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Neuss: Sinnliches Erleben ist Basis jeder Religion

Neuss : Sinnliches Erleben ist Basis jeder Religion

Zum Auftakt einer neuen Gesprächsreihe im RLT zum Thema "glauben!" ging es um Riten und Traditionen.

Es waren nicht nur die Worte, die zeigten, wie wichtig, wie schön diese Erinnerungen doch sind: Während die Schriftstellerin und Schauspielerin Renan Demirkan, der Autor, Publizist und Filmemacher Günther B. Ginzel und die Islamwissenschaftlerin Edith Schlesinger von den in ihrer Religion verwurzelten Gebräuchen in ihrer Kindheit erzählten, sprachen auch ihre Gesichter von dem damals empfundenen Glück. Und so war schon nach den ersten Minuten dieses Abends klar, was den Einstieg in jede Religion kennzeichnet: das Gefühl, eine zutiefst sinnliche Erfahrung von Riten.

Eine im Islam aufgewachsene Frau, die sich heute als nicht religiös bezeichnet (Demirkan); ein Jude, der eine katholische Schule besucht hat (Ginzel), und eine Katholikin, die sich als Spezialistin für interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln (Schlesinger) einen Namen gemacht hat – das musste, konnte doch nur ein lebhafter Austausch werden zu einem Thema, das auch unter Aufbietung aller Vernunft doch nie vom Gefühl zu trennen ist. Es ging um "Tradition, Riten, religiöse Bräuche und ihre Lebendigkeit heute" und war der Auftakt zu einer dreiteiligen Gesprächsreihe im RLT analog zum Spielzeit-Motto der Bühne "glauben!".

Für die Moderatorin Birgitt Schippers vom Domradio Köln gab es dabei noch am wenigstens zu tun. Die drei Gesprächspartner brauchten kaum Stichworte oder gar Fragen, um sich ebenso lebehaft wie klug mit Fragen nach dem heutigen Sinn von Ritualen auseinanderzusetzen. Basis bei jedem war das eigenen Erleben und das Wissen um dessen Nachhaltigkeit, allerdings ging die Einschätzung über die heutige und zukünftige Bedeutung der religiösen Grundlagen von Riten und Traditionen dann doch auseinander. Für Demirkan verlieren die Schriften der Religionen an Bedeutung: "Wir brauchen sie nicht mehr", sagte sie und betonte, dass die Basis für sinnhafte Riten unter den Menschen auch in Poesie und Musik zu finden sei. Was übrigens Hesen Kanjos Spiel auf dem Kanun an diesem Abend durchaus unterstrich. Ginzel und Schlesinger wollten den Wert von Poesie und Musik zwar nicht mindern, aber: "Die Schriften sind vielleicht nicht ausreichend", sagte Schlesinger, "aber sie sind nicht entbehrlich". Und Ginzel befand: "Es hat einen großen Wert, sich mit den Schriften zu beschäftigen – aber nur, wenn wir auch Fragen haben, im Herzen auch Zweifel, und das Tun nicht fehlt." Wobei, und darin waren sich alle einig, das Tun sich nicht im "Nachplappern von Schriften" (Ginzel) und in sinnentleerten Ritualen oder gar dem Zuschaustellen von Äußerlichkeiten erschöpfen dürfe.

(NGZ)