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Duisburg: Der Narr spiegelte einst die Stimmung in der Stadt wider

Duisburger Geschichte und Geschichten : Ein Narr in städtischen Diensten

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit kannte man Hofnarren – da machte Duisburg keine Ausnahme.

„Da ich mit mein närischen Sachen/ Die Herrschafft kan fein frölich machn/ Mit heuchlerey die Leut ich blendt/ Darumm man mich ein Schalksnarren nennt“, so dichtete noch Hans Sachs im Ständebuch des Jost Amman. Im Duisburger Stadtarchiv finden sich Unterlagen, die einen tiefen Einblick in Leben und Brauchtum des 16. Jahrhunderts liefern. Am 12. März 1565, am Fastnachtstage, wurde ein Duisburger Bürger vom Rat der Stadt zum Stadtnarren bestellt. Ein Narr galt als städtisches Statussymbol und sollte nicht nur an Fürstenhöfen für Unterhaltung sorgen. Die Anforderungen an den Bewerber waren höchst anspruchsvoll: Er musste durch beißenden Witz und geistreichen Tadel unterhalten. Tanz-, Gesang- , Musik- und Schauspielkünste erhöhten die „Performance“.

Qualifizierte Närrinnen gab es durchaus, aber Rat und Bürgermeister entschieden sich im Jahr 1565 für einen männlichen Narren. Das Amt darf nicht mit bunt gekleideten Gauklern verwechselt werden, die man auf dem Markt antraf, wo sie in der Hoffnung auf milde Gaben ihre Künste und platten Späße zeigten. Dagegen erforderte das privilegierte Narrenamt eine anspruchsvolle, ja luxuriöse Garderobe, die sich an die herrschende spanische Mode anlehnte. Das belegen die Stadtrechnungen aus dem Jahr 1565. Das Narrenkleid besaß aufgeschlitzte Mauwen (Ärmel nl.: mouwen), die mit jeder Bewegung Rot und Weiß die Farben der Hanse aus dem Duisburger Stadtwappen sichtbar werden ließen. Rot und Weiß waren. Die hohe kegelförmige Narrenkappe unterstrich ebenfalls die Bedeutung des Auserwählten. Immerhin vier Ellen Tuch (2,5 Meter), ebenso viel Stoff, wie  der Schneider für den Narrenrock verbrauchte, waren für die Anfertigung der ungewöhnlichen Kopfbedeckung nötig. Allein die Materialkosten für die Narrenkappe betrugen 76 Albus. Das war mehr als der Monatslohn eines Tagelöhners.

Der Duisburger Stadtnarr soll sich darauf verstanden haben, zur Belustigung des Volkes und der Ratsherren Possen zu reißen und durch beißenden Witz und geistreichen Tadel zu unterhalten. Ob die Jugend die moralischen Ratschläge immer annahm, ist nicht überliefert. Das Brauchtum zum Fastnachtstreiben diente – damals wie heute - auch der Partnersuche. Das „baden der megde“, das „dansen op den weiden“ und „penden und schatten“ (Pfänderspiele) vermitteln einen Eindruck von ungehemmter Lebensfreude. Der Narr signalisierte zwangsläufig auch Eitelkeit, Genuss- und Ruhmsucht um jeden Preis. Die vordergründige Botschaft von heiterer Kurzweil, geselligem Zeitvertreib und Selbstdarstellung wird damit zwar nicht konterkariert, aber doch durch einen selbstironisch-moralisierenden Zug ergänzt.

Der Narr war zu dieser Zeit auch ein Stimmungsbarometer der öffentlichen Meinung; er sollte die Stadtoberen vor Fehlern bewahren und darüber hinaus Missstände schelmisch ansprechen. Keine leichte Aufgabe in der Zeit der Glaubensspaltung. Während Altgläubige und Lutheraner allenfalls die Auswüchse des Brauchtums und die Unsitte des „Zutrinkens“ verurteilten,  forderten die humorlosen Calvinisten strenge Verbote der alten Fastnachtsbräuche und des ausschweifenden Alkoholkonsums.

Als die Reformation in Duisburg immer mehr Fuß fasste, wurde alles versucht, das lasterhafte Vergnügen zu verbieten oder zumindest einzuschränken. So geriet die Aufgabe des augenzwinkernden Stadtnarren allmählich in Vergessenheit. Doch die Duisburger Karnevalisten können sich mit Stolz auf eine 500jährige Tradition  rheinischen Narrentums berufen. Alle Schichten beteiligten sich im 16. Jahrhundert am närrischen Treiben. Die Spurensuche fördert einige Fragmente der Narrentradition und des Brauchtums zutage. Bei Gesellschaften zeigten sich die Stadtväter im Gegensatz zu heute spendabel: 160 Liter Wein konnten im Jahr 1518 steuerfrei ausgeschenkt werden.

Das Stadtwappen, die Hanse-Farben Rot und Weiß und das Narrenportrait im Rathausbogen haben im Duisburger Karneval noch bis heute eine identitätsstiftende Funktion. In Kunst und Literatur wurde der Narr zu einer Symbolfigur für das Vergnügen, für Eitelkeit, Vanitas, Laster und Ausschweifungen jeglicher Art. In diesem Sinne: Duisburg helau!