Analyse: Das Ringen um das "richtige" Erinnern

Analyse : Das Ringen um das "richtige" Erinnern

Auch 70 Jahre nach der Befreiung Düsseldorfs fällt das Erinnern und Gedenken an das, was bis zur Befreiung der Stadt am 17. April 1945 geschah, schwer. An wen und was darf und sollte man erinnern und wie? Eine Gratwanderung. Immer wieder.

Das Erinnern und Gedenken kann selbst bei besten Absichten missglücken. Als vor ein paar Jahren Jugendliche der jüdischen Gemeinde mit nicht-jüdischen Altersgenossen zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 erinnerten, indem sie mit Fackeln in den Händen durch die Straßen der Altstadt bis zum ehemaligen Standort der Synagoge an der Kasernenstraße zogen, gab es verstörte Blicke. "Wir sind so vorbelastet mit Bildern von NS-Reichsparteitagen und -Fackelmärschen, dass der Fackelzug der Jugendlichen, die ja gute Absichten hatten, unglücklich anmutete", sagt die stellvertretende Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte, Hildegard Jakobs.

An den Ort des Geschehens zu gehen - hier die Heerdter Bunkerkirche mit original eingerichteten Räumen - wird immer wichtiger. Foto: Christoph Reichwein

Die vielfältige Erinnerungsarbeit, die nach der langen Zeit des Verdrängens und Verschweigens auch in Düsseldorf in den 1970er Jahren einsetzte, kann sogar falsche Erinnerungen produzieren. "Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir erzählte, wie er die Pogromnacht miterlebt hatte", sagt Jakobs. Als sie ihn nach seinem Alter fragte, staunte sie nicht schlecht: Der Mann war 1938 noch gar nicht auf der Welt. Seine "Erinnerungen" bestanden aus Erzählungen seiner Eltern und eben der Erinnerungsarbeit, die man zum Beispiel aus Schulen oder dem Fernsehen kennt.

Auch 70 Jahre nach der Befreiung durch die Alliierten ringt man in Düsseldorf immer wieder um angemessene Form und Inhalt des Erinnerns, Gedenkens und Mahnens. An wen und was darf und sollte man erinnern? Welche Form ist angemessen und würdig? Sogar die Menge der Erinnerungs- und Gedenkkultur steht zur Debatte. Eine ständige Gratwanderung. Denn immer wieder versucht man Antworten auf diese schwierigen Fragen zu finden, und manche wirken aus der heutigen Perspektive irritierend und oft nicht mal verständlich.

Das Mahnmal der Drei Nornen auf dem Nordfriedhof - aus heutiger Sicht ein eher missglücktes Beispiel Düsseldorfer Erinnerungskultur. Foto: Bernd Schaller

Etwa das Mahnmal "Drei Nornen", das 1958 für die Opfer des Feldes, der Heimat und des politischen Terrors auf dem Nordfriedhof aufgestellt worden war. Die Symbolik der drei Schicksalfrauen, die man als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interpretieren kann, könnten viele Düsseldorfer nicht verstehen, bemängelt Jakobs. Überhaupt bräuchten ältere Gedenkstätten aus heutiger Sicht oft Erklärungen. So auch das Areal, auf dem das Mahnmal aufgestellt wurde: Ursprünglich stand dort - bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs - das Denkmal für Albert Schlageter, eine Kultfigur der Nationalsozialisten. Die Alliierten ließen es nach der Befreiung sprengen.

Jede Generation schaffe ihre eigenen "Erinnerungszeichen", sagt sie. Statt kolossaler Denkmäler aus Bronze, Marmor oder Granit sind das inzwischen oft kleine und temporäre Aktionen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, einen bewegen, innehalten und reflektieren lassen. So zum Beispiel eine Kunstaktion im vergangenen Jahr zum Gedenken an die Reichspogromnacht: Die Keyworker Gruppe "Kunstaktionen" sammelte ein Jahr lang Schuhe von Düsseldorfern, goss sie in Beton und stellte sie dann am Derendorfer Güterbahnhof - Ausgangspunkt tausender Deportationen von Juden - auf. Ein gelungenes Beispiel, um auch die Routine zu durchbrechen, die manche traditionellen Formen der Gedächtniskultur wie Gedenkminuten haben können, und Düsseldorfern eine aktivere Rolle zu geben.

Jede Generation sucht auch nach Inhalten. Während direkt nach dem Ende des Krieges und lange Zeit danach vor allem der Widerstandskämpfer und jüdischer Opfer gedacht wurde (etwa durch die Benennung von Orten oder Straßen oder dem Aufstellen von Gedenktafeln), versucht man inzwischen auch andere Gruppen der Gesellschaft in den Mittelpunkt der Erinnerungsarbeit zu stellen (Sinti und Roma, Homosexuelle, psychisch-Kranke, Behinderte) und über die Schilderung deren Alltags und Schicksals einen persönlichen Zugang zu geben.

Einen Platz muss man auch den Deutschen einräumen, die sich nicht als Widerstandskämpfer und Regimekritiker hervorgetan haben. Auch ihre Erlebnisse von angsterfüllten Nächten in engen, stickigen Bunkern, von Vertreibung, Leid und Opfern müssen gehört, dokumentiert und aufgearbeitet werden. Denn auch sie sind Teil der Geschichte von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg und damit wichtig für den Prozesses des Mahnens. Orte zu besuchen und zu erhalten wie die Heerdter Bunkerkirche, ist dabei wichtig.

Ein Umdenken, das sich inzwischen auch auf die Arbeit der Mahn- und Gedenkstätte auswirkt. Sie beschäftigt sich inzwischen auch mit den Tätern.

(RP)