Der "Sprayer von Zürich": Die neue Kunst des Harald Naegeli

Der "Sprayer von Zürich" : Die neue Kunst des Harald Naegeli

Der einstige "Sprayer von Zürich" lebt seit 30 Jahren in Düsseldorf. In einer Galerie stellt er jetzt seine neuesten Werke vor. Und siehe da: Aus dem rebellischen Aktionskünstler von einst ist ein Zeichner mit Hang zur Meditation geworden.

Harald Naegeli (71), Ende der 1970er Jahre als "Sprayer von Zürich" gerühmt und gefürchtet, ordnet seine Kunst aus der Farbdose heute schon historisch ein: "Die Spray-Arbeiten waren eine reine Zeit-Sprache."

Sie richteten sich dagegen, dass in seiner Heimatstadt viele Hausbesitzer ihre alten Gebäude abreißen und um höherer Mieteinnahmen willen neue errichten ließen. Die Schweiz war vom Krieg verschont geblieben und zerstörte nun, um sich zu modernisieren, ihr kulturelles Erbe.

Harald Naegeli mochte dabei nicht tatenlos zusehen — und musste dafür büßen. Die Zürcher Justiz belegte ihn 1981 wegen wiederholter Sachbeschädigung mit einer hohen Geldstrafe, verurteilte ihn zu neun Monaten Haft. Zuvor hatte er Kontakte ins Rheinland geknüpft. In Köln sprayte er einen vielbeachteten Totentanz, und auch in Düsseldorf hinterließ er Spuren. Noch heute weist mancher Rheinbrücken-Pfeiler Reste seiner schwarzen Strichmännchen auf — oder sind es bloß Relikte seiner zahllosen Nachahmer?

Naegeli jedenfalls war nach Düsseldorf gezogen, hatte dort Joseph Beuys kennengelernt und in ihm einen Verbündeten gefunden. Schließlich gab es auch in Deutschland architektonische Fehlentwicklungen, gegen die man sich auflehnen konnte. Köln zum Beispiel leidet noch heute darunter, dass Bauherren nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs rasch Betonklötze hochzogen, ohne Rücksicht auf das Stadtbild.

Als Naegeli 1984 seine Haftstrafe in der Schweiz antreten musste, obwohl unter anderem Willy Brandt dagegen seine Stimme erhoben hatte, begleitete ihn Beuys solidarisch über die Grenze. Nach seiner Entlassung ließ er sich erneut in Düsseldorf nieder — und zeichnete. Heute gehen aus seinem Atelier in Bilk nicht nur Zeichnungen hervor, sondern auch Objekte; sein größtes Projekt — daran will er bis zu seinem Tod arbeiten — heißt "Urwolke". Eigentlich wollte er die filigranen Blätter dieses Tuschezeichnungs-Zyklus dem Museum Kunstpalast vermachen. Doch eine Ausstellung zu Naegelis siebzigstem Geburtstag, die der frühere Museums-Chef Jean-Hubert Martin ihm zugesagt hatte, fiel aus, weil Martins Nachfolger Beat Wismer, ein Landsmann Naegelis, sie ablehnte. Harald Naegeli spricht von "schweizerischen Ressentiments", will nun irgendwann den größten Teil seiner Zeichnungen zugunsten der Umwelt-Organisation "Greenpeace" versteigern lassen und nur seine bereits als Leihgaben im Museum befindlichen Blätter dem Haus übereignen — falls es daran noch Interesse hat.

Wenn man mit Naegeli spricht, fällt das Wort "Urwolke" viel häufiger als der Begriff "Graffiti". Für die Urwolke schlägt Naegelis Herz: einen Gegenpol zur Sprühkunst, wie er sagt, introvertiert, meditativ, überindividuell. Mit winzigen Strichen, Punkten und Kreisen rhythmisiert er auf einem Blatt Papier den Raum. "Die Wolke ist scheinbar anarchisch", merkt er an und ist sich selbst noch nicht ganz sicher, wie er dieses über viele Blätter verteilte Gebilde deuten soll. 400 Urwolken-Blätter lagern in Düsseldorf, 100 an seinem Hauptwohnsitz in Zürich. Bewegung und Zeit sind die Themen der Urwolke, und da gibt es dann doch eine Verbindung zur Spraykunst. Auch Naegelis schwarze Sprüh-Männchen verkörperten Bewegung, Dynamik und damit zugleich Auflehnung.

In einer Ausstellung der kleinen Düsseldorfer Galerie "Art Unit" unweit des Hauptbahnhofs kann man nun dem alten und dem neuen Naegeli begegnen: dem alten zum Beispiel anhand jenes Kunstdrucks "Das Auge", dessen Vorlage er im Zürcher Gefängnis sprayte. In einem Fettkreide-Blatt von 1993 zuckt ein "Grasblitz", und dann gibt es da noch eine Reihe von Tierzeichnungen, ähnlich wie Beuys sie anfertigte. Naegeli verehrt die Tierwelt, zeichnete früher auch häufig im Krefelder Zoo.

In jüngerer Zeit sind Objekte hinzugekommen, vor allem ein Rednerpult aus Karton, "Der Traum der Maske". Das wirkt alles ein bisschen grob, aber dadurch auch anarchisch wie die Graffiti. Harald Naegeli, der sich als wirtschaftlich unabhängig bezeichnet, nimmt sich nach wie vor die Freiheit, das zu machen, wonach ihm der Sinn steht. Heute ist er schon fast ein Klassiker: Manches seiner Männchen auf Zürcher Häuserwänden ist längst liebevoll restauriert.

(RP)
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