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Kalabrien und die Basilikata sind lohnende Reiseziele

Süditalien : Echt italienisch

Wer nach Italien reist, macht in der Regel einen Bogen um die südlichen Regionen Kalabrien oder Basilikata. Dabei sind Landschaft und Menschen dort einmalig.

Die Regionen Kalabrien und Basilikata liegen eher selten auf der klassischen Reiseroute deutscher Italienliebhaber. Sie gelten als rückständig, arm und von der Mafia beherrscht. Zugleich befürchten viele Touristen, dass der Standard von Ferienanlagen, Hotels, Pensionen oder Landgasthöfen deutlich geringer ist als in anderen Teilen Italiens. Beide Annahmen sind überwiegend falsch.

Auch Süditalien gehört zur zivilisierten Welt, zugegeben ärmer als der Norden, aber Dienste wie Müllabfuhr, Wasserversorgung oder Elektrizität funktionieren ähnlich zuverlässig wie im Norden. Alle Unterkünfte, die wir auf unserer dreiwöchigen Reise durch beide Regionen angesteuert haben, waren einwandfrei, während die Gastgeber fast rührend um das Wohl der Reisenden bemüht waren. Und was die verschiedenen Unterwelten betrifft, sind die für Touristen so gut wie unsichtbar. Offenbar haben berüchtigte kriminelle Organisationen wie etwa die Ndrangheta in Kalabrien kein allzu großes Interesse an einfachen Touristen. Wer Italienisch beherrscht, kann zudem in den regionalen Zeitungen nachlesen, wie die Polizei eins ums andere Mal Paten oder Schutzgelderpresser hochgehen lässt. Der Kampf zwischen Staat und Mafia ist offenbar noch nicht entschieden.

Auf der anderen Seite erwarten den Reisenden großartige, unberührte und wilde Landschaften, Nationalparks mit Bergen, die über 2000 Meter hoch sind. Dazu romantische Strände mit sauberem Wasser, üppige Felder, grün bewachsene Hügel (auch im Sommer), Sonne satt und eine atemberaubende Steilküste – zumindest am westlich gelegenen Tyrrhenischen Meer. Vielleicht sind die Kunstschätze nicht ganz so dicht gesät wie im benachbarten Sizilien. Wer aber Interesse an der antiken griechischen und römischen Kultur hat, Burgen der Normannen, Staufer und Aragonesen liebt, oder einfach gern mittelalterliche Städte besichtigt, kommt auf seine Kosten. Auf Schritt und Tritt begegnen dem Interessierten die Hinterlassenschaften all dieser Kulturen. Und der einheimische Adel hat in den vergangenen drei Jahrhunderten jede Menge an kleineren Palästen und Villen hinterlassen, die oft zu Unterkünften umgebaut wurden.

Der wahre Schatz der Regionen sind die Menschen, die Bewohner Kalabriens und der Basilikata. Wer glaubt, auf abweisende Einheimische zu treffen, die jedem Fremden mit Misstrauen begegnen, ist erstaunt, wie offen und herzlich die Süditaliener sind. Oft herrscht auf Plätzen und Straßen die gleiche Atmosphäre, die man aus alten Italienurlauben kennt – Frauen, plauschend beim Spaziergang auf der Piazza, Männer, die vor Kneipen sitzen und über Fußballergebnisse diskutieren oder Mädchen und Jungen, mit ihren laut knatternden Vespa- oder Piaggio-Rollern durch Sträßchen flitzen.

 Die Stadt Cosenza in Kalabrien am Fuß des Sila-Gebirges.
Die Stadt Cosenza in Kalabrien am Fuß des Sila-Gebirges. Foto: Martin Kessler
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Überlaufen ist die Gegend trotz aller landschaftlichen und kulturellen Schönheiten nicht. Man ist – mit Ausnahme der touristischen Region um Tropea am Capo Vaticano – meistens allein unter den Einheimischen, für die Gastfreundschaft noch kein Marketing-Instrument für kommerziellen Tourismus ist wie in Florenz oder Venedig.

Unsere erste Station: Cosenza, die Stadt, in der Westgotenfürst Alarich sein Leben und seinen gewaltigen Schatz verlor, den er angeblich bei der Eroberung Roms im Jahr 410 zusammengerafft hatte. Der Dichter August Graf von Platen hat die Legende in eine Ballade verpackt („Nächtlich am Busento lispeln“), die ältere Semester noch auswendig lernen mussten.

Vom Schatz ist bislang nichts aufgetaucht, auch wenn der Bürgermeister und der oberste Denkmalschützer der Stadt allen Ernstes vor zwei Jahren ein Grabungsprojekt starten wollten. Sie wurden schnell vom Kulturministerium in Rom gestoppt. Dafür hat die Stadt eine Kunstmeile in der Fußgängerzone mit vielen netten und teils eleganten Geschäften, einen modernistischen Geister-Bahnhof in einer weit vom Zentrum gelegenen Beton- und Straßenwüste, aber auch eine intakte Altstadt mit einer Stauferburg und einer noch heute existierenden Akademie, in der der Philosoph Bernardino Telesio im 16. Jahrhundert die Fundamente für die moderne Naturwissenschaft legte.

Cosenza ist der kulturelle Mittelpunkt Kalabriens. Die Stadt grenzt an das Sila-Gebirge, ein alpin aufragender Nationalpark, der zu Wander- und Bergtouren einlädt. Man muss aber steile Straßen lieben, will man mit dem Auto dorthin gelangen. Noch höher ist das Naturschutzgebiet des Pollino-Massivs in der Grenzregion zwischen Kalabrien und Basilikata. Dort sind auch mit mehr als 2200 Metern die höchsten Erhebungen der beiden Regionen. Ausgangspunkt für die Erkundung dieser wilden, aber auch leicht zugänglichen Berglandschaft ist Rotonda. Dort ist die Herberge Il Borgo Ospitale zu empfehlen. Sie gehört dem Sohn des früheren Bürgermeisters von Rotonda, der hier das Wagnis eines ganzjährigen Tourismus eingegangen ist. Vor Ort managt Leonarda Mingirulli (27) die Geschäfte, eine in Mönchengladbach geborene Deutsch-Italienerin, die nach dem Studium in Düsseldorf in die Heimat ihrer Eltern zog und sich an diesem Projekt beteiligt.

Von Rotonda gelangt man auch nach Morano Cálabro und Castrovíllari, die beide einen Besuch lohnen. Morano ist spektakulär auf dem Berg gebaut, ein Muss jedes Kalabrien-Aufenthalts, und Castrovíllari ist ein hübsches und lebendiges Provinzstädtchen in der Ebene zwischen dem Pellegrino- und dem Pollino-Massiv.

Von Rotonda ging unsere Tour nach Matera, das einst der italienische Schriftsteller Carlo Levi in seinem Buch „Christus kam nur bis Eboli“ als das Ende der Welt apostrophierte. Dort wohnten noch Anfang der 50er Jahren Menschen in Höhlen, in „Sassi“, in unzmutbaren hygienischen Bedingungen. Der nationale Skandal war riesig, die Altstadtbevölkerung wurde umgesiedelt. Das eigentliche Wunder ist aber die Umwandlung der Höhlen und Häuser in ein überdimensioniertes Freiluftmuseum, das inzwischen Weltkulturerbe der Unesco ist. Es wird derzeit viel dort gebaut, denn Matera wird 2019 Europas Kulturhauptstadt und will sich runderneuert zeigen.

Über die apulische Stahlstadt Tarent, deren archäologisches Museum sehenswert ist, streiften wir die Ausgrabungsorte Metapont, wohin einst der Mathematiker und Philosoph Pythagoras fliehen musste, nachdem er sich durch die rigide und freudlose Lebensweise seiner Jünger in seiner Heimatstadt Kroton (das heutige Crotone) verhasst gemacht hatte. Zuvor hatte er seine Mitbürger gegen die lebenslustigen Sybariten aufgestachelt, die Bewohner der Nachbarstadt Sybaris (heute: Sibari), die im Jahre 510 vor Christus völlig zerstört wurde. Die eindrucksvollen Überreste sind überall zu besichtigen. Schließlich war Großgriechenland, das in der Antike Süditalien und Sizilien umfasste, eines der Zentren der griechischen Zivilisation, ehe die Römer die Zerstrittenheit der Städte ausnutzten und ihre Oberherrschaft errichteten.

 Die Steilküste am Capo Vaticano in Kalabrien.
Die Steilküste am Capo Vaticano in Kalabrien. Foto: Martin Kessler

Am besten erkundet man diese archäologischen und auch andere kulturelle Stätten und Landschaften vom zauberhaften Landgasthof „CieloGreco“ in Amendolara. Dort warten die liebevollen Gastgeber und Botschafter ihrer Region, Rosanna und Teo, mit kalabrischen und toskanischen Köstlichkeiten auf, denn die Hausherrin stammt aus Siena. Fleisch ist eher Mangelware. Das fällt aber kaum auf, so lecker sind Pasta, Gemüse, Olivencreme und frittierte Zucchini. „Solo un po’“ (nur ein bisschen) wurde schnell unser wichtigster Satz. Inmitten einer lieblichen Landschaft, in unmittelbarer Nähe des Meeres, lässt sich eben gut leben.

Den richtigen Badeurlaub erlebt man allerdings weniger an der ionischen Küste, sondern eher auf der westlichen Seite Kalabriens, die auch optisch spektakulärer ausfällt. Auf der ionischen Seite geht es flach ins Wasser, auf der tyrrhenischen Seite lockt die Steilküste mit Sandstränden und glasklarem Wasser. Nicht umsonst ist die Gegend um Tropea der Haupttouristenort Kalabriens. Hier trifft man auch wieder verstärkt auf deutsche, russische und englische Touristen, es gibt Ferienanlagen auf den vorgelagerten Höhen mit grandioser Aussicht. Manches ist allerdings in die Jahre gekommen, hier empfiehlt sich eine gründliche Auswahl. Aber selbst wenn nicht alles perfekt ist, wird man doch am Abend mit einem Blick auf den Vulkan Stromboli entlohnt, den man von Tropea auch per Schiff erreichen kann.

Auch dort ist die Landschaft bergig und grün. In den gemäßigten Jahreszeiten sind Wanderungen an der Steilküste und im Landesinneren möglich. Restaurants, Marktstände und Supermärkte sind leicht zu finden. Da sieht man über manche Schlaglöcher oder die illegale Müllentsorgung schon mal hinweg. So ist der Gesamteindruck positiv, der Urlaub in Kalabrien und der Basilikata nicht ganz auf den Autobahnen des Tourismus und in manchen Teilen ein Ausflug in das längst untergegangene Italien der 60er und 70er Jahre. Nicht umsonst haben die alten Griechen das Land an der Stiefelspitze Italia genannt. So gab ausgerechnet die ärmste Region dem Land seinen Namen.