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Junges Schauspielhaus: Jugendtheater wagt sich an "Medea"

Junges Schauspielhaus : Jugendtheater wagt sich an "Medea"

In seiner gewagt kargen, aber fesselnden Inszenierung von Franz Grillparzers "Medea" setzt Regisseur Sarantos Zervoulakos auf die Kraft des Wortes und des Spiels. Er zeigt das Drama einer Außenseiterin, deren Kultur im neuen Land nichts zählt. Eine Herausforderung für Zuschauer ab 16.

Als es noch dunkel ist, treten vier Schauspieler an die Bühne, richten einen riesigen Rahmen auf, der mit weißer Plastikfolie bespannt ist. In die Senkrechte gebracht, schaukeln die Darsteller den Rahmen sacht, die Folie bläht sich wie ein Segel, rauscht wie das Meer. Ansonsten ist es still im Raum. Es wird hell und wieder dunkel, dann ist das Schiff an Land.

So einfach kann Theater von der langen Irrfahrt der Medea und des Jason über das Schwarze Meer erzählen. Schon landen die Argonauten an der Küste Griechenlands, und das Drama einer Ehe, die über kulturelle Differenzen hinweg geschlossen wurde, doch die Spannungen nicht aushält, kann beginnen. Selten hat man so karges, so auf den Text konzentriertes Theater an einer Bühne für die Jugend gesehen.

Franz Grillparzers Bearbeitung des antiken Medea-Stoffes aus dem Jahr 1819 hat sich der in Griechenland geborene und in Letmathe aufgewachsene Regisseur Sarantos Zervoulakos (31) für das Junge Schauspielhaus vorgenommen. Doch hat er keine Version in junger Sprache schreiben lassen, sondern stellt tatsächlich Grillparzer auf die Bühne in einer 100-Minuten-Fassung ohne Pause. Das ist eine Herausforderung, denn "Medea" ist als letzter Teil einer Trilogie ein voraussetzungsvoller Stoff, und Grillparzers Verse sind nicht gerade lockerer Rap; sie verlangen Konzentration, junge Zuschauer werden sich manch altmodisches Wort durch den Kontext erschließen müssen. Und keine Musik, kein Tanz bieten zusätzliche Reize.

Doch so sperrig der Zugang, so hoch die sprachliche Hürde: Die Inszenierung konzentriert sich dann ganz auf Emotionen und Konflikte, die junge Menschen bewegen. Zervoulakos erzählt vom Scheitern einer Außenseiterin, vom Mobbing einer jungen Frau, deren Kultur nichts gilt im neuen Land. Medea ist groß, impulsiv, laut. Stefanie Reinsperger spielt das packend, wuchtig, manchmal fast zu rasend, ohne ihre Medea je der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn ihre Figur ist auch stolz. Wenn sie mit ihrer Widersacherin, der feinen Griechin Kreusa, das Lyra-Gezupfe übt, dann schluckt sie deren mitleidig herablassende Belehrungen. Doch irgendwann greift Medea in die Saiten wie eine Rock-Lady, lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Da kann die dressierte Kreusa nicht mithalten. Gespielt wird die griechische Königstochter, die Jason bekommen soll und auch noch die Kinder von Medea, von Janina Sachau. Die kann grazil sein, sanft, aber eben auch zäh, biestig und so fesselt das Aufeinandertreffen dieser konträren Frauentypen.

Dazu ist dieses Stück ein Ehedrama. Es erzählt von einer Liebe, die auf kulturelle Unterschiede, auf Warnungen und Vorbehalte nichts geben wollte und doch zerbricht. Zurückgekehrt in die Heimat ist Jason (mit zornigem Elan gespielt von Aleksandar Tesla) seine Medea peinlich. Auch dieses Erkalten von Liebe, das Scheitern romantischer Entwürfe und das Ringen um Loyalität sind jugendliche Themen im alten Stoff. Und wenn Medeas Sohn, tapfer gespielt von Kinderdarsteller John-Frederik Reeg, sich zwischen der verbannten Mutter und der neuen Frau des Vaters entscheiden muss, dann ist das eine drastische Szene, die doch viel zu tun hat mit jugendlicher Realität in Zeiten von Patchwork-Familien.

Theater für die Jugend muss nicht anders sein als für Erwachsene, es muss nur davon handeln, was Jugendliche beschäftigt. Sarantos Zervoulakos tritt an, dieses Bekenntnis zum anspruchsvollen Jugendtheater in der Praxis zu beweisen — mit Schauspielern, die für ihre Sache glühen. Man wünscht dieser Inszenierung, dass sie auch vor theaterungeübtem Publikum besteht.

(RP/rai)