Asphaltfestival endet mit Marta Gornickas "Hymne an die Liebe"

Asphaltfestival : Von der Kraft der Gemeinschaft

Ein polnischer Sprechchor schmettert nationalistisches Gedankengut: Mit Marta Gornickas „Hymne an die Liebe“ ist ein politisch engagiertes Asphalt-Festival zu Ende gegangen.

26 Menschen stehen auf der Bühne, unterschiedliche Typen diversen Alters, eine Frau mit Down-Syndrom ist darunter, einer mit Tattoos, eine mit dunkler Haut. Doch als Marta Gornicka stehend aus dem Publikum den Einsatz gibt, verschmelzen diese Individuen zu einem Körper, schmettern mit einer Stimme, raunen vom Volk, das unter sich bleiben will.

Sie habe ein grausames Monster geschaffen. Das sagt die polnische Regisseurin Marta Gornicka selbst über ihren Chor, den sie aus den Stimmen von Nationalisten, christlichen Fanatikern und rassistischen Biedermännern in Polen und Europa geformt hat.  Mal schmettert dieser Chor rechtsradikale Thesen wie sie etwa der norwegische Terrorist Anders Breivik zur ideologischen Verbrämung seines Massenmordes auf der Insel Utoya verfasst hat. Im nächsten Moment stimmt der Chor scheinbar naiv patriotische Lieder aus Polen an, zelebriert bigotte Kirchengesänge oder zischelt  rassistische Bemerkungen, die aus vielen EU-Staaten stammen könnten.

Dabei formiert sich die Gruppe der Performer immer wieder neu wie eine Hydra, der nach jedem Hieb ein neuer Kopf wächst. Die Sprecher wechseln ihre Positionen und Stimmlagen, marschieren auf der Stelle, schwenken ihre Arme, ziehen sich lächelnd zurück, preschen wieder an die Rampe, um dem Publikum ihre Ressentiments entgegenzuschleudern. Doch zugleich ist Marta Gornickas Chor eben kein einheitlicher Stimmkörper, kein homogenes Volk, sondern ein Ensemble starker Charaktere, die hervortreten, wieder in der Gruppe verschwinden und sich einfach nicht fügen in die Klischees von „den“ Polen.  

Mit Gornickas „Hymne an die Liebe“ hat das Asphalt-Festival nach elf erfolgreichen Kunstfesttagen einen wuchtigen Schlusspunkt gesetzt. Das Sommerfestival der Künste hatte in diesem Jahr unter dem Titel „human being human“ gestanden und sich in vielen Spielarten mit der Frage beschäftigt, was Menschen dazu treibt, Hass an Stelle von Humanismus zu setzen. Und wie das Vertrauen in Demokratie und gesellschaftliche Offenheit zurückgewonnen werden kann.  Das große Ensemble aus Polen einzuladen, war ein Kraftakt für das Festival. Doch machte dieser radikale Abend mit seinem Stimmengewirr aus Geschichte und Gegenwart deutlich, wie dringlich es ist, sich in Europa mit dem Bedürfnis nach nationaler Abschottung und der Verdrängung historischer Schuld zu beschäftigen.

Gornicka geht in ihrer Arbeit sehr weit, wenn sie nicht nur die religiösen Wurzeln nationaler Auserwähltheitsfantasien in Polen aufgreift, sondern ihren Landsleuten auch vorwirft, sie hätten die Verbrechen der Deutschen geschehen lassen. Gerade vor einem deutschen Publikum sind das schwierige Passagen, denn die Polen lebten schließlich unter deutscher Terrorherrschaft, als die Deutschen die Verbrechen begangen. Was in Polen mutige Selbstkritik sein mag, klingt in Deutschland wie Relativierung von Schuld.

Im Publikumsgespräch nach der Vorstellung berichtete die Regisseurin, dass sie bei der Kulturförderung in ihrem Heimatland auf Schwierigkeiten stößt, weil sie kein positives Bild von Polen in die Welt trägt. Gleichzeitig würde ihre Arbeit aber auch in Polen ausgezeichnet. Sofort meldete sich eine Mitarbeiterin des polnischen Instituts zu Wort, die darauf hinwies, dass ihre Institution das Gastspiel beim Asphalt-Festival mit Mitteln aus dem polnischen Kulturetat unterstützt hat.

Marta Gornicka findet längst international viel Anerkennung. Wie schon Einar Schleef knüpft sie an das chorische Theater der Antike an und nutzt die Wucht gemeinsamen Sprechens, um über die Dynamik von Gruppen nachzudenken. Das perfekt einstudierte Ensemble der Regisseurin beweist mit seiner virtuosen Performance, welche Kraft und Dynamik eine Gemeinschaft entfalten kann, wenn darin jeder seinen Platz hat und seine Talente entfalten kann. Doch Gornickas Chor zeigt auch das aggressive Gesicht der Gruppe, die unter sich bleiben will - mit allen Mitteln. Beide Möglichkeiten finden auf der Bühne physisch Ausdruck. Und der Text führt vor, wie geläufig Rassismus und Abschottungsparolen schon wieder sind.

Das Asphalt-Festival hat in diesem Jahr ein politisches Programm vorgelegt, das die Zeit trifft, und ist zugleich das lässige Sommerfestival geblieben, das ein breites Publikum anspricht. Ein Fest, wenn Kunst das gelingt.

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