede Geburt zahlt das staatliche israelische Versicherungsamt eine Prämie von 13.000 Shekel, umgerechnet 3000 Euro. Damit wurde das palästinensisch geführte Krankenhaus im Ostjerusalemer Stadtteil Sheikh Jarrah, das einem französischen Schwesternorden gehört, für jüdische Entbindungsstationen zur Konkurrenz. „Die anderen Krankenhäuser in Westjerusalem waren stinksauer, als das kleine Krankenhaus in Ostjerusalem vor drei Jahren seine Geburtenstation eröffnet hat“ sagt Irith Hadas, Leiterin der Radiologie im Krankenhaus und einzige jüdische Ärztin im Haus. „Da war die Hölle los!“

Tanya Rozanes schwarzes Wickelkleid spannt noch etwas um den Bauch. Erst gestern brachte sie in einem aufblasbaren Wasserbecken ihren zweiten Sohn zur Welt. „Problemlos.“ Die 33-Jährige kommt ursprünglich aus Moskau. Seit über 20 Jahren lebt sie in Jerusalem. Zusammen mit ihrem israelischen Mann Dor leitet sie ein Sprachstudio. Wegen der Wassergeburt ist sie ins Krankenhaus gekommen. Das habe ihr Gynäkologe ihr empfohlen. Denn das Saint-Joseph-Krankenhaus ist das einzige der Stadt, das Wassergeburten anbietet. Auch die drahtlosen Monitore, die der Mutter erlauben, sich während der Wehen im Krankenhaus frei zu bewegen, haben Rozanes überzeugt.

Slebi deutet auf das Regal hinter ihr, in dem die Nagellackfläschchen leuchten. „Haben Sie etwas Neutrales? Eine Körperfarbe? Nicht zu knallig.“ Slebi holt mit prüfendem Blick ein Warnwestenorange aus dem Regal. „Öfter mal was Neues“, sagt Rozanes. Die Friseurin lacht und schraubt den Pinsel ab.

Auf der selben Etage, im alten Gebäudeteil, sitzt Dawood Al Shobaki auf einem Stuhl vor der Intensivstation und hält sein Telefon in Armlänge von sich. Hier ist das Licht greller, an den Wänden hängt statt Strandbildern ein Erste-Hilfe-Plakat. Al Shobakis Schnurrbart ist fein ausrasiert. Seine Beine übereinandergeschlagen. Er schreibt seiner Familie in Gaza, die er vor einem Monat das letzte Mal gesehen hat. Seitdem lebt er im Saint-Joseph-Krankenhaus, duscht hier und schläft auf einem Stuhl am Gang. Beistellbetten für Angehörige aus Gaza, deren Aufenthaltsgenehmigung nur bis zum Parkplatz reicht, gibt es im alten Gebäudeteil noch keine. Anders als auf der vom israelischen Gesundheitsministerium finanzierten Geburtenstation fehlen hier die finanziellen Mittel.

Israel zahlt nur für die Behandlung israelischer Staatsbürger. Palästinenser aus dem Westjordanland und Gaza müssen für die Krankenhauskosten auf israelischem Gebiet seit dem Friedensabkommen von Oslo 1994 selbst aufkommen. Doch das Geld reicht oft nicht.Immer wieder müssen die Krankenhäuser in Gaza ihre Patienten aufgrund des Mangels an Elektrizität, Ausstattung und medizinischem Personal nach Jordanien, Ägypten und Ostjerusalem überstellen. Eine Genehmigung für Ostjerusalem ist dabei am schwersten zu bekommen.

Das Saint Joseph behandelt Patienten aus Gaza oft kostenlos – finanziert mit den Einnahmen aus der Geburtenstation für jüdische Israelis. Sonst wäre die Behandlung der palästinensischen Patienten oft nicht möglich. Auch die von Dawood Al Shobakis Sohn Zahri nicht. Seine Diagnose: Genickschuss, Lähmung aller vier Gliedmaßen und das Locked-in-Syndrom – Bewegungsunfähigkeit bei vollem Bewusstsein.

Ein paar Schritte weiter, im neuen Gebäudeteil, sitzt Rozanes frisch geföhnt wieder auf ihrem Bett. In einer Krippe vor ihr schläft ihr Baby. Hinter dem Vorhang neben ihr zerbricht in einer arabischen TV-Schulze, begleitet von wimmerndem Schluchzen, gerade eine Ehe. Im Gegensatz zu anderen Krankenhäusern werden die jüdischen und arabischen Mütter in den Zimmern nicht getrennt. Rozanes hat kein Problem damit. „Wir sind ja nur 48 Stunden hier.“

Als sie erfährt, dass im alten Trakt des Krankenhauses auch Demonstranten aus Gaza behandelt werden, richtet sie sich im Bett ein Stück auf: „Aus Gaza?“ sagt sie. „Hier?“ Sie lächelt angespannt und nach einer Weile sagt sie: „Ich muss jetzt stillen“, sagt sie hastig.

Dawood Al Shobaki hat Israelis in seinem Leben meist nur als Soldaten, Besatzer oder militante Siedler im Gazastreifen kennengelernt. Er nahm ihre Drohnen und Flugzeuge wahr. Doch darüber will er nicht sprechen. Darum geht es ihm nicht mehr. Er will nur, dass sein Sohn überlebt.

Zur Seite gekrümmt liegt Zahri auf seinem Bett. Sprechen kann er nicht mehr, nur noch blinzeln. Nach vier Wochen im Saint Joseph entwickelten Vater und Sohn ein eigenes Alphabet, um zu kommunizieren. Immer wenn der Vater einen Buchstaben sagt, formt der Sohn eine Form mit seinem Mund und blinzelt mit seinen Wimpern. Nach einer Woche konnte er seinem Vater sagen, er fühle sich, als habe er überall Gänsehaut. Für Al Shobaki war das die Gewissheit, dass sein Sohn fühlen kann. Doch er weiß, sobald das Krankenhaus seinen Sohn zurück nach Gaza überführt, ist das sein Todesurteil.

Verletzt wurde der junge Mann an dem Tag, an dem es in Gaza schwere Proteste gegen die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem gab. Angeführt von Aktivisten der Hamas versuchten Palästinenser, den Grenzzaun zu Israel zu stürmen. Die Soldaten schossen scharf. Zahri, 22, ging zum ersten Mal mit auf die Demonstration. „Er war wohl neugierig. Davor hatte ihn das nie interessiert“, sagt sein Vater. Am Ende des Tages, als die Krankenhäuser nicht mehr wussten, wohin mit den Verletzten, standen zwei Freunde von Zahri plötzlich vor Dawood Al Shobaki. Sein Sohn, sagten sie, sei jetzt ein Märtyrer.

52 Tote, mehr als 2400 Verletzte. Es war der blutigste Tag in Gaza seit dem Krieg 2014. Al Shobaki ging von Krankenhaus zu Krankenhaus. Von Zimmer zu Zimmer. Von Gang zu Gang. Und schließlich von Kühlraum zu Kühlraum. „Die Schussverletzten stapelten sich in den Gängen“, erinnert er sich, „nirgendwo konnte ich ihn unter den Verletzten finden. Ich dachte, er existiert nicht mehr“. Nach neun Stunden begann er seine Suche wieder dort, wo er angefangen hatte, im ersten Krankenhaus. Und fand Zahri in einer Ecke liegen, mit einem Schild auf der Brust: „Anonym Nummer 1“.

Die Ärzte hatten Zahri schon beinahe aufgegeben, weil sie ihn ohne Elektrizität nicht durchgängig künstlich beatmen konnten. Neun Tage blieb Al Shobaki bei seinem Sohn im Krankenhaus und kämpfte für seinen Transfer auf israelisches Gebiet. Er schrieb Briefe an Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und telefonierte stundenlang mit dem israelischen Gesundheitsministerium. Und jeden Tag musste er die Ärzte in Gaza aufs Neue überzeugen, seinen Sohn nicht aufzugeben.

Dann bekam er schließlich die ersehnte Genehmigung – vom Saint-Joseph-Krankenhaus in Sheikh Jarrah, Ostjerusalem. Vor Kurzem kamen einige Journalisten und wollten mit Vater und Sohn sprechen. „Warum wollen Sie jemanden interviewen, der tot ist“, fragten die Ärzte. Al Shobaki, war schockiert, hätte seinem Sohn am liebsten die Ohren zugehalten. Doch es war zu spät.

Ein paar Tage später setzte sich ein Chirurg neben ihn auf die Wartebank vor der Intensivstation. Er sagte: „Schauen Sie sich den Fall aus der Sicht eines Arztes an, nicht aus der eines Vaters.“ Danach wusste Al Shobaki, dass dem Krankenhaus das Geld ausgeht. Und seinem Sohn die Zeit. Doch bis dahin wird er auf seinem Stuhl im Wartezimmer bleiben.