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Düsseldorf: Wo Düsseldorf mal hübsch hässlich ist

Düsseldorf : Wo Düsseldorf mal hübsch hässlich ist

Der Worringer Platz gilt als Schandfleck, der OB spricht von einer Fehlplanung und will ihn am liebsten umbauen. Unser Autor hat einen Tag dort verbracht. Sein Fazit: Nirgendwo sonst wirkt Düsseldorf mehr wie eine echte Großstadt.

Kalle ist voll. Er hat am Morgen schon angefangen, da sah man ihn zum ersten Mal auf der Glasbank sitzen, eine Flasche klirrend aus dem gelben Bernd-das-Brot-Rucksack ziehend. Das Bier tat ihm sichtlich gut, Kalle lachte, drehte sich eine Zigarette, war noch ansprechbar. Die Jogginghose war leidlich frisch gewaschen, das schüttere blonde Haar mit Wasser zum Scheitel gekämmt.

Kalle sagte, dass er ein paar Bierchen trinken wolle, zwei oder drei, weil das Wetter so schön sei. Dass er sonst nichts zu tun habe und öfter zum Worringer Platz komme, einfach, weil er die Leute kenne. Die Leute — das sind Tausende, meist sind sie in Eile, warten auf die Bahn, steigen um, wollen irgendwo hin, nur nicht hierbleiben. Sie laufen an Kalle vorbei, der kurz vorm Einnicken ist. Es ist inzwischen später Nachmittag, Kalle hat sein Tagwerk getan, jetzt sagt er gar nichts mehr.

Natürlich hat der OB recht: Der Worringer Platz ist hässlich. Diese grünen Bänke aus Glasbausteinen sind nur klägliche Versuche, den Verkehrslärm abzuhalten. Die Bäume — ebenso ein Witz. Naiv wirkt das Ensemble wie Geranienkästen an Autobahn-Leitplanken.

Wahrscheinlich sah das auf Architekten-Zeichnungen mal gut aus, mit flanierenden Menschen in Anzügen, Müttern, die auf den Bänken ihren Kindern ein Fläschchen geben. Die Realität aber ist unwirtlich, der Lärm der Autos, das Geschrei der Säufer, und dennoch ist da noch etwas anderes zwischen billigen Hotels, Döner-Buden und der Bahn-Unterführung, die in ihrer absurden Hässlichkeit schon keine Bausünde mehr ist:

Es gibt hier kein Brauchtum-Gedöns, keine selbstverliebte Verherrlichung rheinischer Lebensart, der Worringer Platz kommt ohne diese in Düsseldorf oft zu besichtigende Melange aus Traditionalismus, Kleinbürgertum und Geld daher; es ist das Leben einer modernen Großstadt, das auf diesem Platz eine Bühne bekommt. In allen Facetten.

Da ist zum Beispiel Pille, eine Punkerin von Mitte Zwanzig, deren Hund lakonisch das Bein hebt. Sie bleibt in Düsseldorf, weil die Stadt eben nicht nur die Klischees bedient, sagt sie. Die Stadt sei eben auch Einwandererstadt, auch arm und an vielen Orten eben auch tolerant. Der Worringer Platz sei einer dieser Orte. Sie trinkt Bier vom Discounter, trifft sich mit Freunden hier, die auch nach 30 Minuten noch nicht da sind, doch das stört sie nicht weiter.

Junge Leute steigen aus der Straßenbahn, ziehen Koffer hinter sich her, sie wollen zum Busbahnhof nebenan, wo Fernbusse nach Berlin und Frankfurt auf sie warten. Monteure, die in den umliegenden Pensionen untergekommen sind, versorgen sich nun in den Döner-Läden mit Fleischtaschen und Dosenbier. Alte türkische Männer mit Gebetsketten schwätzen mit schwarzgekleideten Matronen, die orangefarbene Plastiktüten mit Gemüse nach Hause tragen.

Ein vierjähriges Mädchen kommt in den gläsernen Schnellimbiss, wo man sich heute nicht über den Worringer Platz unterhalten will ("Chef ist nich da!"). Es zieht einen Fremden am Ärmel, fragt "Toilette, wo?", dann sieht das Kind die öffentliche Toilette und verschwindet. Die höchstens 20 Jahre alte Mutter schreit in ihr Telefon, auf den Knien ein weiteres Kind, das sich amüsiert umsieht. Nach fünf Minuten kommt seine Schwester mit heruntergelassener Hose zurück, die Mutter lacht ein bisschen, ohne das Gespräch zu unterbrechen, die Bahn spuckt immer mehr Menschen aus, abends, wenn der Platz melancholisch wird.

Kalle ist plötzlich weg, die Stimmung unter den Trinkern kippt ein bisschen, es gibt kleinere Pöbeleien, denen zwei schwarze Frauen mit Missachtung entgegentreten. In stoischer Ruhe studieren sie das Angebot eines Kiosks, kaufen Zigaretten, ziehen weiter Richtung Bahnhof.

1600 Meter sind es nur bis zur Königsallee, bis zum Kö-Bogen, wo Düsseldorf alle Anstrengungen unternimmt, weltstädtisch zu wirken. Absurderweise hat der Worringer Platz mehr von Paris, London oder Berlin als es der Kö-Bogen je haben kann in all der Bemühtheit, die Prestige-Objekten immer zu eigen ist. Der Worringer Platz sagt: Ihr könnt mich mal.

Ein junges türkisches Pärchen kommt zum Rendezvouz. Er fragt mit ungelenker Höflichkeit, am Nachbartisch, ob der Stuhl frei ist, reicht ihr einen Halbliter-Tetra-Pack mit Fruchtsaftgetränk, in den er den Strohhalm gesteckt hat. Und darf dafür ihre Hand halten, während sie auf das Essen warten. Sie hört keinen Lärm, er versucht, nicht auf das Handy zu sehen. Sie lächelt verliebt, als er es vom Tisch nimmt.

Welche Ecken Düsseldorfs sind für Sie ein Schandfleck? Nennen Sie uns den Ort und schicken Bilder an duesseldorf@rp-online.de

(RP/ila/anch/top/ac)