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Tönnies will Lohnkostenerstattung notfalls gerichtlich durchsetzen

Trotz heftiger Kritik : Tönnies will Lohnkostenerstattung notfalls gerichtlich durchsetzen

Nach der der behördlichen Schließung seines Hauptwerks wegen eines großen Corona-Ausbruchs will der Fleischproduzent Clemens Tönnies nicht auf Lohnkostenerstattung verzichten. Notfalls wolle er das auch gerichtlich durchfechten, sagte er nun.

„Darüber wird im Zweifelsfall auch Recht gesprochen werden“, sagte Tönnies dem „Westfalen-Blatt“. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) geht hingegen davon aus, dass Tönnies keinen Regress für die vierwöchige Zwangspause nach massenhaften Corona-Infektionen in seinem Stammwerk im nordrhein-westfälischen Kreis Gütersloh geltend machen kann. Tönnies hielt dagegen, er wolle verhindern, dass seine Mitarbeiter und Dienstleister bei der Verteilung von Quarantänehilfen „stigmatisiert“ würden.

Bei Tönnies hatten sich nachweislich rund 1400 Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Vorübergehend waren deshalb, neben der inzwischen aufgehobenen Betriebsschließung in Rheda-Wiedenbrück, weitgehende Corona-Einschränkungen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf verhängt worden. Tönnies sieht allerdings keine schuldhaften Versäumnisse - im Gegenteil. "Wir sind sehr ernsthaft an das Thema Corona herangegangen, haben früh angefangen, Schutzhürden aufzubauen", sagte er der Zeitung. Dazu zähle auch ein im Mai eingerichtetes eigenes Testcenter. "Letztlich war es dann ja auch Mitte Juni unsere eigene Testreihe, die ersichtlich gemacht hat, dass wir Auffälligkeiten haben."

Ursächlich für "die plötzliche und massive Ausbreitung" des Coronavirus in der Fleischfabrik sei nach Expertenangaben die Umluftkühlung gewesen, "die eigentlich jeder Fleischbetrieb hat". Es handele sich hier also nicht um ein "Tönnies-Problem", sondern um "ein Problem der Branche - und zwar weltweit". Der Konzern werde seine Betriebsstätten nun umrüsten.

Tönnies kündigte außerdem Verbesserungen für die Werkvertragsarbeiter an. "Wir werden die Wohnsituation der Beschäftigten in unsere Verantwortung bringen", sagte er. "Wir wollen, dass die 30 Prozent der Mitarbeiter, die heute nicht privat wohnen, zu einem vorgegebenen Standard wohnen können."

Mit Blick auf das von der Bundesregierung geplante Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie sagte Tönnies, dass bis September zunächst 1000 bisherige Werkvertragsarbeiter direkt bei Firmen der Gruppe angestellt werden sollen. Konzernweit werden derzeit 9333 der 18.734 Beschäftigten von Subunternehmen gestellt.

"Wir werden aber auch eine nicht unerhebliche Abwanderung haben von Mitarbeitern, die das System des Werkvertragsarbeiters weitermachen wollen", sagte Tönnies voraus. "Ich sehe die Leute dann bei Amazon, der Meyer-Werft oder anderen Branchen." Dann werde sich zeigen, inwieweit die Fleischverarbeitung in Deutschland "noch aufrecht erhalten werden kann"

Tönnies und mehrere Subunternehmer hatten bereits vor einiger Zeit Anträge auf Erstattung von Lohnkosten durch das Land NRW gestellt. Unter anderem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte dieses Vorgehen kritisiert.

(ham/dpa/AFP)