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Meerbusch: Bösinger Hof weicht Neubauten

Meerbusch : Bösinger Hof weicht Neubauten

Noch bis zum Ende der Sommersaison darf der Betreiber des Lokals "Route 66" den Biergarten öffnen, dann muss er schließen. Die Bösinghovener bedauern das: Eine mehr als 100-jährige Tradition geht zu Ende.

Noch einen Sommer lang können die Bösinghovener den Bösinger Hof besuchen, im Biergarten das schöne Wetter genießen, dann ist Schluss. Das Grundstück, auf dem der Gastronomiebetrieb liegt, ist verkauft worden, das Lokal soll abgerissen werden. Dort sollen Wohnhäuser entstehen. "Allerdings nur entlang der Straße. Dahinter ist Landschaftsschutzgebiet", weiß Hubert Kräling, Vorsitzender des Bürgervereins Ossum-Bösinghoven, zu berichten.

Es wird etwas fehlen in Bösinghoven. Nicht unbedingt der Lärm, den an schönen Wochenenden die Motorradfahrer verursachten. Doch der große Biergarten war Treffpunkt im Dorf und strahlte auch noch heute bis nach Strümp, Osterath oder Krefeld und darüber hinaus aus. Nur wenige kamen allerdings mehr zu Fuß, eher mit dem Rad oder dem Auto. "Ich finde es sehr schade für den Ort, dass er aufgegeben wird. Dann haben wir gar keine Gaststätte mehr, wo man sich mal treffen kann", sagt Kräling. Auch für den Radtourismus sei das Lokal wichtig gewesen.

Der Bösinger Hof hat eine lange Tradition: Die Familie Dammer betrieb dort zwischen den Weltkriegen ein großes Gartenlokal mit einem Spielplatz. Foto: Stadt Meerbusch

Mit dem Abriss geht eine lange Tradition dem Ende zu."Mit seiner mehr als hundertjährigen Geschichte ist der Bösinger Hof, der auch als Route 66 bekannt ist, in Meerbusch am Niederrhein besonders im Sommer ein beliebtes Ausflugslokal für die ganze Familie", heißt es heute auf der Homepage von "Blickpunkt NRW". Die Strümper Freundinnen Wilma Boldt und Waltraud Rosenbaum erinnern sich an früher: "Das Schönste für uns Kinder war damals zu Beginn der 50er Jahre, wenn wir am Sonntag mit unseren Eltern zum Bösinger Hof gelaufen sind und dort eine Limonade trinken durften", berichten sie. Der Spielplatz neben dem Biergarten war ein Paradies für die Mädchen. Besonders die lange Holzrutsche, wo man auf Filzmatten hinuntersauste, hatte es den beiden angetan. Die Eltern erlaubten sich höchstens ein Bier, ehe es wieder zu Fuß zurückging. Kaffee und Kuchen hatte man schon zuhause zu sich genommen. Das Geld war knapp.

Wann genau der Bösinger Hof entstand, ist nicht bekannt. In einer Publikation des Heimatkreises Lank aus Anlass der 250-Jahr-Feier der St.-Pankratius-Schützenbruderschaft schreibt Franz-Josef Radmacher, dass Familie Dammer zwischen den Weltkriegen hier ein großes Gartenlokal mit einem Spielplatz betrieb, in der Werbung "Kinderparadies Dammer" genannt. Bei einem Bombenangriff am 21. Februar 1945 wurde das Lokal zerstört. Nur die Kegelbahn blieb erhalten. In das Restgebäude wurde zunächst eine Flüchtlingsfamilie eingewiesen, ehe nach deren Auszug das Lokal 1950 wieder eröffnet wurde.

Der Spielplatz war beliebt. 1945 wurde das "Kinderparadies Dammer" durch eine Bombe zerstört. Foto: Stadtarchiv

1957 kaufte Heinz Cohnen das Gelände und machte wieder ein Ausflugslokal daraus. In den 1980er Jahren übernahm der Wirt Meir Mendelsohn den Biergarten und stellte als vielbeachtete Attraktion einen ausrangierten "Kaiserwagen" der Wuppertaler Schwebebahn auf. Später machte Marcus Weniger aus dem simplen Biergarten ein US-Rock-Café und gab dem Lokal, das er "Route 66" nannte, amerikanisches Flair. Im Jahr 2010 gingen Lokal und Biergarten an den Gastronomen Bülent Hali, der renovierte und mit einem weitläufigen Spielplatz wieder verstärkt Familien anzog. Bis zum Saisonende könne er den Biergarten betreiben, sagt Hali. Er bedauert: "Es tut mir in der Seele weh, dass der Bösinger Hof abgerissen werden soll."

(RP)