Wie Geht's, Wesel?: Kleine Ode an eine Umgehungsstraße

Wie Geht's, Wesel?: Kleine Ode an eine Umgehungsstraße

Umgehungsstraße: Die B58n in Wesel

Die politischen Reaktionen dieser Woche zeigen: Die neue Umgehungsstraße um Büderich und Wesel bleibt umstritten. Dabei bietet sie so viel Komfort. Eine unverschämt subjektive Hommage an eine Straße, die unser Leben leichter macht.

Niemand will neue Straßen dort, wo einst grüne Wiese war. Es sei denn, ja es sei denn, diese Frage beschert ihm jeden Tag fünf Minuten Lebenszeit und erspart jede Menge Bremsbelag. Früher musste, wer von Wesel aus in Richtung A 57 unterwegs war, den Ort Büderich durchqueren. Das war der Figur nicht zuträglich (jede Menge verführerische Imbissbuden entlang der Platanenallee Weseler Straße im Büdericher Ortskern), aber auch dem Pkw nicht, denn ständig musste man bremsen, schleichen, anfahren. Mit dem Neubau der zwei ersten Teilstücke der Umgehungsstraße B 58n bei Büderich ist für Autofahrer vieles besser geworden, auch wenn sich die Weseler Grünen in dieser Woche über die Umgehungsstraße beschwerten. Die vielen Millionen Euro solle man besser in ein gutes Busnetz investieren als in Straßen, argumentieren die Grünen. Das ist aus ökologischer Sicht erst einmal einleuchtend, aber damit sind ja längst nicht alle Argumente erfasst.

Die Sache ist, wie immer, etwas diffiziler. Denn auch in einer auch von den Grünen erträumten neuen Mobilitätswelt mit mehr Elektroautos, Car-Sharing und ÖPNV wird es Straßen brauchen - und am besten sollten diese Straßen den Verkehr fließen lassen, statt ihn zu bremsen. Das geht am besten außerhalb von Ortschaften. Das ist ein Grund für eine Umgehungsstraße. Ein zweiter: Fragen Sie mal die Büdericher, die seit der neuen Umgehungsstraße weniger Feinstaub einatmen.

Aus solchen Gründen schätzen wir die B 58n bei Wesel schon jetzt -und wenn sie dereinst fertiggestellt ist, noch viel mehr. Es ist immer noch ein schönes Gefühl, nicht durch Büderich schleichen zu müssen, sich wirklich fortzubewegen, und nicht nur von einer Ampel zur nächsten zu kriechen. 2009 wurde das 2,5 Kilometer lange Teilstück Rheinbrücke fertig, 2014 dann die 4,5 Kilometer lange Büderich-Umgehung. 2022 soll das letzte Teilstück, die Südumgebung um Wesel, fertig sein. Okay, man hätte sich bei Büderich eine Zweispurigkeit der B 58n gewünscht, um schleichende Lkw überholen zu können. Trotzdem bleibt die Straße komfortabler als alles, was vorher da war.

Und jetzt kommt der Part, wo wir kurz zum Fanboy dieser Straße werden: Es gibt da nämlich diesen weißen Greifvogel, der immer wieder auf einer Umzäunung in der Nähe der Ampelanlage in der Sonne sitzt. Er scheint die B 58n zu mögen. Fährt man ein Stück weiter noch in Richtung Rheinbrücke, dann sieht man zur rechten und linken Seite derzeit Wildgänse in Scharen. Und wenn man dann noch weiter fährt, kann man im Bereich Perricher Weg morgens Rehe grasen sehen. Das Highlight architektonischer Art erreichen wir dann in Rheinnähe: Die Weseler Rheinbrücke bleibt auch nach knapp einem Jahrzehnt ihres Bestehens ein Hingucker. Wie eine Landmarke thront sie über dem Rhein, und noch viel schöner wird sie, wenn man sie abends befährt, wenn die Brücke leuchtet.

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Dies sind aus Sicht von Naturschützern keine guten Argumente, weil ja die Natur vorher da war und der Mensch mit seinen Straßen sich immer mehr breit macht. Aber es gibt auch Stellen, wo bald weniger Autos rollen. Ein großer Teil der Autos wird dann aus der Stadt herausgehalten, wenn bald auch in Wesel die Südumgehung gebaut wird. Die Ringstraße wird nicht mehr die Funktion als Hauptverkehrsachsen haben. Vielleicht kann man sie dereinst tiefer legen oder einspurig machen und Wesel dann in Richtung Rhein hin entwickeln.

Wenn eine neue Straße entsteht, dann verändern sich die Verkehrsflüsse in Wesel. Die Stadt wird sich verändern. Und hoffentlich lässt sich mancherorts, wo heute noch breite Straße ist, der eine oder andere Baum mehr pflanzen.

Ihre Meinung? Schreiben Sie mir! sebastian.peters@rheinische-post.de

(RP)
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