Moers: St. Josef führt neue OP-Methode ein

Moers : St. Josef führt neue OP-Methode ein

Chirurgen des St.-Josef-Krankenhauses wandten gestern erstmals ein neues Verfahren zur Behandlung von Narbenbrüchen an. Dabei wird ein Netz in die Bauchhöhle eingesetzt und mit Klammern befestigt. Die in den USA entwickelte Methode ist neu in Deutschland.

Die Atmosphäre im OP des St.-Josef-Krankehauses gleicht einem Mix aus Routine, Spannung und Neugier. Auf dem OP-Tisch liegt ein 47-jähriger Patient mit einem großen Narbenbruch im Bauchbereich. Die Narbe stammt von einem früheren Darm-Eingriff, der Bruch zeichnet sich als Vertiefung am Bauch ab. Die Chirurgen wenden ein neues Verfahren zur Behandlung des Bruches an. Im OP-Saal beobachten Kollegen und die Presse die Premiere. Auch ein Vertreter des Unternehmens, die das Verfahren (beziehungsweise die dafür nötigen Produkte) entwickelt hat, ist anwesend. Es stammt aus den USA, St. Josef führt es als zweites Krankenhaus in Deutschland (nach dem Lukaskrankenhaus Neuss) ein.

Leistenbrüche, Bauchdeckenbrüche oder Narbenbrüche sind eigentlich Risse im Gewebe. Sie entstehen meist durch eine angeborene Bindegewebsschwäche. Kleinere Brüche werden mikroinvasiv, also ohne große Schnitte operiert. Bei großen Brüchen (Mediziner sprechen von Hernien) ist dies nicht möglich. Dort muss das "Loch" im Gewebe überbrückt werden, ähnlich wie bei einem defekten Fahrradreifen ein Flicken aufgesetzt wird.

Als Flicken dient bei Bruch-Operationen normalerweise ein Kunststoffgewebe, das unter die Bauchdecke eingelegt und dann mit dieser vernäht wird. Gestern verwendeten die Chirurgen an St. Josef ein neu entwickeltes Netz, das sich mit der Zeit zur Hälfte auflöst und von körpereigenem Gewebe durchdrungen wird. Der Clou: Dieses Netz (bei der ersten OP war es 25 mal 30 Zentimeter groß) wird nicht eingenäht, sondern mithilfe eines speziellen "Tackers" mit Klammern an die Bauchdecke geheftet. Auch diese Klammern lösen sich nach einigen Monaten auf; das Material besteht aus Zuckermolekülen.

Das Festtackern des Netz-Einsatzes vereinfache den Eingriff erheblich, sagt Dr. Marc Alexander Renter, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Thorax- und Viszeralchirurgie. Er operierte gestern gemeinsam mit Oberarzt Dr. Mark Banysch und dem Leitenden Oberarzt Dr. Claude van Lierde. Das Einlegen des Netzes dauere nur halb so lang wie bisher, sagt Renter, denn das Nähen unter der Bauchdecke sei ungleich komplizierter als das Tackern. Der Patient profitiere, denn jede Narkose sei eine Belastung für den Körper, und die Wahrscheinlichkeit einer Infektion beim Patienten wachse mit der Dauer eines Eingriffs. "Das Verfahren ist gerade auch für ältere Patienten schonender." Zudem erwartet Renter, das es zuverlässiger ist als herkömmliche OP-Methoden, nach denen die Brüche in zehn Prozent der Fälle wieder aufgehen.

200 bis 250 Hernien-Operationen jährlich finden am St.-Josef statt, bei den meisten geht es um Leistenbrüche. Renter erwartet, dass das neue Verfahren in erster Linie bei Narbenbruch-Operationen (rund 50 pro Jahr) angewendet wird. Hernien können lebensgefährlich sein. Bei kleineren könne der Darm eingeklemmt werden, bei größeren liegen die Eingeweide ungeschützt unter der Haut.

"Fortschritt in der Medizin ist ohne Zusammenarbeit mit der Industrie nicht möglich", sagt Dr. Renter mit Blick auf die Produkte, die das neue OP-Verfahren möglichmachen. Die "Tacker-Methode" sei zwar teurer als herkömmliche , sagt Renter. "Aber wir machen das, was den Patienten nützt." Und: Durch die Verkürzung der OP-Zeit könnten insgesamt mehr Eingriffe vorgenommen werden, was wiederum der Wirtschaftlichkeit des Krankenhauses diene.

(RP)
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