Lokalsport : Eine stille Überfliegerin

Manche Geschenke sind einfach unhandlich. Diese Erfahrung machte am Montag Mittag Janine Kohlmann, als sie am Berliner Hauptbahnhof versuchte, den Anschlusszug nach Malente zu erwischen - und das mit einer kompletten Stereoanlage im Gepäck.

"Das ist schon ziemlich unpraktisch", befand die 15-Jährige lächelnd. Selbst schuld! Hätte sie zuvor mal nicht bei der Europameisterschaft der Modernen Fünfkämpfer im polnischen Lodz den Titel abgeräumt. Denn eben dafür erhielt die Athletin des Neusser Schwimmvereins (NSV) neben Gold die zwar formschöne, aber auch sperrige Zusatzlast. Gut, dass die Eltern dabei waren.

Die als klassischer Vierkampf ausgetragene EM hatte Janine Kohlmann noch ohne fremde Hilfe gemeistert. Und wie. Nach dem Fechten und Schwimmen lag sie auf Platz acht, nach dem Schießen und starken 182 Ringen auf Rang eins. Eine faustdicke Überraschung. "Denn eigentlich gehöre ich ja noch dem jüngeren Jahrgang an." Als B-Jugendliche war sie in der Jugend A gestartet, musste sich da der durchweg ein, zwei Jahre älteren Konkurrenz stellen.

Entsprechend nervös ging die Neusserin in den abschließenden Geländelauf. Doch die Sorge erwies sich als vollkommen unbegründet, denn am Ende lag Janine Kohlmann mit insgesamt 4332 Punkten deutlich vor Donata Rimsaite aus Litauen (4296) und Anastasia Abolonina aus Russland (4252). Auch wenn sie das zunächst "natürlich gar nicht hatte fassen" können. Abgerundet wurde die starke Bilanz in Lodz noch mit der Silbermedaille im Mannschafts-Wettbewerb und Rang sechs mit der deutschen Staffel.

Eine Ausbeute, die für ihren Trainer Stefan Porr (NSV) indes nicht ganz unerwartet kommt. "Ich hatte ihr eine Platzierung ganz weit vorne schon zugetraut." Immerhin hatte sein Schützling erst Anfang Juli bei der EM der Jugend B in Prag den sechsten Platz belegt und 2005 mit der Staffel WM-Silber eingefahren. "Janine hat keine Schwächen", lobt er. "Sie weiß, was sie will und arbeitet sehr zielgerichtet."

Experten prophezeien ihr schon jetzt eine großartige Zukunft, doch sähe es Porr lieber, wenn die Entwicklung langsamer vonstatten geht. "Das bringt ihr mehr." Und entspräche sicher auch ihrem Naturell. Denn die 15-Jährige, die ab Montag nach einem Kurzurlaub an der Ostsee die Jahrgangsstufe elf des Quirinus-Gymnasiums besucht, wirkt eher introvertiert, ja fast schon schüchtern. "Aber genau das ist ihr großer Vorteil", erklärt Porr, "sie kann sich sehr gut auf eine Sache konzentrieren. Wenn andere ins Kino gehen, trainiert sie trotzdem".

Sechs Mal in der Woche bestimmt nach der Schule der Sport ihren Alltag, nur der Sonntag, der gehört ihr und ihrem Pferd Ali Baba. Ein strammes Programm, das einzuhalten, ihr nur manchmal schwer fällt. "Dass man mal keine richtige Lust hat, das ist doch ganz normal", findet sie. Auch sportliche Überflieger sind nur Menschen. Aber Moderne Fünfkämpfer müssen wohl einfach fleißiger als ihre Kollegen sein, gilt es doch, in jeder Disziplin stets ans Limit zu gehen. Beim NSV wird die Europameisterin darum gleich von vier erfahrenen Trainern betreut. Neben Porr sind das Gerlind Nagel (Laufen), Winfried Kettler (Fechten) und Robert Becker (Schwimmen).

Allzu viel Zeit, neue Kraft zu sammeln, bleibt Janine Kohlmann im Übrigen nicht. Schon vom 21. bis 25. August stehen in Italien die Jugend-Weltmeisterschaften auf dem Programm. Porr "Da traue ich ihr schon was zu, denn so viele neue Konkurrentinnen kommen gar nicht dazu. Die Athletinnen aus dem Ostblock hat sie ja schon bei der EM geschlagen." Kohlmann bleibt jedoch vorsichtig. "Mal sehen", sagt sie und rät: "Man sollte nicht zuviel erwarten."

(NGZ)