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Rainer Werner Fassbinder: Der Rebell des deutschen Films

Rainer Werner Fassbinder : Der Rebell des deutschen Films

Er war das größte Genie des deutschen Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 10. Juni 1982 wurde Rainer Werner Fassbinder tot aufgefunden. Der 37-Jährige hatte in 13 Jahren mehr als 40 Filme gedreht. Die Wiederbegegnung mit diesem Werk ist ein großartiges Erlebnis.

Gegen halb fünf am Morgen des 10. Juni 1982 fand eine Mitarbeiterin den toten Regisseur in seiner Münchener Wohnung. Er hatte wie üblich nachts gearbeitet. Ein neues Projekt stand an, die Verfilmung des Lebens von Rosa Luxemburg, Jane Fonda war bereits für die Hauptrolle engagiert.

Fassbinder beflügelte seine Kreativität stets mit Kokain, bis zu drei Gramm konsumierte er täglich, aber dieses Mal hatte er zu viel genommen, dazu Alkohol und Medikamente. Das größte Genie des deutschen Kinos nach dem Krieg war tot, Fassbinder wurde 37 Jahre alt, er hinterließ mehr als 40 Filme.

Auf wenige andere Künstler trifft der Vergleich mit der Kerze, die an beiden Enden brennt, so zu wie auf den Mann, der sich als eine Mischung aus Teufels General und romantischem Desperado inszenierte. Fassbinder hatte innerhalb von 13 Jahren Weltgeltung erlangt, in Frankreich sprach man vom "deutschen Balzac", die "New York Times" nannte ihn "den Messias des neuen deutschen Films".

Liebe als Instrument der Unterdrückung

Er debütierte 1969, brachte damals gleich zwei Produktionen heraus, "Liebe ist kälter als der Tod" und "Katzelmacher". Das waren Gangsterballaden, echter Zorn, geliehene Bilder — Godards "Außer Atem" diente als Vorbild. Fassbinder hatte eine private Schauspielschule besucht, die staatlichen Akademien lehnten ihn ab.

Er brachte sich das Filmen selbst bei, die Grundlagen lernte er auf dem Theater, auf den Off-Bühnen in Münchens Lumpen-Boheme. Von dort brachte er seine Entourage mit, Irm Hermann und die Schygulla, Kurt Raab, Ingrid Caven, Udo Kier und all die anderen. Von Film zu Film wurde er sicherer, und nah an der Perfektion arbeitete er Ende der 70er Jahre, als Produktionen wie "Die Ehe der Maria Braun" auch international für Aufsehen sorgten. Damals hatte er das Selbstbewusstsein, Romy Schneider abzulehnen, die der Star des Films werden sollte. Er bestand auf Hanna Schygulla.

Man muss sich das vorstellen: Da brach einer ein in die heimatselige deutsche Filmbranche, in der die Heide noch grün war und voller Schwarzwaldmädel, und er zeigte, wie es zuging in den Städten, Küchen und Betten. Fassbinders Thema war die Liebe als Instrument der Unterdrückung, die hinterhältige Liebe, die alles Hoffen kaputtmacht, und er fand rührende Bilder dafür: Irm Hermann, die in "Händler der vier Jahreszeiten" mit gesenktem Kopf vor dem Abendbrot sitzt und auf ihren Mann wartet. Brigitte Mira in "Angst essen Seele auf", wie sie in einem Lokal mit rot verfliestem Tresen in ihre Armbeuge schluchzt. Fassbinder mochte das Ungelenke, seine Figuren torkeln, sie werden ins Leben geworfen, von der Geschichte bedrängt.

Fassbinder verstörte und störte

Sein minimalistischer Stil, die reduzierte Filmsprache ergaben sich aus den Produktionsbedingungen. Er verzichtete auf Proben und Drehbücher. Schauspieler durften Rollen nicht hinterfragen, sonst wurde er despotisch. Fassbinder vermied selten das Klischee. Fontanes Roman "Effi Briest" etwa skelettierte er bis auf den Konflikt der unterdrückten Frau mit dem kalten Gatten. Trotzdem gelang Großes, seine Vereinfachungen dienten der Nachvollziehbarkeit — "leere Kinos helfen uns nicht weiter", sagte er. Man gab ihm für damalige Verhältnisse sündhaft hohe Budgets, zehn Millionen Mark etwa für "Lili Marleen" (1981), er kassierte 250 000 Mark pro Film und drehte mit Weltstars wie Dirk Bogarde und Andréa Ferréol ("Despair", 1977). Als 1982 "Die Sehnsucht der Veronika Voss" den Goldenen Bären gewann, sprach man vom ersten deutschen Hollywoodfilm.

Trotz des immensen Erfolgs verweigerte man ihm den Zutritt zu Galas und Empfängen. Da waren die offen gelebte Homosexualität, die Berichte aus Saunaclubs, seine Eroberungen, die er in seinen Filmen besetzte. Günther Kaufmann etwa, die Liebe seines Lebens: Für ihn schrieb er den Western "Whity". Dann die eigenartige, zwei Jahre währende Ehe mit Ingrid Caven. Schließlich die politischen Skandale. Fassbinder hatte in München mit Horst Söhnlein Theater gespielt, dem Mann, der beim Frankfurter Brandstifter-Prozess mit den RAF-Gründern Andreas Baader und Gudrun Ensslin auf der Anklagebank saß. Und das wüste Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod": Fassbinder schrieb es 1975 während seiner Intendanz am Theater im Turm zu Frankfurt

Alkohol und Koks

Ein jüdischer Immobilienspekulant verhilft darin durch seine von der Stadt gedeckten Machenschaften einer Prostituierten zu Einfluss. Sie ist die Tochter eines früheren KZ-Aufsehers. Mitglieder der jüdischen Gemeinde besetzten die Bühne, weil sie das Drama für antisemitisch hielten, und zu Lebzeiten Fassbinders gab es keine Aufführung. Fassbinder verstörte, er störte.

Er zerstritt sich mit den meisten aus seiner Theaterfamilie, mit seinem Kameramann Michael Ballhaus ebenso wie mit Irm Hermann. Er soff und kokste, und am Ende wankte er durch die Straßen und schlief bisweilen auf dem Trottoir ein. "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin" war sein Lieblingssatz. Zartheit und Verletzlichkeit flossen allein in die Filme, über sie kommunizierte er, und wer "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" (1971) kennt, weiß, wie Fassbinder sich gefühlt haben muss, als Günther Kaufmann ihn nicht erhören mochte. Die eigene Biografie diente ihm als Steinbruch: "Andere gehen zum Psychiater, ich mache einen Film."

Der 30. Todestag ist ein Anlass, das Werk noch einmal zu betrachten. Man wird darin viel Schönheit finden, das tanzende Paar in der Schluss-Szene von "Angst essen Seele auf" etwa. Vor allem aber ist da Wahrheit, die Wahrheit des Gefühls. Das ist engagiertes Kino, es reflektiert die Zeit, in der es entstand. Fassbinder war der Seismograph der 60er und 70er Jahre.

Die Welt sah damals anders aus. Aber was darin passierte, wirkt immer noch vertraut.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder aus dem Leben von Rainer Werner Fassbinder

(RP/csi/sap)