Mercado Gastronomico San Juan: Häppchen und Jugendstil vom Feinsten

Mercado Gastronomico San Juan: Häppchen und Jugendstil vom Feinsten

Jugendstil-Ambiente: Glaubt man der mallorquinischen Presse, entwickelt sich der im Juni 2015 eröffnete Mercado Gastronomico San Juan zum neuen kulinarischen Treffpunkt schlechthin. Und das, obwohl dessen Lage wirklich nicht die allerbeste ist.

Bisher haben wir auf Mallorca noch nie ein Navi gebraucht, diesmal hätten wir gerne eines. Der S'Escorxador, eigentlich schon aufgrund der rosa Fassaden und zahlreich erhaltener Jugendstil-Elemente ein unübersehbares Gebäude, versteckt sich erfolgreich in einer der vielen kleinen Querstraßen zwischen den beiden Hauptverkehrsachsen Carretera Valldemossa und Carrer del General Riera — und dort zwischen mehrstöckigen Betonwohnhäusern.

Foto: MallorcaGehtAus

Wir kommen von der Cintura die Valldemossa hinunter und entdecken erst bei der dritten Umrundung des Karrees ein winziges Hinweisschild. Als wir — finalmente — einen Parkplatz im Viertel gefunden haben und das Gelände des S'Escorxador auf der Rückseite betreten, stellen wir fest, dass es vorne auch ein Parkhaus gibt. Wer von Palma-City die Carrer del 31 de Diciembre heraufkommt, dürfte sich erst recht im Einbahnstraßengewirr verirren. Nein, das Herz Palmas ist das hier wirklich nicht, wie es so oft geschrieben wurde. Ein Bummel hier herauf, zum Beispiel von der Plaza España aus, würde wohl eher einem Fußmarsch gleichen, der wenig Attraktives zu bieten hat und zum Teil durch etwas heruntergekommene Viertel führt — Palmas Hinterland eben.

Bevor der S'Escorxador zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Fleischverteil- und -zerteilzentrum der Stadt errichtet wurde, soll es hier Gemüsegärten gegeben haben, die Palmas Bevölkerung mit Grünzeug versorgten. Salat und Gemüse kann man im neuen "Markt" San Juan nicht kaufen, und von Gärten ist weit und breit keine Spur mehr zu entdecken. Das rosa Gebäude inmitten der geradlinigen Betonwohnblöcke wirkt wie ein verspieltes Zauberschlösschen — ein Fremdkörper. Seit der Renovierung 1990 wurde es als Kulturzentrum genutzt, ein Teil des Gebäudes beherbergt nach wie vor ein Kino mit mehreren Sälen.

Foto: MallorcaGehtAus

Tapas, Sushi, Austern

Erbaut hat den S'Escorxador der Architekt Gaspar Bennàssar, Zeitgenosse Gaudís und ein bedeutender Vertreter des katalonischen Jugendstils, des Modernismo. Bennàssar prägte das Stadtbild Palmas durch zahlreiche Bauten; für den S'Escorxador wurde er 1906 mit dem ersten Preis der Nationalen Ausstellung der Schönen Künste ausgezeichnet. Das Gebäude ist drinnen wie draußen behutsam und respektvoll restauriert und saniert worden — die Terrassenplätze, die sich auf 300 Quadratmetern verteilen, erscheinen uns trotzdem recht unattraktiv, blickt man doch meist entweder auf rosa Wände oder den Beton drumherum.

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Und drinnen? Alles sehr schick, Jugendstil vermischt mit Zeitgeist, bis ins Detail geschmackvoll. Atemberaubend hohe Decken, umlaufende Galerie — von hier oben hat man einen herrlichen Blick auf das bunte Treiben unten. Obwohl — buntes Treiben: Am Samstagmittag waren wir kurz zuvor in der Markthalle von Santa Catalina unterwegs, wo der Bär tobte. Hier dagegen ist nicht allzu viel los — kein Wunder: Im sogenannten Markt von San Juan kann man, mal abgesehen von bestem iberischen Schinken und Wurstwaren, Baguette, Croissants und Törtchen und ein paar mallorquinischen Produkten nichts einkaufen. Weswegen der Vergleich, beispielsweise mit Barcelonas Markthalle, der Boqueria, der von den Machern des San Juan gern bemüht wird, gewaltig hinkt.

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Da geht der Palmaner doch lieber gleich in die Hallen des Mercat Olivar oder die von Santa Catalina, wo man den Wochenend-Einkauf komplett erledigen und dann mit Tapas, Sushi und Austern genussvoll das Wochenende einläuten kann. Tapas, Sushi und Austern gibt es im San Juan auch, doch hier sitzt man am Mittag noch bei Café und Croissant in jener hübschen Ecke, die für französische Bäckerei und Patisserie reserviert ist. "Caprichos franceses" wird sie genannt, französische Launen, bestückt und betrieben wird sie von La Madeleine du Proust: Die haben auch eine Dependance direkt am Santa-Catalina-Markt. Duftender Kaffee, buttrige Croissants, knusprige Baguettes und verlockende Mini-Törtchen in bester französischer Patisserie-Manier: Kein Wunder, dass viele San-Juan-Besucher hier hängenbleiben.

An den übrigen 16 Ständen, die sich allesamt an der sogenannten Plaza Central reihen, ist wenig los. Wir nutzen die Gunst der Stunde und schauen uns in aller Ruhe an, was sie in ihren gläsernen Vitrinen appetitlich angerichtet präsentieren. Geboten wird alles, was man in Palma derzeit gerne isst, inklusive Ceviche. Das fängt mit traditionell Mallorquinischem und Iberischem an: da locken klassische Tapas und kunstvoll arrangierte Pintxos, saftige Tortillas und Huevos rotos, Eiertürmchen, bei dem das Gelb keck obenauf thront — sieht sehr hübsch aus. Außerdem frittierte Fische und Meeresfrüchte sowie Croquetas, auch die Fideuá, die inseltypische Nudel-Paella, und die Coca, die sogenannte mallorquinische Pizza, gibt's in mehreren Varianten; außerdem Llonguets, die mallorquinischen Mini-Bocadillos, lecker und variantenreich und nur mit Wurst und Käse von den Balearen belegt.

Das geht mit internationalen Lieblingsgerichten weiter: Es gibt Hamburger, die so winzig sind, dass man sofort Lust bekommt, mal eben einen zu vernaschen, und kapitale Chuletóns, die darauf warten, auf den Grill zu kommen. Es gibt Pasta und riesige Pizzen, die dann in kleinen Stücken verkauft werden, es gibt "Cocina Latina" wie Tacos und Ceviche, es gibt Thai-Food und Sushi. Und für anspruchsvolle Häppchenvernascher: beste iberische Schinken und Wurstwaren — dazu kredenzt man gerne einen hochpreisigen Tinto aus Ribera del Duero — sowie Austern und kostbare Meeresfrüchte wie Scheide- und Jakobsmuscheln sowie Qualitäts-Garnelen. Aber auch die vermeintlich einfacheren Häppchen werden durch besondere Zutaten und sorgfältige Zubereitungen deutlich aufgewertet: Der Teig der Pizzen ruht 24 Stunden, bevor er weiterverarbeitet wird, weshalb die Pizza sich "Gourmet-Pizza" nennt, dazu gibt's italienische Weine. Die Fideuà, ursprünglich ein Arme-Leute-Reste-Essen, wird mit schwarzem Schwein und den kostbaren Gambas aus Sóller bestückt. Und überall Foie: Mit ihr werden unter anderem Croquetas gefüllt und Cocas und Tortillas belegt.

Man möchte an jedem Stand zulangen, und genau das ist die Idee: Hier ein Häppchen nehmen und ein Glas Wein, Cava, Champagner, ein Bier, dann dort und dann noch dort. "Tapear" heißt das bekanntlich überall in Spanien, dabei zieht man quer durch die Gemeinde durch verschiedene Lokale. Hier im San Juan lässt sich das alles gleich unter einem Dach und mit wenigen Schritten erledigen, vor zu viel Sonne oder gar Regen geschützt. Hier kann jeder essen und trinken, worauf er Lust hat, und dabei auch jene Freunde treffen, die auf etwas ganz anderes Lust haben. Hier kann sich der kulinarisch neugierige Mallorca-Besucher mit der inseltypischen und spanischen Küche vertraut machen, ohne gleich in einen Restaurantbesuch zu investieren. Wir können uns gut vorstellen, dass hier abends, vor allem am Wochenende, ganz schön was los ist.

Andererseits: Hier gibt es nichts, was es weiter unten in der Stadt, dort, wo Palmas Herz wirklich schlägt, nicht gibt. Die große, cool gestylte Cocktailbar war am Samstagmittag, aber auch bei unserem zweiten Besuch am Sonntagabend geschlossen. Schade! Gab es nach der Eröffnung 2015 eine Reihe von spannenden Events, bei denen beispielsweise die D.O. Binissalem ihre neuen Weine präsentierte und Sternekoch Marc Fosh zum Show-Cooking antrat, ist für 2016 noch nichts Vergleichbares angekündigt.

Wir meinen: Der Mercado Gastronomico San Juan ist ein architektonischer Leckerbissen und schon allein deshalb eine kleine Reise wert, und auch das kulinarische Angebot kann sich sehen und schmecken lassen. Wir würden das nächste Mal am Abend kommen, wenn es hier lebendiger zugeht. PS: Natürlich wird auch hier Wermut ausgeschenkt. An zwei Ständen stehen Wermut-Flaschen, die Etiketten mit Mallorca-Motiven tragen. "Wird der auf der Insel gemacht?", fragen wir einen der beiden Jungs, die ihn ausschenken. "Nooooo!" Er werde in Madrid produziert, und man habe eben für Mallorca die Etiketten ein wenig anders gestaltet. Na denn: Cin cin!

Mehr Informationen

www.gastronomicosanjuan.es
www.mercadosanjuanpalma.es

Calle de la Emperatriz Eugenia 6

Montag bis Mittwoch: 12:30 Uhr bis 23 Uhr,
Donnerstag und Freitag 12:30 Uhr bis 24 Uhr
Samstag: 12 Uhr bis 24 Uhr 24
Sonntag: 12 Uhr bis 23 Uhr

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