In Flingern erwacht die Kunst, wenn am Samstag alle Galerien öffnen.

Kunst : Künstler zeigen Haltung

In Flingern erwacht die Kunst, wenn am Samstag alle Galerien öffnen.

Terror, Fremdenfeindlichkeit, Vereinnahmungsversuche von Kunst durch rechte politische Gruppen, die Wahlsiege der AfD ­– „Deutschland wird deutscher“ ist nicht nur ein historisches Zitat, sondern ein aktueller Befund. Dieses Fazit brachte „Die Zeit“ kurz nach der Wende groß auf ihrer Titelseite. Damals brannten in Rostock Flüchtlingsheime. Dass die nationale Identität in einer Krise steckte, fand auch Katharina Sieverding, die die journalistische Behauptung wenig später in einer Fotoarbeit weiterverarbeitete, dabei hinter die Buchstaben ihr Gesicht setzte.

Haltung zeigen ist wesentlich in Sieverdings Oeuvre. Mit der in Düsseldorf lebenden Künstlerin verbündet sich die Galeristin Daniela Steinfeld und zeigt Haltung, in dem sie zum Saisonauftakt in Flingern Kunst verschiedener Generationen auswählt, die deutsche Themen umkreist. Weil sie erregt sei, wie sie sagt, mehr als das: beunruhigt und erschüttert über die politischen Verhältnisse in unserem Land. Steinfeld sorgt sich, dass rechtsgesinnte Kräfte Hand an die Kunst legen und sie einem neuen absurden deutschnationalen Diktat unterordnen wollen.

Wenn am Samstag um 16 Uhr alle Galerien in Flingern gleichzeitig eröffnen – darunter Conrads, Cosar, Lühn, Pfab, Rinck, Schönewald, Willborn und Konrad Fischer – dann bekommt das Vernissagenvolk bei Van Horn eine politische Dröhnung ab. Ihre Galerie ist für Steinfeld ein Ort der hervorragenden Kunst einerseits wie der widerständigen Auseinandersetzung mit aktuellen Phänomenen andererseits. Ins Schaufenster an der Ackerstraße hat sie Klaus-Staeck-Plakate gehängt, zwölf an der Zahl. Was in den 1970ern provozierte, beweist erneut Protest-Potential. „Herr lass Hirn regnen auf diese Häupter“ steht auf einem Bild, das Glatzen in brennenden Straßenzügen zeigt.

Die weiteren Künstler der Ausstellung gehen weniger drastisch vor, doch in jedem Werk schlummert eine Geschichte. Der „Wald nach Caspar David Friedrich“ von Peggy Buth hat eine böse „Haut“ aus Teer, Bitumen und Schellack; einfach nur dunkelbraun ist das Gemälde. Der Wald, den Andreas Mühe in seiner den Obersalzberg thematisierenden Fotoarbeit zeigt, wirkt hingegen naturalistisch und schön. Ganz klein ist das unartige Männlein, das in der Schlucht steht und die Bäume anpinkelt.

Asta Gröting hat die Fassade des Naturkundemuseums abgeformt und daraus eine Reminiszenz an jahrhundertealte Bausubstanz geschaffen. Fotoarbeiten von Wilhelm Schürmann und Barbara Klemm rahmen die wuchtig-leichte Installation ein. Ein Zimmer hat Reinhard Mucha mit seinem Skulpturengerät bezogen, das er „Viermächtestatus“ nennt.

Leise, weiß und dünn mit Stecknadeln besiedelt ist die Wandarbeit von Sven Johne, die er mit „Demmin“ bezeichnet und die Bezug nimmt auf einen Massenselbstmord in Deutschland, der sich 1945 in der gleichnamigen mecklenburgischen Stadt ereignete. Bei Johne werden Nadeln zu Grabkreuzen. Nur wenig ist in Geschichtsbüchern über „Demmin“ berichtet worden, neuerdings wird die Geschichte politisch instrumentalisiert. So kann selbst ein harmlos scheinendes Blatt ein Speicher für Erschütterndes sein.

Info galerien-flingern.de