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Zwischenruf aus Grevenbroich: Den anderen ins Gewissen reden

Spiritueller Zwischenruf : Den anderen ins Gewissen reden

Jede Altersgruppe könne gute Gründe haben, den anderen ins Gewissen zu reden, meint Pater Bruno Robeck, Prior der Zisterziensermönche aus dem Kloster Langwaden.

Mut wächst aus Gemeinschaft. Mut wächst aus Sorgen, die zu Fürsorgen werden, die unsere Beziehungen wachsen lassen. In Fürsorge Gemeinschaften stärken, die in Vorsorge Lebensgrundlagen bewahren können“. Diese Worte stammen nicht von einem an Lebensjahren reichen Menschen. Sie wurden im Berliner Dom in der zweiten Fastenpredigt gesprochen. Sie stammen von einer jungen Frau, die sich selbst als Christin und Klimaaktivistin bezeichnet. Nicht erst der Inhalt ihrer Rede, sondern allein die Tatsache, der 24-jährigen Luisa Neubauer ein solches Forum zu bieten, hat mich beeindruckt.

Mir ist sofort die katholische Schülerin Johanna Müller eingefallen. Mit 17 Jahren ist sie das jüngste Mitglied der Vollversammlung des synodalen Weges der katholischen Kirche. „Ich erträume mir eine Kirche, für die ich mich nicht mehr schämen muss“, sagt sie. Harte und klare Worte. Früher waren es vor allem die älteren Männer, die mit Verweis auf ihre Lebenserfahrung genaue Vorstellungen für die nachfolgende Generation hatten und die deren Verhalten in bestimmten Punkten kritisierten. Heute reden die jungen Menschen ihrer Eltern- und Großelterngeneration ins Gewissen. Diese „strengen Klimakinder“ fordern ein klares und konsequentes Handeln ein. Viele Leitfiguren reiferen Alters vor allem aus Wirtschaft und Gesellschaft mahnen zur Nachsicht. Sie rufen nach schnellen Lockerungen in der Pandemiekrise und nach einem langsamen Vorgehen bei der Eindämmung des Klimawandels. Sie haben vor allem kurzfristige Ziele im Blick, während die junge Generation auf ein nachhaltiges strategisches Umdenken setzt. Es scheint, dass sich das Verhalten der Generationen geändert hat.

Die älteren Menschen sind bereit, die jüngeren zu hören und von ihnen lernen. Dabei bleibt unbestritten, dass jüngere Menschen ebenso wie ältere keine vollkommenen Lehrer und Mahner sind. Jeder hat seine Einseitigkeiten. Und jeder gute Lehrende weiß, dass er immer auch Lernender bleibt. Der Idealfall des Voneinanderlernens zwischen den Generationen ist ein urbiblisches Konzept, das der heilige Benedikt in seiner Mönchsregel verankert hat. Kein jüngerer Mitbruder darf aufgrund seines Alters gering geschätzt oder von der Beratung ausgeschlossen werden, „haben doch Samuel und Daniel, obgleich noch jung, Gericht über die Ältesten gehalten“.

Wer die entsprechenden Bibelstellen nachliest, wird merken, dass die Gerichtsworte von Samuel und Daniel gesellschaftspolitische Tragweite hatten). Vor diesem Hintergrund kann der Aufruf zur Umkehr in der Fastenzeit zum Anruf werden, sich einander zuzuwenden. Jede Altersgruppe kann gute Gründe haben, den anderen ins Gewissen zu reden. Die Jüngsten wie die Ältesten haben ein spezifisches Erfahrungspotenzial, das alle bereichern kann. Wenn wir uns nicht gegeneinander stellen, sondern miteinander gehen, werden wir am besten durch diese Pandemiezeit kommen und verantwortungsbewusst mit der uns anvertrauten Erde umgehen.