Neue Ausstellung bei Julia Stoschek

Erst ab 16 Jahren geeignet : Viel Körpereinsatz bei Julia Stoschek

Im Stammhaus an der Schanzenstraße werden amerikanische Pionierinnen der Video- und Performance-Kunst präsentiert.

Anfang dieses Jahres starben in kurzen Zeitabständen drei amerikanische Pionierinnen der Video- und Performance-Kunst: Im März Carolee Schneemann und Barbara Hammer, beide 79 Jahre alt, im Mai die 75-jährige Lutz Bacher. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätze vereint das Werk der drei Frauen die Zugehörigkeit zu einer Generation, die die Grenzen der Kunst durch ihre Radikalität und mit viel Körpereinsatz verschob.

Und halfen, neue Genres zu etablieren. Während Hammer eine Pionierin des lesbischen Films ist, trug Schneemann zur Entwicklung der Aktionskunst bei. Lutz Bacher, lange Zeit ein Enigma der Kunstwelt, behandelte über 40 Jahre lang Themen rund um Sexualität, Körper und Identität. In der Ausstellung „JSC on view“ wird nun das Werkes der drei Künstlerinnen in der Julia-Stoschek-Collection gewürdigt.

Aus einer spontanen Idee sei diese Ausstellung erwachsen, so die Direktorin der Sammlung, Monika Kerkmann. Dafür wurde innerhalb kurzer Zeit eigens das neue Format „JSC on view“ geschaffen. Das Programm im Düsseldorfer Stammhaus wurde kurzerhand geändert und im Erdgeschoss Platz geschaffen für die Ausstellung. Über welch große Videokunst-Sammlung die Stiftung verfügt, zeigt „JSC on view“ jetzt. Denn in knapp zwei Monaten ist es den Macherinnen gelungen, einen wunderbaren Überblick über das Werk der drei Künstler zu geben. Teilweise stammen die Arbeiten aus dem Sammlungsbestand, einige Arbeiten wurden aber auch eigens für die Schau angekauft. Auch in Zukunft soll dieses Format den Sammlungsbestand der Julia-Stoschek-Collection in den Fokus rücken.

Der Anfang der Ausstellung ist Carolee Schneemann gewidmet. In dem 29-minütigen Video „Up to and including her Limits“ sieht man Schneemann, wie sie an einem Seil hängend durch den Raum schwingt und mit Farbstiften auf Oberflächen malt. Diese kinetische Malerei ist die direkte Antwort auf Jackson Pollocks physisch geprägten Malprozess – in einer viel radikaleren Art. Carolee Schneemann öffnete so im Pioniergeist der 60er Jahre mit ihrer performativen, kinetischen Malerei und experimentellen Praxis den gesellschaftlichen Diskurs zu Körperlichkeit und Geschlechterrollen. Mit „Fuses“ (1967) ist eines ihrer zentralen Werke in der Stoschek-Collection zu sehen. Es zeigt Schneemann mit ihrem Partner, dem Komponisten James Tenney, beim Sex. Dazwischen sind immer wieder alltägliche Ansichten geschnitten. Der Akt, der von ihr selbst mit einer einfachen 16-mm-Kamera gefilmt wurde, wird mit Farbüberlagerungen oder Brandspuren collagiert. So ergibt sich ein sehr filmisches Essay über Liebe, Sex und den Alltag.

Mit Barbara Hammer ist eine Vorreiterin des lesbischen Films zu sehen. Die Arbeit „Double Strength“ ist eine poetische Studie über die verschiedenen Stadien ihrer Liebesbeziehung zur Choreografin und Trapez-Künstlerin Terry Sandgreff. In einer Montage aus Filmausschnitten, in denen beide Frauen nackt am Trapez hängen, sowie privaten Fotografien erzählt der Film von den intensiven Anfängen über die Entfremdung bis zum Ende der Liebesbeziehung. Durch Schnitt, Thematik und die Erzählung aus dem Off ist „Double Strength“ ein faszinierender und packender Film, der starke narrative Züge trägt.

Die letzte Position in „JSC on view“ sind die zum Teil nicht ganz jugendfreien Arbeiten von Lutz Bacher. Seit den 70er Jahren verbarg sie ihre Identität hinter ihrem männlichen Pseudonym. Sie galt lange Zeit als „artist‘s artist“, also als Künstlerin, die vor allem in Künstlerkreisen rezipiert wurde, weniger in der Öffentlichkeit. Das änderte sich jedoch in den 2010er Jahren. Noch 2018 wurde sie mit einer Einzelausstellung im K21 geehrt. Für ihre Objekte, Fotos und Videos verwendet sie Bild- und Textmaterial aus der Populärkultur. Durch Dekonstruktion oder Verfremdung wirft sie Fragen nach der Autorenschaft, Macht und dem Einfluss von Massenmedien auf die Gesellschaft auf. So wie in der Arbeit „James Dean“, die auf einem Bildschirm verschiedene Fotos des früh verstorbenen Hollywood-Stars zeigt. Unkommentiert und bewusst nicht auf Augenhöhe sollen diese Bilder den Blick auf die verletzliche Figur des James Dean sensibilisieren.

Mit der Ausstellung gibt die Stoschek-Collection einen überaus sehenswerten Überblick über das Werk von drei maßgeblichen Künstlerinnen.

Info im Internet unter
www.julia-stoschek-collection.net

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