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"Schicksalsjahre" im ZDF: Wenn der Krieg das Glück zerstört

"Schicksalsjahre" im ZDF : Wenn der Krieg das Glück zerstört

(RP). Das ZDF zeigt ab Sonntag in einem neuen Zweiteiler mit Maria Furtwängler, wie der Krieg, der große Vernichter, die Zweisamkeit eines Paares, das füreinander bestimmt war, auslöscht. Das Buch zum Film lieferte Uwe-Karsten Heye, der ehemalige Sprecher von Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit seiner einfühlsam geschriebenen Familiengeschichte.

Der Krieg sei der Vater aller Dinge, meinte Heraklit vor 2500 Jahren. Die Menschheit lernt dazu, hat sie doch überwiegend begriffen, dass der "Vater aller Dinge" Böses zeugt, ein großer Vernichter ist — ein Zerstörer von Leben, Moral, Gütern und auch allzu oft dem kleinen, großen Glück, von dem das Ehepaar Ursula und Wolfgang Heye vergebens hoffte, es möge lebenslang währen.

Ein ZDF-Zweiteiler "Schicksalsjahre" erzählt so beispielhaft wie eindringlich, was Krieg bedeutet, wie er zwei Menschen, die sich 1937 lieben lernten, 1939 heirateten und 1941 für immer auseinandergerissen wurden, "vom Glück nur einen Schatten" zugestanden bekamen.

Ursula (Ursel) und Wolfgang Heye sind die Eltern von Uwe-Karsten Heye. Der gehörte als Regierungssprecher in Hannover, Bonn, Berlin zwölf Jahre lang zum engsten Kreis des niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Heyes wie Schröders Familie wurde durch den Krieg ins Mark getroffen.

Schröders Vater fiel als Soldat kurz vor dem Ende der Hitler-Raserei, die Mutter schlug sich als Putzhilfe mit fünf Kindern durch. Aus Heyes Mutter Ursel, deren Ehemann 1943 als Soldat vermisst und für tot erklärt wurde, machten Krieg und Nachkriegs-Elend eine unglückliche, früh vom (Über-)Lebenskampf gezeichnete Frau.

Ob Schröder (Jahrgang 1944) und Heye (Jahrgang 1940), zwei politisch eng miteinander verbandelte Sozialdemokraten, über ihre frühen Biografien, ihre Vaterlosigkeit, die Nöte ihrer allein erziehenden Mütter viel miteinander gesprochen haben? Eher wohl nicht. Schröder war stets der Aufsteiger, der als Kind "Kitt gefressen" hat, wie er einmal sagte, und das als Härtetest nahm.

Schröders Sprecher, Sohn der Pianistin Ursel und des Opernsängers Wolfgang Heye, ist eher eine Künstlernatur, einem Willy Brandt, für den der Journalist einst in Bonn Reden schrieb, seelisch mehr verwandt als seinem beruflichen Gönner Schröder. Der ließ es privat mit eisernen Kumpeltypen bei schwerem Rotwein und ebensolchen Zigarren krachen.

Uwe-Karsten Heye, der als Zeitungsmann und Regierungssprecher seine Sensibilität mit einem Hauch Arroganz parfümierte, verarbeitete das Schicksal seiner Eltern, zuvorderst das seiner Mutter, nach Art von Feingeistern: in Buchform und nicht ohne pädagogisch-politischen Hintersinn. Heye schrieb eine lesenswerte deutsche Familiengeschichte, die Vorlage zum erwähnten Fernseh-Zweiteiler. Heyes Mutter wird im Film von Maria Furtwängler dargestellt, keine Quotenfrau, eine Quotenbringerin im TV.

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Heye liegt daran, den deutschen Zivilisationsbruch schlechthin im Kleinen nachzuzeichnen. Ursel und Wolfgang stehen für Millionen anderer Paare, denen Hitlers Kriegsfanatismus und der allgegenwärtige Nazi-Terror den Traum von Zweisamkeit zerschmetterten. Das Los der beraubten Kriegs-Generation wird mit dem Sohnes-Blick auf Vater und Mutter ergreifend deutlich.

Man spürt bei Heye: Auch er hat, wie Thomas Mann nach eigenem Bekunden, erst durch die NS-Barbaren zu hassen gelernt. Wer mag es ihm verdenken? Er erlebte und erlitt, wie Hitlers Krieg in Russland, in den sein Vater gezwungen worden war, auch seine Mutter ins Elend stürzte; er bekam mit, wie des Diktators willige Helfer seiner Familie zusetzten, die Mutter schließlich zur Scheidung nötigten, weil sich ihr Mann, der vollkommen unsoldatische Opernsänger, von der Truppe entfernt hatte.

Ursel und Wolfgang Heye waren wie so viele andere Zeitgenossen Verbrechern ausgeliefert, ganz nach dem Nazi-Jargon: parieren oder krepieren. Uwe-Karsten Heye dreht sich der Magen um, wo immer er in Deutschland Widergänger der Nazis am Werk sieht. Auch er möchte dann den Weckruf "Empört euch!" hinausschreien. Buch und Film sind Mittel dazu.

Barbara Bonewitz, Heyes ältere Schwester, erzählt von dem Warten, Bangen, Hoffen ihrer Mutter Ursel, ob nicht die Nachkriegs-Suchmelde-Sendungen des Roten Kreuzes im Radio doch noch ein Lebenszeichen des vermissten Ehemannes geben. Juristisch war Ursel von der Liebe ihres Lebens geschieden, weil sie auch von der eigenen Mutter gedrängt worden war, sich von dem "nichtswürdigen Deserteur" zu trennen.

Aus ihrem Herzen hat Ursel Heye ihren Wolfgang nie entlassen. Dem Sohn hat sie das auf einigen Blatt Papier als höchstpersönliches Vermächtnis hinterlassen. — Tieftrauriger Schluss der familiären Schicksals-Melodie: das nicht mehr erwartete Wiedersehen von Ursel und Wolfgang Ende der 50er Jahre. Aus ihrer Liebe ist Fremdheit geworden, gewissermaßen: der Tragödie letzter Teil.

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(RP)