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Neuss: Wenn die Liebe ein Spiel unter Menschen ist

Neuss : Wenn die Liebe ein Spiel unter Menschen ist

Die Propeller Company zeigt beim Shakespeare-Festival im Globe zwei Komödien: "Twelfth Night" und "The Taming of the Shrew".

Was würde wohl passieren, wenn Rainer Wiertz als Leiter des Shakespeare-Festivals sich eines Tages entschiede, die Propeller Company aus England nicht ins Globe einzuladen? Ein Sturm der Entrüstung würde ausbrechen. Denn die ausschließlich männliche Schauspieltruppe von Edward Hall hat sich einen derart großen und festen Fankreis in Neuss erspielt, dass Begrüßungen im Freiluft-Foyer wie diese nicht erstaunen können: "Du bist zum ersten Mal hier? Und dann gleich zu Propeller — was Besseres kann dir gar nicht passieren!"

In "The Taming of the Shrew" ist diem Liebe nur eine Behauptung, denn Petruchio will weniger die Frau an seiner Seite als Katharina kleinkriegen. Foto: Christoph Krey

Selbst dann, so scheint es, wenn die Inszenierungen, die die Engländer zeigen, eine Art Wiederaufnahmen sind. Mit "Twelfth Night" (Was ihr wollt) und "The Taming of the Shrew" (Der Widerspenstigen Zähmung) waren sie schon 2007 zu Gast, und nun zeigen sie beide Stücke erneut. Bühnenbild und Kostüme allerdings variieren kaum.

Beim Gastspiel vor sechs Jahren war der Haarschopf des Zwillingspaars Viola und Sebastian in "Twelfth Night" noch braun, jetzt ist er blond, aber Anzüge bestimmen damals wie jetzt das Bild. Nur die, drinstecken, sind andere. Denn die Mitglieder von Halls Truppe wechseln, und wer sie schon mehrfach im Globe gesehen hat, dürfte ganz sicher einen vermissen: Tony Bell, der damals als Diener Tranio und Narr Feste brillierte. Wie schön, dass Chris Myles aber noch dabei ist. Ihn jetzt in der Rolle des Malvolio in "Twelfth Night" (damals spielte er die Zofe Maria) und als Katharinas Vater Batipsta in "Taming" (damals war er Gremio) zu sehen, ist erneut ein Beweis dafür, wie gut Hall daran tut, auf bewährte Kräfte zu setzen und neue zu gewinnen.

Auch in der Neuinszenierung der Stücke zeigt sich Hall wieder als ein Regisseur, der das Timing von Slapstick, Musik, sinnlos-herrlicher Blödelei, ernster Stimmung und derben Bildern perfekt beherrscht.

Und doch gibt es einige Unterschiede. Die Liebesgeschichte um Viola, Orsino, Olivia und Sebastian in "Twelfth Night" geht er etwas sachter an. Sie ist mit dem Motto eines uralten deutschen Schlagers "Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie geht von einem zum anderen" hinreichend zu erklären.

Dagegen ist "Taming" — auch eine Komödie — mit ganz anderen Tönen unterlegt. Dunkler, heftiger und auch bedrohlicher. Die Liebe spielt nur eine untergeordnete Rolle, es geht um Macht und Herrschaft und auch um Geld. Um die spröde Katharina zu zähmen, greift Petruchio zu Mitteln, die sie am Ende brechen. Den Kampf mag er gewonnen haben, seine Frau aber nicht. Und selbst, als er sie — wörtlich — am Boden hat, tritt er noch zu. Wenn auch daneben, aber allein die Geste zählt: Seht her, ich könnte, wenn ich wollte. Das unterlegt das letzte Drittel der Inszenierung mit einer beklemmenden Atmosphäre — aber Edward Hall hat sich ein so pfiffiges wie versöhnliches Ende einfallen lassen.

Petruchio nämlich ist wieder der Kesselflicker Sly, als der er anfangs betrunken seine Hochzeit verpasste, und der von seinen Freunden in einen Mummenschanz getrieben wurde. Sie suggerierten ihm, ein Lord zu sein, an dessen Hof eine Schauspieltruppe das Stück "The Taming of a Shrew" aufführen will. Unversehens steckte er als Hauptdarsteller mittendrin und steht nun zwischen Glauben und Unglauben schwankend da. Doch ob wahr oder nicht — was ist er doch für ein toller Kerl, hat diese Frau kleingekriegt. Bis die Katharina-Figur die Tür öffnet, ihm ihre Pumps vor die Füße schleudert und dabei verächtlich sagt: "Bist du noch betrunken? Ist doch nur ein Spiel!" Herrlich!

(NGZ/ac/url)