Wesel: Stadtarchivar erforscht Alt-Büderich

Wesel: Stadtarchivar erforscht Alt-Büderich

Martin Roelen sucht für ein neues Buch Antworten zu einem verschwundenen Ort: Was war wo im 18. Jahrhundert?

Spätestens die Gedenkfeiern 2013 zur 200. Wiederkehr der Zerstörung Alt-Büderichs haben einem größeren Publikum die Ungeheuerlichkeit dieses Ereignisses in Erinnerung gerufen. Dem Franzosenkaiser war "das Nest" beim Bau der Citadelle Napoleon (später Fort Blücher) im Weg. Er ließ es 1813 komplett abräumen, die Preußen bauten in gehöriger Entfernung später ein neues Büderich. Die Lage des alten Ortes ist im freien Gelände nicht mehr auszumachen. 2013 gab es beeindruckende, aufwendig mit Markierungen vorbereitete Stadtführungen in den Wiesen. Was war wo? Wer wohnte wo? Wie und wovon haben die Leute gelebt? Fragen wie diese suchen heute noch Antworten. Wesels Stadtarchivar Martin Roelen arbeitet an den Lösungen.

Die roten Zahlen sind Hausnummern, die Roelen bereits in Alt-Büderich zuordnen kann. Die graue Zacke oben rechts ist im Plan von 1807 schon Teil des Forts. Foto: Malz Ekkehart

Die anregenden Ideen dazu stammten von Wido Straetmans. Der Vorsitzende des Heimatvereins Büderich hatte schon einen Termin mit Roelen ausgemacht, starb aber überraschend kurz vor dem Treffen im November 2012. Zum Gedenken 2013 brachte Roelen mit "Untergang und Neubeginn - Vom alten und neuen Büderich", Band 35 der Reihe Studien und Quellen zur Geschichte von Wesel, ein beachtliches Werk heraus. Sein aktuelles Projekt mit dem Arbeitstitel "Büderich im 18. Jahrhundert" ist mit gut 250 bis 300 Seiten doppelt so dick angelegt. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis es fertig ist. Was Roelen macht, ist detektivische Kleinstarbeit.

Martin Roelens Büro spricht Bände. Der große Raum im Obergeschoss der Baeckerey in der Weseler Zitadelle quillt über von Papier. Auf jeder noch so kleinen Ablage stapeln sich stoßweise Bücher, Kataloge, Akten, Dokumente, Karten, Zeichnungen und für den Laien undefinierbare Schriftstücke. Längst nicht alles davon betrifft Alt-Büderich, aber einiges. Zu den wichtigsten Papieren zählt die Fotokopie eines Kartenausschnitts. Es ist ein Stadtplan Büderichs von 1807. Rote Zahlen hat Roelen eingetragen. Hausnummern, die er bislang Gebäuden oder Grundstücken zuordnen konnte. Dafür musste er erst herausfinden, nach welchem System damals vorgegangen worden war. Es kommt offenbar ein mäandernder Stadtrundgang dabei heraus. Und Verwirrendes. "Öffentliche Gebäude erkennt man daran, dass es keine Nummer gibt", sagt Roelen.

Zum Einstieg in die Recherchen eignen sich Ausgaben des Duisburger Intelligenzblattes, in dem unter anderem Verkaufsabsichten und Versteigerungstermine angezeigt sind. Sodann hilft das Feuersozietätskataster weiter, in dem Liegenschaften für die Versicherungsgebühren taxiert sind. Beschrieben wird darin oft auch die Umgebung mit Namen der Nachbarn und Angaben zur Beschaffenheit der angrenzenden Grundstücke. Das Hypothekenbuch gibt zudem Auskunft über Vorbesitzer, Nachfolger, Erben, Käufer, das Zivilstandsregister nennt bei Geburten den Wohnort des Vaters. Mit diesem Puzzle sucht Roelen bestimmte Gebäude. "Mir ist nichts wichtiger als Eckhäuser", sagte er. Denn die erleichtern das weitere Vorgehen.

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Gestoßen ist der Archivar auf teils sonderbar anmutende Straßennamen. In der Hölle zum Beispiel bezeichnete im alten Büderich eine tiefe Lage am Rheintor. In Wesel gab's das in Form der Hellstege, Platea inferior - also Niederstraße. Auch eine Dreckstege gab es in Büderich, weil unbefestigt und daher matschig, sagt Roelen. Dass er dann gleich den nächsten Schlenker nach Wesel macht, verwundert nicht. Gern klärt er Irrtümer auf wie den, dass das Löwentor gar nichts mit Raubkatzen zu tun hat, sondern ursprünglich Leewtor hieß, was lediglich eine hohe Stelle bezeichnete, was sich aber nicht so toll anhörte.

Zurück auf die linke Rheinseite: Natürlich gibt es in besagtem Plan von 1807 auch bekannte, schnell zu definierende Stellen wie die Windmühle, die Zehntscheune, das Rathaus, das Kloster, das katholische Pastorat und das evangelische samt Schule. Zudem sind nicht nur außerhalb, sondern auch überall innerhalb der Stadtmauern Nutzgärten zu erkennen. Zeichen für den Niedergang des Ortes, der vermutlich schon vor 1316 Stadtrecht besaß. Neun Türme, aber lediglich zwei Stadttore gab es, verbunden durch eine große und breite Marktstraße. Büderich durfte Zoll kassieren und war ein Umschlagplatz für Waren aller Art. Wirtschaftlich rapide bergab ging es ab 1603 mit der Verlegung des Zolls nach Rees.

Im Vollformat zeigt die Karte mit dem Stadtplan den Rheinbogen mit allen Weseler Festungswerken. Von der linksrheinisch geplanten Anlage ragt die südwestliche Zacke in die Alt-Büdericher Wälle hinein. Um freies Schussfeld zu haben, ließ Napoleon es kurzerhand einebnen. Von Alt-Büderich gibt es nur wenige bildliche Darstellungen. Martin Roelen hofft, für sein Buch an eine unbekannte Zeichnung des "Stedeken ... im Kleefsland" aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zu kommen, von der er nur ein schlechtes Foto hat. Die Ansicht befindet sich in den Niederlanden in Privatbesitz. Sie stammt von einem bekannten Künstler, ist aber laut Roelen "leider nie gestochen" und somit auch nie vervielfältigt worden.

(fws)