TV-Nachlese: Gier fressen Hirn auf bei Illner

TV-Nachlese: Gier fressen Hirn auf bei Illner

Natürlich konnte sich auch Maybrit Illner dem kollektiven TV-Reigen zur Betrachtung der Causa Hoeneß nicht entziehen. Die guten Vorsätze, doch bitte sachlich zu bleiben, hielten nur kurz. Stattdessen spekulierte die Runde im Fußball-Jargon über Uli Hoeneß als gespaltene Persönlichkeit.

An Hoeneß kommt derzeit keiner vorbei. Auch Maybrit Illner nicht. Am Donnerstag diskutierte sie mit ausgewählten Gästen unter dem Titel "Wer stoppt die Steuersünder?" Doch Sinn und Unsinn von bestimmten Methoden im Kampf gegen Steuerbetrug wie etwa die Selbstanzeige schafften es nur vorübergehend in den Fokus. Eigentlich drehten sich auch Illner und ihre Gäste nur um Uli Hoeneß.

Mit in der Runde: Grünen-Chef Jürgen Trittin, Rainer Holznagel vom Bund der deutschen Steuerzahler, der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach, der Journalist Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung und ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein.

Hoeneß hat noch Bewunderer

In ihr hatte Hoeneß an diesem Abend seinen entschlossensten Verteidiger. Sie weigerte sich strikt, ihr Bild des Unternehmer und Fußball-Managers wegen dessen heimlicher Steuerhinterziehung zu revidieren. Lieber hob Müller-Hohenstein hervor, mit welchem Engagement sich Hoeneß für den Fußball wie auch wohltätige Zwecke eingesetzt hatte. "Ein Mensch, den ich bewundere." Manchem in der Runde weiteten sich bei solchen Sätzen die Augen.

Den Gegenpart übernahmen insbesondere Trittin und mit Abstrichen Leyendecker. Der Grünen-Chef ließ keinen Zweifel an seiner Sicht, dass es sich bei Steuerhinterziehung ohne Wenn und Aber um Kriminalität handelt. Am eindringlichsten geriet sein Wortbeitrag zum Begriff "Steuersünder". "Eine Verharmlosung von Kriminalität", schimpfte der Grüne.

Trittin behilft sich mit 100 Omas

Trittin illustrierte das mit einem Beispiel von 100 Omas, denen jeweils 1000 Euro unterschlagen worden sein, also insgesamt 100.000 Euro. "Würden Sie den Oma-Sünder nennen?", wollte der grüne Spitzenmann wissen und lieferte die Antwort gleich hinterher. "Nein. So einer ist ein Betrüger."

Die Parallelen zum Staat musste er gar nicht erst näher erläutern. Ebenso wenig, dass es ihm gar nicht speziell um Hoeneß ging. Sondern um die Bekämpfung eines Massenphänomens von mehreren zehntausend vergleichbaren Fällen im Jahr.

Bosbach drischt auf die Superreichen ein

Bei Wolfgang Bosbach wird mit solchen Themen offensichtlich ein Reflex ausgelöst. Der CDU-Politiker gibt traditionell vor, für die Anliegen des kleinen Mannes zu kämpfen. Das beherrscht er wie kein Zweiter: Zu Hochform läuft er auf, als er über die Superreichen herzieht, die trotz eines monströsen Vermögens dem Staat und damit der Gemeinschaft Geld vorenthalten. "Man kann nur hinter einem Boot Wasserski laufen", schimpft Bosbach. Seine Erkenntnis: "Gier frisst manchmal das Gehirn auf."

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Inwieweit Gier sich in der deutschen Gesellschaft als Handlungsnorm festgesetzt hat, darauf wollte der Reigen bei Illner freilich nicht weiter eingehen. Verständlich. Mit komplexen Vorgängen tun sich Talkshows immer schwer. Als viel einfacher erwies es sich daher, sich mit dem Phänomen Uli Hoeneß zu befassen. Sollte auch ihm die Gier den Verstand aufgefressen haben?

Ein Bild voller Widersprüche

Der Fall Hoeneß hat deswegen so viel Aufmerksamkeit erregt, weil er eine Fallhöhe besitzt wie keine einzige andere Steuerbetrüger-Personalie in den vergangenen Jahren. Hoeneß hat sich eben auch politisch und moralisch aus dem Fenster gelehnt. Illner illustriert mit Zitaten. Er wisse, dass es doof sei, zahle aber hundert Prozent seiner Steuern, soll Hoeneß formuliert haben. Oder er ließ wissen, dass er auch gerne mehr Steuern zahlen würde, wenn die Politik ihm denn sagen würde, was sie mit dem Geld anfangen und wie die Schuldenmacherei begrenzen könne. Hoeneß wird eingeholt von seinen forschen Sprüchen.

Gleichzeitig war er immer einer, der stets helfen wollte, sich sozial und karitativ engagierte. Insbesondere Katrin Müller-Hohenstein bemüht sich daher, den Steuerbetrüger Hoeneß und den Präsidenten und Gönner Hoeneß voneinander zu trennen. "Man kann doch jetzt nicht den Stab über ihm brechen", sagt sie. Mehrfach wird in der Sendung an den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnert. Beide waren umgehend auf Distanz zu Hoeneß gegangen. Bosbach spricht allgemeiner von den "Scheinheiligen" im Bundestag.

Hoeneß - Split Screen

Wie sich nun die immensen Widersprüche im Reden und Handeln des Bayern-Präsidenten erklären lassen, darauf weiß niemand in der Runde eine erschöpfende Antwort. Doch dass in Hoeneß zwei Persönlichkeiten schlummern, darin sind sich doch die lllner-Talker einig.

Am plausibelsten bringt die Gedanken der SZ-Journalist Hans Leyendecker auf den Punkt. "Er war nicht der Raffzahn, den wir immer verbinden mit dem Steuerbetrüger", sagt er. Sein Schlüsselsatz: "Aus seiner Sicht war es virtuelles Geld." Mit dem Geld auf dem Konto in der Schweiz habe er schlichtweg gezockt. "Plötzlich ein Schatzkästlein, du kannst dich bedienen, du kannst spielen", psychologisiert er. "Sie meinen eine Art Split-Screen", fragt Illner. Genau das.

Der Druck wächst

Belastbare Erkenntnisse bleiben bei Illner freilich die Ausnahme, so ist es wohl inzwischen üblich für Talk-Shows. Der Appell von Rainer Holznagel, doch bitteschön den Pranger einzupacken und zur Sachlichkeit überzugehen verebbte vielmehr ungehört.

Die Einschätzungen Leyendeckers und Trittins dürften es freilich wert sein, überprüft zu werden. Beide gaben sich überzeugt, dass für Steuerhinterzieher extrem harte Zeiten anbrechen. Angesichts des wachsenden internationalen Drucks passteLuxemburg sein Banksystem den neuen Anforderungen an Transparenz und Austausch an, und auch die Schweizer Banken drängten ihre Kunden, sich zu offenbaren. Derzeit überwiegt die Stimmung: Das geht so nicht mehr lange gut

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(pst)