Dormagen : Die Lesepatin

Als jüngste Grundschul-Leiterin im damaligen Kreis Grevenbroich sorgte sie 1972 für Aufsehen. Seit vier Jahren ist Erika Schorn mittlerweile im Ruhestand, und seit drei Jahren ist die 69-Jährige Lesepatin in der Stadtbibliothek.

"Was liest Du heute?" Die sechsjährige Melanie kann es kaum erwarten. Voller Ungeduld schaut sie Erika Schorn an. Doch die lächelt nur und schweigt. "Lass' Dich überraschen", sagt sie und geht die Treppe hinunter — hinunter in den Bereich für die jüngsten Nutzer der Stadtbibliothek.

Dort finden sie genug zum Schmökern oder Angucken oder können einfach nur zuhören, wenn jemand vorliest, wie Erika Schorn. Seit drei Jahren geht sie regelmäßig in die Stadtbibliothek, um den vier- bis achtjährigen Gästen etwas vorzulesen. Es sind immer abgeschlossene Geschichten. 30 bis maximal 45 Minuten liest die 69-Jährige vor. Dann lässt die Konzentration der jungen Zuhörer nach. "Wenn ich mich für ein Buch entscheide, dann muss ich viele Kapitel auch zusammen fassen, damit ich bis ans Ende komme", sagt die Stürzelbergerin. Das fällt ihr keineswegs schwer. Denn Erika Schorn hat bis 2007 die Stürzelberger Grundschule geleitet, die anfangs als Volksschule noch Schüler bis zur neunten Klasse unterrichtete.

Bereits als Schülerin war Erika Schorn klar, dass sie Lehrerin werden wollte. Nach dem Abitur 1961 begann sie ihr Studium an der PH Aachen, und landete danach in Stürzelberg. In Oberkassel aufgewachsen entschied sie schnell, auch dorthin zu ziehen. 1972 wurde sie Schulleiterin, die jüngste im damaligen Kreis Grevenbroich. Ein Job, der ihr lag und den sie "nur" jeweils acht Wochen nach der Geburt ihrer Kinder unterbrach. Mit Hilfe ihrer Eltern und einer Kinderfrau war der Job auch kein Problem.

"Als ich vor vier Jahren dann meinen letzten Schultag hatte, stürzte ich mich erst einmal auf meinen Garten", erzählt Erika Schorn. Doch irgendwann war alles gejätet, umgegraben und bepflanzt und sie suchte nach neuen Aufgaben. "Ich rief bei der Stadtverwaltung an und fragte, was ich tun könnte", berichtet sie. Und so wurde sie Lesepatin. "Manchmal kommen nur zwei oder drei Kinder", sagt sie. Dann habe die Lesestunde schon fast familiären Charakter. Seit 2008 ist Erika Schorn auch als "Grüne Dame" in der Uni-Klinik Düsseldorf unterwegs. Zu ihren Aufgaben zählt unter anderem für allein stehende Patienten einkaufen, Telefon oder Fernsehen einrichten lassen oder Bücher besorgen. "Wichtig ist auch, dass wir zuhören können, denn manche Patienten erzählen einem ihre ganze Lebens- und Leidensgeschichte", sagt die ehemalige Schulleiterin.

Ihren Garten pflegt die zweifache Mutter immer noch mit Hingabe. Außerdem verreist sie gern und genießt, das nach fast vierzig Jahren nicht mehr während der Ferien tun zu müssen.

(NGZ)
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