Festtage ohne Geschenke : Das letzte Weihnachten

Leer wird es unterm Tannenbaum. Die Familie unseres Autors hat beschlossen, im nächsten Jahr nicht mehr zu bescheren. War es das mit Weihnachten?

Mutter hatte mich nicht darauf vorbereitet. Sie sprach in einem Tonfall durchs Telefon, als wollte sie wissen, ob ich zum Heimatbesuch lieber Apfelkuchen oder Donauwellen hätte. Sie fragte sogar so beiläufig, dass ich nicht einmal mehr weiß, ob ich nicht doch neben ihr im Esszimmer saß. "Wie wäre es, wenn wir uns ab nächstem Jahr Weihnachten nichts mehr schenken?"

Bitte was? Mein Verstand brauchte höchstens eine Viertelsekunde, um die Informationen zu verarbeiten. Eine Tradition sollte nach 34 Jahren abgeschafft werden. Entsorgt werden wie ein Pullover, der aus der Mode geraten war. Vielen Dank, Bescherung, für die schöne Zeit, aber jetzt heißt es Arrivederci und Auf Nimmerwiedersehen. Das Jahr war doch bereits vollgestopft mit bösen Überraschungen. Trump hatte gesiegt. Die EU hatte verloren. Leonard Cohen war gestorben. Und jetzt sollten wir zum letzten Mal Geschenke unter den Tannenbaum stellen? Alles war verloren. Die Bescherung sollte fortan darin bestehen, dass jeder von uns exakt ein Geschenk wichtelte. So lautete Mutters Plan.

Die Geschenke lagen noch unkonsumiert im Regal

Gerade fing ich an, mich an die Piratenschiffe, Eisenbahnen und Musikabspielgeräte zu erinnern, gerade wollte ich mit einem entsetzten "Niemals" erwidern, als mir einfiel, dass ich noch immer nicht alle Weihnachtsgeschenke gekauft hatte. Seit Tagen überlegte ich, womit sich meine Mutter noch begeistern ließ. Auch mein Bruder war ein hartnäckiger Fall. Alle akzeptablen Fanutensilien unseres Lieblingsvereins hatte ich ihm bereits geschenkt. Dass ihn das Vereinswappen als Backform freuen würde, erschien mir ausgeschlossen. Ich selbst hatte wie immer eine Mail mit Links zu Amazon ans Christkind geschickt, also an meine Mutter, also an meinen Bruder, weil meine Mutter nicht im Internet bestellen kann, doch einige der Bücher und Filme vom vergangenen Fest lagen noch unkonsumiert im Regal. Erst kürzlich hatte ich überhaupt angefangen, den Stapel abzuarbeiten, gedrängt durch die nahenden Weihnachtstage. Ich spürte, dass ich des Schenkens und Beschenktwerdens müde war. Also stimmte ich zu. Das anstehende Weihnachtsfest wird das letzte sein, zu dem sich Familie Dalkowski beschenkt, wie es guter Brauch ist.

Erst später begriff ich, wie richtig ich mich entschieden hatte.

Weihnachten hatte ich stets als das Ereignis abgespeichert, das mit den immer gleichen Personen auf die immer gleiche Art ablief. Wie ein Theaterstück, das seit Jahrzehnten in unveränderter Besetzung noch immer für ein ausverkauftes Haus sorgt. Da war das stundenlange Warten an Heiligabend. Da war die Familie. Vater, Mutter, Kind, Kind. Da war der Baum und darunter die Krippe mit dem elektrischen Lagerfeuerlicht, das aus dieser einen Varta-Batterie gespeist wurde. Da war das Essen, zu dem wir roten Traubensaft tranken, und danach die Geschenke, die reihum ausgepackt wurden. Immer nur eines, damit niemand in zwei Minuten seine Pakete aufriss. Am Ersten Weihnachtstag gab es in Anwesenheit von Verwandten Pute, mit Kartoffeln und Apfelmus zwar, aber vor allem gab es Pute, ein Geflügel von der Größe eines Ford Fiesta. Und im Fernsehen lief in diesen Tagen ausschließlich "Der kleine Lord" und "Pippi Langstrumpf auf Taka-Tuka-Land" und "Familie Heinz Becker feiert Weihnachten" und "Ist das Leben nicht schön?". Wobei es meine Tradition war, mir vorzunehmen, endlich "Ist das Leben nicht schön?" zu gucken, diesmal aber wirklich, und es dann nicht zu tun. Die Welt um uns drehte sich immer schneller, doch Weihnachten bei den Dalkowskis war der verlässliche, da unveränderte und unveränderbare Rückzugsort.

Am Tisch sitzt nun auch ein Patenkind

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass sich unser Weihnachtsfest schon verändert hatte, bevor meine Mutter beschloss, die Geschenke abzuschaffen. Einige Dinge sind tatsächlich bis heute gleichgeblieben. Die Pute am Ersten Weihnachtstag. Und… die Pute am Ersten Weihnachtstag und … ähm… das elektrische Lagerfeuer. Das elektrische Lagerfeuer wird noch brennen, wenn niemand mehr von uns ist.

Genaugenommen hat sich fast alles an Weihnachten verändert, bloß in geringerer Geschwindigkeit als der Rest des Lebens, weil an Weihnachten eben vieles zurückkehrt. An Heiligabend hat es nie ein festes Gericht gegeben, bloß rätselten wir jedes Jahr, wer es diesmal aussuchen durfte. Die Oma, die wir lieber hatten, kam mal an Heiligabend, mal einen Tag später und mittlerweile ist sie in den Himmel gekommen. Ganz früher kamen noch Tante und Onkel. Früher sind wir am Zweiten Weihnachtstag zur zweiten Oma gefahren. Sie lebt noch, aber wir fahren trotzdem nicht mehr hin. Eines Tages brachte mein Bruder eine Frau mit zum Putenessen. Dann wurde sie seine Frau und sie gingen an Heiligabend zu ihren Eltern. Ein Kind, mein Patenkind, sitzt nun auch am Tisch. Pippi Langstrumpf habe ich schon ewig nicht mehr gesehen, den kleinen Lord ertrage ich nur alle fünf Jahre. Bloß wie Familie Heinz Becker in der Küche sitzt und Kartoffelsalat in sich hineinschaufelt, halte ich nach wie vor für herausragend. Bis Weihnachten 2017 wird schon wieder etwas passiert sein, und wir werden es auch an Weihnachten merken. So ist jedes Weihnachten das letzte Weihnachten.

Das mit den Geschenken ist auch anders geworden. Früher waren sie für uns Kinder überlebenswichtig. Wir konnten im Jahr noch so viel sparen, ein Lego-Piratenschiff würden wir uns trotzdem vom Taschengeld nicht kaufen können. Doch spätestens seitdem mein Bruder und ich unser eigenes Geld verdienen, können wir uns unsere Wünsche selbst erfüllen. Und die, die wir noch haben — ein neues Auto, ein Eigenheim — gehören nicht auf einen Wunschzettel. Früher trieben meine Eltern einen irren Aufwand, um sich gegenseitig zu beschenken. Mein Vater versteckte Schmuck in alten Schmökern. "Was soll ich denn mit dem blöden Buch… ah, ich sehe ein Kästchen." Mutter bat Vater im Gegenzug, etwas aus dem Kofferraum zu holen. Dort lag — Überraschung! — die Akustikgitarre, die er sich so sehr gewünscht hatte. Meine Eltern sind jetzt 60. Sie haben genug Sachen.

Das Weihnachtsgefühl lässt schneller nach

Das soll nicht herzlos klingen. Das Weihnachtsgefühl, es ist noch da, aber es hat sich verändert. Ich bin nicht schon vier Tage vor Weihnachten aufgeregt wegen der Pakete, die auf dem Schrank liegen. Heutzutage stelle ich am 23. Dezember fest: Oh, ist schon wieder so weit. Die Wartezeit am Heiligen Abend überbrücke ich ohne größere Schwierigkeiten mit Facebook und Netflix. Und wenn ich mir am nächsten Tag das zweite Stück Pute genommen habe, lässt das Weihnachtsgefühl bereits nach. Wir haben keine Ferien, wir müssen bald wieder arbeiten. Nie mehr werde ich so mit meinem Bruder und meinem Vater den "Mord im Orient-Express" gucken wie damals.

Ich könnte das bedauern. Den Niedergang des kindlichen Staunens beklagen. Die Normalisierung des Weihnachtsfestes. Aber bei genauerem Hinsehen wäre es die schlimmste Sache der Welt, wenn unser Weihnachtsfest nach wie vor das, DAS Ereignis wäre, an dem unter Anleitung des ewig gleichen Drehbuchs die Familie endlich mal wieder zusammenkommt. Denn das hieße erstens, dass sich in unserem Leben überhaupt nichts verändert. Dass wir ein Leben führen würden, das so wenige Wendungen mit sich bringt, dass wir zum nächsten Weihnachtsfest bloß ein Jahr älter geworden sind. Das hieße aber auch zweitens, dass wir sonst so selten in Frieden als Familie zusammenkommen und Weihnachten alles heilen muss, was in den zurückliegenden zwölf Monaten zerstört wurde.

Aber so ist es nicht.

Ohne Weihnachten hätten wir immer noch vier bis fünf Momente im Jahr, in denen wir am selben Tisch sitzen. Einfach, weil wir zufällig am selben Wochenende zuhause sind. Dann ist so ein Frühstück, das nicht endet, weil alle zu träge sind aufzustehen, nicht viel weniger wertvoll als ein Abendessen in Gegenwart eines Tannenbaums. Es ist auch völlig egal, dass wir kein Hemd tragen und gekämmte Haare, sondern verschlafen im ausgewaschenen T-Shirt dasitzen. Die Kleine hat schon wieder ein neues Wort gelernt. Weihnachten ist für uns eine weitere Gelegenheit, um zusammenzukommen, nicht die eine Chance im Jahr, um uns vorzuspielen, dass alles okay ist.

Das letzte Geschenk war eine Kapitulation

Vor einer Woche habe ich das letzte Weihnachtsgeschenk gekauft. Es war eine Kapitulation. Eine Unverschämtheit von Idee. Das Eingeständnis, dass ich nach 33 Jahren keine Ahnung mehr hatte, was ich Mutter schenken sollte. Ich erwarb in einer Filiale von Jochen Schweizer eines dieser Gutscheinbücher, die es dem Beschenkten zur Wahl stellt, ob er mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springt oder sich nach neuester fernöstlicher Mode massieren lässt.

Ich würde mich am liebsten in einen Bagger setzen und den Fernseher plattmachen, wenn der kleine Lord läuft.

(seda)