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Helene Hegemann im Interview: "Ich schreibe überhaupt nicht gern"

Helene Hegemann im Interview : "Ich schreibe überhaupt nicht gern"

Helene Hegemann hat mit ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" eine heftige Debatte über Plagiate und Erzählmontage im Internetzeitalter ausgelöst. Damals war sie 17. Heute, mit 19, macht sie Theater – mit Freunden in Düsseldorf.

Helene Hegemann hat mit ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" eine heftige Debatte über Plagiate und Erzählmontage im Internetzeitalter ausgelöst. Damals war sie 17. Heute, mit 19, macht sie Theater — mit Freunden in Düsseldorf.

Wovon handelt Ihr Theaterstück?

Hegemann Ich könnte jetzt sagen, weil es ganz gut klingt: Es ist eine spielerische Kritik am Kapitalismus. Das wäre aber völliger Quatsch, solche Beschreibungen dienen nur der Legitimation, etwas auf die Bühne zu bringen.

Und wovon handelt es tatsächlich?

Hegemann Ich mache diese Arbeit, weil meine Schulfreunde gerade Abi gemacht haben und nicht genau wissen, was sie jetzt tun sollen. Ich hatte das Angebot von René Pollesch, ein Stück zu machen, hatte eigentlich keine Lust dazu, weil ich mir ungern eines Auftrags wegen etwas aus den Fingern sauge, aber dann habe ich meine Freunde gefragt: Wollt ihr jetzt drei Monate nach Thailand fahren oder Geld verdienen und mit mir ein Stück machen? Sie haben sich für das Stück entschieden. Wir werden also nicht versuchen, aus irgendeinem Text eine weltbewegende Weisheit zu quetschen. Und wir tun auch nicht so.

Sie wollten nicht mit Profis arbeiten?

Hegemann Ich hab' nichts gegen Profis. Ich mag nur Leute mit Profi-Gehabe nicht, die so tun, als würden sie auf der Bühne mit einer Rolle verschmelzen. Das nervt mich wahnsinnig, weil es nicht unterhaltsam ist für das Publikum, sondern höchstens für den Schauspieler selber. Schauspieler gehen ja nicht auf die Bühne, weil sie unglaubliche emotionale Impulse verspüren, sondern der Regisseur besetzt Schauspieler, weil er mit ihnen schlafen will. Und die Leute schauen sich das an, weil sie die Schauspieler toll finden oder selbst gern welche wären. Ich kenne eigentlich niemanden, der ins Theater geht und nicht mindestens bei jedem zweiten Stück gern mal fünf bis 80 Minuten schlafen würde.

Warum lassen Sie das Theatermachen nicht einfach?

Hegemann Ich mache normalerweise ja kein Theater. Meine Freunde brauchten Geld, ich konnte Ihnen eine Beschäftigung besorgen, also machen wir das jetzt und haben ein bisschen Spaß dabei. Das sagen wir auch im Stück. Wir hören da auch mal 20 Minuten Platten, weil uns nichts anderes eingefallen ist.

Sie schreiben also lieber Prosa?

Hegemann Ich schreibe eigentlich überhaupt nicht gern. Ich muss es nur immer wieder tun, weil es die Voraussetzung für das ist, was ich dann gern tue.

Nämlich?

Hegemann Mit anderen Leuten, die sich in ihren Bereichen sehr gut auskennen, meinen Text zu etwas zu machen, das dann sein eigenes Leben führt.

Also lieber Film als Theater?

Hegemann Ach, wer weiß, vielleicht studiere ich in drei Jahren auch Wirtschaftswissenschaften, weil es unglaublich schwer ist, sich immer wieder mit der eigenen Kreativität auseinanderzusetzen.

Aber die lässt Sie nicht in Ruhe?

Hegemann Ja, wahrscheinlich bin ich für den normalen Arbeitsmarkt auch einfach gänzlich ungeeignet und ruhe mich deswegen auf meiner sogenannten Kreativität aus. Das kann aber auch schiefgehen, vielleicht schon jetzt, nach der nächsten Premiere nimmt mich wahrscheinlich sowieso niemand mehr ernst.

Und das wäre ein Befreiungsschlag?

Hegemann Nicht unbedingt, weil da leider die persönliche gekränkte Eitelkeit hinzukommt. Aber ich erwarte das schon mein Leben lang.

Schmieden Sie denn Pläne für eine Zeit danach?

Hegemann Das kann ich leider gar nicht, dazu bin ich zu hedonistisch erzogen worden.

Hat Ihre Kritik am Kunstbetrieb auch mit der harschen Auseinandersetzung um "Axolotl Roadkill" zu tun?

Hegemann Absolut nicht. Es kann sogar Spaß machen, solche Wellen auszulösen, das waren zwei sehr intensive Monate. Wenn man jeden Morgen wach wird und mit absolutem Hass konfrontiert wird, dann ist das extrem energetisch.

Sie fühlen sich nicht als Opfer?

Hegemann Nein. Man hat allerdings unglaubliche Scheiße über mir ausgeschüttet, das war unfair und auch nicht legitim, weil die Kritik nicht fundiert war.

Warum brachen Sie die Schule ab?

Hegemann Ich habe einfach gespürt, dass diese Einrichtung für mich nicht funktioniert. Ich wollte nicht in einem Stuhlkreis sitzen und Teil dieses Systems sein. Damit will ich nicht sagen, dass Schule schlecht ist, nur für mich war das nicht machbar. Und ich hatte das große Glück intuitiv zu wissen, dass es andere Möglichkeiten gibt, sein Leben zu gestalten. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein und stelle in fünf Jahren fest, dass das der größte Fehler meines Lebens war.

Ihre Schule war die Volksbühne, an der Ihr Vater Dramaturg war?

Hegemann Ach, Quatsch! Ich hab da in der Kantine gesessen und mich zum Affen gemacht, weil niemand was mit mir anfangen konnte, ich aber in alle total verliebt war. Ich hab' da versucht, Hannah Arendt zu lesen, aber das Buch falsch herum gehalten, so war das.

Aber so eine Theater-Kantinen-Sozialisation prägt doch auch?

Hegemann Stimmt, ich bin extrem oft ins Theater gegangen. Es gibt Stücke von René Pollesch wie "Cappuccetto Rosso", die habe ich 35 Mal gesehen, da saß ich ein Jahr lang in jeder Vorstellung. Das war so direkt, so schnell, so entertaining wie ein Rockkonzert. Das ist kein Theater, in dem Schauspieler gezwungen werden, etwas von der Rampe an die Zuschauer runterzutragen. Da geht es um einen kommunikativen Akt, in dem Schauspieler und Publikum gemeinsam herausfinden, was sie interessiert.

Der Gegenentwurf zu Schule.

Hegemann Vielleicht, mich hat jedenfalls dieser mit Tradition gekoppelte Punkrock sehr begeistert.

Dorothee Krings führte das Interview.

(RP/jco)