TV-Kritik "Tempelräuber": Das Beste aus Münster

TV-Kritik "Tempelräuber": Das Beste aus Münster

Düsseldorf (RPO). Am Münsteraner "Tatort" scheiden sich die Geister der Krimi-Fans. Die eine Hälfte freut sich über das westfälische Gag-Festival. Die andere Hälfte beklagt, dass regelmäßig die Spannung auf der Strecke bleibt. Am Sonntagabend gelang den Machern jedoch ein eindrucksvoller Spagat.

Ein "Tatort" nämlich, der gleichermaßen amüsant, spannend und feinfühlig mit einem komplexen Thema umging. Ein herausragender Ulrich Noethen machte "Tempelräuber" endgültig zum bisher besten "Tatort" der WDR-Reihe.

Münster. Die Bischofsstadt steht für beschauliches Bürgertum, gediegenen Konservatismus und natürlich: die katholische Kirche. Wem dies bisher entgangen sein sollte, wird früh im Film von der stets skurrilen Staatsanwältin Klemm auf Stand gebracht: "Ein toter Priester zählt so viel wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten", berichtet die Kette rauchende Juristin und meint es nicht als Scherz.

Unaufdringlich und ohne falsche Effekthascherei entwickelt der "Tatort" seine Geschichte: Heimliche Liebesbeziehungen, erst ungewollte und dann geliebte Kinder; die innere Zerrissenheit von katholischen Priestern, denen das Zölibat strenge Lebensregeln und leider auch Lebenslügen auferlegt.

Die Handlung braucht etwas, um in die Gänge zu kommen. Doch diese Gemächlichkeit ist eine Stärke des Films. Die Protagonisten leiden leise, ihre Blicke sagen viel. Der Zuschauer findet Zeit zum Nachdenken, zum Mitleiden.

Eindrucksvoll spielt Ulrich Noethen, der zuletzt zum Leidwesen des deutschen Films auf die Rolle des Nazi-Schergen abonniert schien, einen Priester, der seit Jahren heimlich mit seiner Familie unter einem Dach lebt. Als er dann auch noch von einer weiteren Tochter erfährt, droht sein Leben endgültig zusammenzubrechen.

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Lange vermutete der Zuschauer, dass er es war, der seinen strengen Glaubensbruder und Vorgesetzten ermordete. Dass der heimliche Sohn letztlich der Täter war, kommt überraschend, vielleicht auch etwas zu dick aufgetragen. Sei es drum.

Trotz dieses dramatischen Falls gelang es den Machern erneut, den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen. Zwar ist der Kunstgriff, einen Ermittler in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken, nicht eben neu. Wie Professor Börne mit zwei eingegipsten Händen einen Laib Brot aufschneidet, war dennoch sehenswert.

Und dass der versnobte Pathologe im Umgang mit einem jungen Geigenspieler auch mal Gefühle zeigte, war mehr als überfällig. Ein wenig anstrengend werden indes Börnes Witze über seine kleinwüchsige Kollegin Alberich. Nicht etwa, um sich dem Diktat der politischen Korrektheit zu beugen. Die Scherze mit den alternierenden Pointen "klein" und "groß" sind schlicht nicht sonderlich witzig.

Von diesem kleinen Schönheitsfehler abgesehen: Krimi-Fans können sich auf den nächsten Fall aus Münster freuen.

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