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Zwanziger-Jahre-Revue "Berlin, Berlin" hatte in Düsseldorf Premiere

Theater-Ereignis : Mit Marlene Dietrich durch die 20er Jahre

Die prächtig ausstaffierte und perfekt choreografierte Retro-Revue „Berlin, Berlin“ feierte Premiere im Capitol-Theater.

Schmissiger Start, wehmütiger Schluss. Die „Goldenen 20er-Jahre“ sind vorbei, der Tanz auf dem Vulkan nur noch Erinnerung. Man weiß, bald wird die Hauptstadt in Trümmern liegen. Doch dies ist noch nicht ganz das Ende der Revue „Berlin Berlin“. Beim schwungvollen Finale keimt die Vision einer neuen Blütezeit auf. Die Botschaft: Das Leben geht weiter, also lasst es uns feiern. Besonders die starke zweite Hälfte der Retro-Show, die bis Sonntag im Capitol Theater gezeigt wird, begeisterte die Premierenbesucher.

Schauplatz ist der Admiralspalast in der Friedrichstraße, berühmt-berüchtigter Treffpunkt der Nachtschwärmer. „Willkommen im Bauchnabel der Welt“, begrüßt Conférencier und Sänger Martin Bermoser im nachtblauen Samtjackett das Publikum. Mit „Puttin‘ in the Ritz“ von Irving Berlin lebt die brodelnde Epoche auf. Sofort zuckt die Musik in die Beine. Charleston-Girls tänzeln über die Showtreppe, Federn wippen, Perlen und Pailletten funkeln. Der Club, Schlagader der Sünde und der Lust, zieht auch die Musik-Legenden jener Zeit magisch an: Marlene Dietrich, Anita Berber, Josephine Baker, die Comedian Harmonists. Im Dickicht der Metropole ist damals alles möglich und alles erlaubt. New York mochte größer sein, Paris eleganter – in Berlin aber wohnt die Freiheit. Keine Stadt ist verruchter und leidenschaftlicher, keine kreativer. Über den Ozean schwappt aus Amerika der Jazz, der begierig aufgesogen wird.

Von dieser ekstatischen Zeit erzählt „Berlin Berlin“ mit einem Kaleidoskop von famos gespielten Melodien, allesamt Ohrwürmer. Dazwischen gestreut sind kleine Szenen. Sie sollen den Zeitgeist transportieren und Brücken schlagen, kommen anfangs aber ein wenig hölzern über die Bühne. Entsprechend verhalten reagiert in dieser Phase das Publikum, es lässt sich eher berieseln denn mitreißen. Das Eis bricht mit dem virtuosen „Lachfoxtrott“ von Kutte (Sebastian Prange), einer rotbackigen Frohnatur, die sich hinfort munter durch die Show berlinert. Ab da läuft der Laden wie geschmiert.

An Opulenz mangelt es nicht in dieser prächtig ausstaffierten und perfekt choreografierten Revue. Und auch die Sänger überzeugen. In den besten Momenten werden sie eins mit ihren Figuren. Ein Vergnügen, Sophia Euskirchen als Anita Berber zu erleben. Sie geistert mit Trompetenstimme durch die Kulissen, süffisant, exaltiert, dem Absinth gefährlich zugeneigt. Aber unverwüstlich. Selbst von den Toten steht sie wieder auf und mischt sich ein. Nina Janke gibt Marlene Dietrich, noch am Anfang ihrer Karriere. Mit der „feschen Lola“ und „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ interpretiert sie souverän zwei der bekanntesten Chansons von Friedrich Hollaender. Und hübsch frivol rücken Anita und Marlene bei „Wenn die beste Freundin“ zusammen.

Eine wahre Wucht ist Dominique Jackson als Energie geladene Josephine Baker, natürlich im „Bananenröckchen“ aus Pappmaché, das Kostümbildnerin Mina Vergès nach dem Original für die Show entwarf. Der erste schwarze Superstar machte bei einer 1925 in Paris begonnenen Europatournee Station in Berlin. Im Stück markiert Josephine Baker die bedrohlich kippende Stimmung in Deutschland. Tatsächlich erhält sie 1929 Auftrittsverbot. Die Nazis werden immer mehr und immer mächtiger. Einer allein lässt sich hier von der kecken Truppe im Club noch in Schach halten und mit dem spöttischen Song „Mein Herr“ aus dem Musical „Cabaret“ vertreiben. Eine eindrucksvolle Szene. Doch bald, man ahnt es schon, wird dies nicht mehr gelingen.

Nach der Pause schlägt die Stunde der „Comedian Harmonists“ mit einer Hitparade ihrer schönsten Gassenhauer: „Wochenend und Sonnenschein“, „Veronika, der Lenz ist da“, „Ich wollt ich wär ein Huhn“, „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Ein Freund, ein guter Freund“. Beim seligen Erinnern werden die politischen Bezüge überdeutlich: Auch die „Comedian Harmonists“ zerfielen unter der Nazi-Herrschaft. Nach einem etwas unvermittelt eingesetzten, aber lustigen Medley aus dem „Weißen Rössl“ (die Operette gastierte damals in Berlin), nach „Stormy Weather“ und „Anything Goes“, fällt blutrot eine riesige Hakenkreuz-Fahne aus dem Bühnenhimmel, dahinter die Schattenrisse der Sänger zum herzzerreißenden Lied „Irgendwo auf der Welt“. Da muss man schlucken, bevor die Revue rasant in die Schlusskurve einbiegt. Großer Jubel für Sänger, Tänzer und Orchester.