Weihnachten: Flucht ist das große Thema der Bibel

Weihnachten : Flucht ist das große Thema der Bibel

Die Bibel ist voll von Geschichten der Migration, der Flucht und Vertreibung. Sie heiligen nicht die Not der Flüchtlinge unserer Zeit. Aber sie zeigen, dass die Grenzüberschreitung von Beginn an ein Menschheitsthema ist.

Weihnachten erzählt die Geschichte einer Ankunft. Die Geburt Jesu ist ihr Evangelium, ihre frohe Botschaft. Alles ist gut und wahr in dieser Nacht. Doch ihre Stille ist wenig mehr als eine Atempause. Schon die Vorgeschichte dokumentiert eine Reise, die Josef mit der hochschwangeren Maria unternehmen muss. Ihr Weg von Nazareth nach Bethlehem ist der Volkszählung geschuldet - angeordnet vom römischen Kaiser Augustus. Das ist keine leichte und schon gar nicht ungefährliche Unternehmung. Und dass die Stätte der Geburt dann ein Stall mit einer Krippe sein wird, zeigt, wie provisorisch diese ganze Reise ist.

Zur Ruhe aber bleibt auch hier keine Zeit. Ein Engel des Herrn drängt bald zur Flucht, und diesmal ist es eine in großer Bedrängnis. König Herodes hat nämlich von der Geburt eines Königs der Juden erfahren; jetzt wittert er Konkurrenz. Und er reagiert so grausam, wie Machtbesessene oft reagieren: Alle Neugeborenen zu Bethlehem lässt er töten. Das Glück von der Menschwerdung Gottes ist damit überschattet von diesem Kindermord.

Die Bibel ist voll von Geschichten der Migration, der Flucht und Vertreibung. Doch sie heiligen nicht die Flüchtlingsbewegungen unserer Zeit. Die Not dieser Menschen duldet kein Pathos; nichts ist idyllisch. Was uns die Bibel jedoch zeigt, ist, dass die Migration in vielen Gestalten und aus vielen Motiven das große Menschheitsthema von Beginn an ist.

Im Zentrum steht die Flucht Jesu - als Heilsgeschichte und Unglücksgeschichte zugleich. Und noch ist nichts entschieden mit der Flucht nach Ägypten und einem Leben im rechtlosen Raum. Was bleibt, ist die Kraft der Hoffnung; da wird unsere Gegenwart plötzlich greifbar nahe. Der österreichische Theologe und Jesuit Andreas Batlogg hat das zugespitzt so formuliert: "Die Geburt Jesu hieß, theologisch gesprochen, nichts anderes als: ,Wir schaffen das!'"

Die erste Vertreibung

Am Anfang steht die Ausweisung. Nicht aus einem nur schönen Land, sondern geradewegs aus dem Paradies. Gott vertreibt Adam und Eva, weil diese vom Baum der Erkenntnis gekostet haben. Nicht Gott, sondern der Mensch will nun der Handelnde sein. Eine alte Ordnung scheint verloren zu gehen. Die Konsequenz ist Gottes Strafe, ist die Vertreibung und Sterblichkeit.

Ein Bootsflüchtling

Kaum hat das Leben auf der Erde so richtig begonnen, da scheint die Schöpfung bereits ihr Ende gefunden zu haben. Gott straft die Menschen mit einer Sintflut, bis auf Noah, der Gnade in den Augen des Herrn fand, wie es in der Genesis heißt. Er baut eine Arche, nimmt reine und unreine Tiere auf und übersteht mit ihnen das 40 Tage währende Unwetter. Als alles vorbei ist, baut der Überlebende sogleich einen Altar. Hat Noah wirklich nichts Besseres zu tun? Nein. Der Bootsflüchtling Noah ist der Retter der Menschheit; ein anderer "Bootsflüchtling" soll später zum Retter des Gottesvolkes Israel werden.

Noch ein Bootsflüchtling

Das ist die Fluchtgeschichte eines ganzen Volkes. Die Israeliten sind in Ägypten versklavt und schuften auf den Baustellen des Pharao - laut Bibel 430 Jahre lang. Bis endlich Moses kommt, der von seiner Mutter in einem Bastkorb auf den Nil ausgesetzt und von der Prinzessin des Landes gefunden und erzogen wird. Er wird sein Volk ins gelobte Land führen und dabei spektakulär auch durchs Meer ziehen, das sich für das Gottesvolk teilt. Die Knechtschaft in Ägypten wird zum biblischen Motiv und zur Lehre auch für unser Verhältnis zu Flüchtlingen - denn: "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen."

Der Rückkehrer

Viele große Gestalten der Bibel sind Menschen, die sich auf den Weg machen. Die ihre Heimat verlassen und eine neue suchen. Doch bei niemandem ist die Wanderschaft so prägend wie bei Abraham, dem Urvater der drei monotheistischen Religionen. Selbst in Kanaan wird er nicht glücklich. So zieht er als Nomade weiter nach Ägypten. Dort schickt ihn der Pharao wieder fort, bis zur Grenze sogar von einer Eskorte begleitet. Das liest sich wie eine kontrollierte Abschiebung. Abraham kehrt zurück und wird reich und glücklich.

Flucht als Heilsgeschichte

Neben so vielen anderen Fluchtgeschichten gibt es jene von Josef und seinen Brüdern. Das ist eine mit Happy End - ausgerechnet diese Geschichte, die so grausam beginnt. Josef wird nämlich von seinen Brüdern, die ihn für arrogant halten, verkauft. Eine Menschenhändlergeschichte also. Doch Josef macht Karriere im fernen Ägypten, wird geschätzt und einflussreich. Dorthin kommen später seine Brüder, um Getreide zu kaufen. Der Gedanke an Rache liegt nahe. Doch Josef wird ihnen vergeben und damit den Brüdern die Chance geben, Verantwortung zu übernehmen. Und der Pharao? Der sagt, dass sein Land offen steht. Eine Geschichte von gelebter Gastfreundschaft.

Biblische Willkommenskultur

Zum Schluss noch der Apostel Paulus, dem in Rom der Prozess gemacht werden soll und dessen Schiff im Mittelmeer in ein schweres Unwetter gerät. Alles erscheint aussichtslos. Doch Paulus spricht den Menschen Mut zu. Es gelingt: Sie stranden auf Malta und werden von den Einwohnern umsorgt und aufgenommen. Ohne große Worte, aber aus Fürsorge. Und es ist mehr: Den Flüchtenden wird die Ehre einer nicht nur biblischen Gastfreundschaft zuteil.

(los)
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