Das Haaner Eisenerz und seine Folgen

Geschichte : Das Haaner Eisenerz und seine Folgen

Im 19. Jahrhundert wurden im Bereich der Bürgermeisterei Haan reiche Eisenerz-Vorkommen entdeckt. 1851 waren 16 Gruben in Betrieb. Das wichtigste „Nebenprodukt“ war die Entdeckung des Neandertalers.

Haan Es ist immer noch da, das Haaner Eisenerz. Es steckt in Ortsbezeichnungen wie Erzsiefen“ oder  „An der Wäsche“ (gleich Erzwäsche). Und im Boden. Harro Vollmar hat 1969, vor 50 Jahren, in  der Gruitener „Iserkull“ gegraben und Limonit und Brauneisenstein gefunden -  mit einem Eisenanteil von 38 (!) Prozent . Der studierte Ingenieur (1989 verstorben) war ein leidenschaftlicher Heimatforscher. Er hat - vielfach ausgezeichnet - die Grundlage für den Denkmalschutz in Haan gelegt. Und sich mit dem Eisenerzrevier der Bürgermeisterei Haan beschäftigt. Und dabei Spannendes zu Tage gefördert.

Die Bürgermeisterei Haan bestand von 1816 bis 1894 und umfasst im Wesentlichen die Landgemeinden Haan, Gruiten, Millrath, Schöller und Sonnborn. Beim Bau der ersten westdeutschen Eisenbahn von Düsseldorf über Haan nach Elberfeld (1838 bis 1841) wurden reiche Eisenerzlager in Haan gefunden, beispielsweise in Obgruiten und Oberhaan. Die Grube „Kraft“ in Obgruiten baute 38-prozentiges Brauneisenerz im Tagebau ab. Die Flöze waren zwei bis drei Meter dick, berichtet Hans Seeling in seiner Veröffentlichung über die Eisenhütte Hochdahl 1947-1912 (1968). Östlich davon waren die Gruben „Mut“ und „Harmonie“ mit bis zu acht Schächten in Betrieb. Sie förderten das Erz aus bis zu 60 Metern Tiefe. Größere Mengen Eisenerz wurden auch in Unterhaan in der Nähe der Siedlung „Pütt“ gewonnen.

1847 entstanden deshalb die Hüttenwerke „Eintracht“ in der Nähe des Gutes Hochdahl in der Gemeinde Millrath. Die Hütte lag zwar abseits des Ruhrgebiets, bei der Produktionsmenge zeitweilig aber auf Platz 3 im Vergleich mit den Eisenhüttenwerken dort. 1865 produzierte die Hochdahler Hütte rund 36.000 Tonnen Roheisen. Das entsprach 3,7 Prozent der gesamten Roheisenproduktion des Deutschen Reiches oder 12,4 Prozent der Ruhrgebietsproduktion, hat Vollmar ermittelt.

Viele Haaner und Hildener arbeiteten in den Gruben und auf der Hütte. Gegen 1870 konnte sich das Werk nur noch behaupten, weil es den Großteil des für den Schmelzprozess notwendigen Kalks für die Hochöfen aus werkseigenen Steinbrüchen aus dem Neandertal bezog. Durch den Kalkabbau veränderte das Neandertal (das bis 1850 Hunsklipp hieß) völlig sein Gesicht.

Der Kalkabbau war aber auch für eine wissenschaftliche Sensation verantwortlich, die das Neandertal weltweit berühmt machte.  „Das bedeutungsvollste Nebenprodukt des Haaner Eisenerzbergbaus und der Hochdahler Hütte aber war die Entdeckung des Neandertalermenschen in der Feldhofer Grotte“, schreibt Vollmar. Fast vor der Tür der Eisenhütte seien die Knochen Mitte August 1856 von Grubenarbeitern beim Kalkabbau für die Hochöfen gefunden worden.

Sie wurden zunächst achtlos auf den Abraum geworfen, fielen jedoch den Steinbruchbesitzern Wilhelm Beckershoff und Friedrich Wilhelm Pieper auf. Sie schickten einige größere Knochenteile an Johann Carl Fuhlrott. Er untersuchte sie wie auch der  Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen. Beide waren sich sicher: Es handele sich um eine vorzeitliche Form des modernen Menschen.

Fuhlrott und Schaaffhausen präsentierten ihre Entdeckung im Juni 1857 auf der Generalversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande. Und standen mit ihrer Interpretation zunächst alleine da. Bei Nachgrabungen an der ursprünglichen Fundstelle in den Jahren 1997 und 2000 wurden übrigens weitere 60 Knochenfragmente und Zähne entdeckt, die dem Fossil Neandertal 1 und zwei weiteren Neandertalern zugeschrieben werden konnten.

Seinen Namen Neandertal erhielt die Landschaft erst 1850.  in Erinnerung an den bekannten Kirchenlied-Komponisten und evangelisch-reformierten Pastor Joachim Neander. Sein bekanntester Choral ist „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“.. Der gebürtige Bremer war zwischen 1674 und 1679 Rektor der Düsseldorfer Lateinschule der reformierten Kirchengemeinde und Hilfsprediger. Oft suchte er in seiner Freizeit das wildromantiische Tal auf. Dort hielt er Gottesdienste ab und komponierte viele seiner heute noch bekannten Kirchenlieder und Choräle.

Der Neandertaler fasziniert bis heute Forscher weltweit. Sie haben festgestellt, dass wir moderne Menschen mit unserem Vorfahren von vor über 30.000 Jahren immer noch vieles gemein haben.

Obwohl das Neandertal bei der Entdeckung des ersten gefundenen Vorzeitmenschen zur Bürgermeisterei Haan gehörte, wird der Name Haan damit nicht in Zusammenhang gebracht. Der Original-Schädel des Neandertalers wird seit 1877 im Rheinischen Landesmuseum in Bonn gezeigt. Und das Neandertal-Museum an der (verschwundenen) Fundstätte wurde 1996 in Mettmann errichtet.

Das Neanderthal vor dem Kalkabbau auf einem Ölgemälde von F.W. Schreiner. Foto: Stiftung
Der Backenzahn gehört zu den Fundstücken, die 1997 an der Fundstelle des Neandertalers ausgegraben wurden. Foto: Mikko Schümmelfelder (mis)
Der Neandertaler lebte vor rund 30.000 Jahren. Foto: Holger Neumann
Der Steinbruch der Kalksteinwerke Neandertal im Jahr 2009: Der Abbau hat die Landschaft verändert. Foto: Janicki, Dietrich (jd-)
Harro Vollmar hat dieses schlackenartige Eisenerz 1969 in der Gruitener "Iserkull" ausgegraben. Es enthält rund 38 Prozent Eisen. Foto: Harro Vollmar
Die Ausdehnung des Eisenerzreviers der Bürgermeisterei Haan im Jahre 1847 hat Harro Vollmar skizziert. Foto: Christoph Schmidt

Es ist das Verdienst von Harro Vollmar darauf hingewiesen zu haben, wem die Welt eigentlich die Entdeckung des Neandertalers verdankt: dem Haaner Eisenerz.