Es gibt Hilfe Warum immer mehr Paare ungewollt kinderlos bleiben

Düsseldorf · Ein unerfüllter Kinderwunsch kann viele Ursachen haben. Zu lange warten sollten vor allem Frauen nicht, denn bei ihnen spielt das Alter eine entscheidende Rolle. Über die Möglichkeiten der medizinischen Hilfe – und warum manche Paare im Ausland ihr Babyglück suchen.

Für viele Paare ist ein Kind der größte Wunsch.

Für viele Paare ist ein Kind der größte Wunsch.

Foto: dpa/Fabian Strauch

Fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ist in Deutschland nach Angaben des Bundesfamilienministeriums ungewollt kinderlos – Tendenz steigend. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie das Leben selbst. Oft fehlt einfach der richtige Moment, und es stehen zunächst andere Dinge wie etwa berufliche Schritte vor der Familienplanung. Man hat ja noch Zeit.

Was viele Paare nicht wissen: Vor allem bei Frauen nimmt die Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter ab – und zwar rapide. Bereits ab Mitte Dreißig reduziert sich die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft deutlich. Ganz schnell kann so aus der zunächst gewollten Kinderlosigkeit dann mit der Zeit eine ungewollte werden.

Überhaupt ist keine Schwangerschaft eine reine Selbstverständlichkeit. Selbst wenn biologisch alle Voraussetzungen bei einem Paar gegeben sind, bleibt jeden Monat nur ein schmales Zeitfenster weniger fruchtbarer Tage, währenddessen eine reife Eizelle überhaupt befruchtet werden und sich anschließend in der Gebärmutter einnisten kann. Die Wahrscheinlichkeit ist erstaunlich gering: „Bei einer 23-jährigen gesunden Frau liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft bei etwa 23 Prozent. Ist die Frau 40, liegen die Chance bei nur noch acht bis neun Prozent“, sagt Jan-Steffen Krüssel, Leiter des Universitären Interdisziplinären Kinderwunschzentrums Düsseldorf (UniKiD). Für ihn ist das Alter der Frau der entscheidende Faktor auf dem Weg zum Wunschkind.

Die Gründe dafür liegen in der Biologie der Frau: Im weiblichen Embryo sind bereits bei der Geburt etwa zwei Millionen Eizellen angelegt. Bei Einsetzen der ersten Periode sind es noch etwa 400.000. Ab der Pubertät beginnen die Eizellen in einem monatlichen Zyklus zu reifen, wobei mit dem Alter die Qualität der Eizellen und die Häufigkeit des Eisprungs abnehmen. Die Eizellen altern also mit der Frau, die genetische Kernreifung erfolgt immer erst etwa zwei Stunden vor dem Eisprung.

„Wenn alle Frauen das wüssten, würden sie vielleicht häufiger noch in jüngeren Jahren Eizellen einfrieren lassen“, erklärt Krüssel. Dieses Verfahren sei lange bewährt, und auf diesem Wege lasse sich die jugendliche Fruchtbarkeit erhalten. Bei Männern ist die Situation eine völlig andere, sie sind theoretisch lebenslang zeugungsfähig, denn: „In den männlichen Hoden reifen permanent neue Samenzellen heran, sie sind beim Mann immer erst drei Monate alt“, so Krüssel.

Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel, und das weibliche Alter ist nicht allein entscheidend für ungewollte Kinderlosigkeit. Häufig spielen auch hormonelle Störungen eine Rolle, die dann etwa zu Zykluseinschränkungen oder einer verminderten Eizellreifung führen können, wie etwa beim Polycystischen Ovarsyndrom (PCO). Auch können Entzündungen oder Verwachsungen die Eileiter direkt schädigen. Viele Frauen leiden zudem unter einer Endometriose. Bei ihnen wuchert die Schleimhaut außerhalb der Gebärmutter in die Bauchhöhle. Diese oft schmerzhaften Verwachsungen sind in der Regel zwar gutartig und operativ oder medikamentös behandelbar. Aber: Oftmals bleibt eine Endometriose lange Zeit unerkannt. Jan Krüssel: „Eine Endometriose führt zwar nicht zwingend zur Unfruchtbarkeit, kann aber die Fertilität deutlich mindern.“

 Jan-Steffen Krüssel leitet das Universitäre interdisziplinäre Kinderwunschzentrum Düsseldorf.

Jan-Steffen Krüssel leitet das Universitäre interdisziplinäre Kinderwunschzentrum Düsseldorf.

Foto: UKD Düsseldorf

Nach der Erfahrung des Facharztes können die Gründe ungewollter Kinderlosigkeit etwa ebenso häufig wie bei der Frau auch beim Mann liegen. Ursachen männlicher Infertilität können Samenzellen mit eingeschränkter Vitalität sein, sei es durch unzureichende Reifung oder mangelnde Mobilität der Spermien. Denn nur wenn mindestens die Hälfte der Spermien beweglich ist, dann ist auch gewährleistet, dass eine ausreichend große Anzahl an Samenzellen den Weg durch den Gebärmutterhals und hinauf in die Eileiter und dort bis zur Eizelle zurücklegen kann. Und natürlich können ebenso wie bei der Frau organische Gründe die Ursache sein, also etwa Entzündungen oder Verklebungen der Samenleiter oder Hodengänge.

Zyklus-Monitoring beim Arzt

Paaren mit Kinderwunsch können Ärzte in Deutschland auf viele Weisen helfen. Die einfachste Art und Weise ist ein sogenanntes Zyklus-Monitoring. Hier kontrolliert der Arzt per Ultraschall, wann der nächste Eisprung bevorsteht, damit das Paar den Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs entsprechend steuern kann. Weitere Methoden sind hormonelle Therapien, die die Reifung der Eizellen gezielt anstoßen, oder bei Bedarf mikrochirurgische Eingriffe, um verschlossene Eileiter zu öffnen.

Was versteht man unter „Insemination“?

Bei einer leichten Einschränkung der männlichen Spermien reiche häufig eine Insemination, so Krüssel. Dabei werden Spermien direkt in die Gebärmutter eingebracht. Der Arzt betont: „Hiermit wird aber lediglich die natürliche Fruchtbarkeit hergestellt, daher ist die Erfolgsaussicht hierbei stark altersabhängig.“

Die künstliche Befruchtung

Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Ei-Einnistung gezielt erhöhen kann nur die künstliche Befruchtung. Etwa 80.000 Mal pro Jahr führen Fachzentren in Deutschland einen solchen Eingriff durch. Das Kinderwunschzentrum der Düsseldorfer Unikliniken ist nach Aussage seines Leiters Jan-Steffen Krüssel das „größte universitäre Zentrum im deutschsprachigen Raum“. Das Prinzip der künstlichen Befruchtung ist simpel: Entnommene und aufbereitete Eizellen der Mutter werden im Labor mit männlichen Spermien kultiviert. Nach etwa fünf bis sechs Tagen wird dann ein Embryo unter bestmöglichen Bedingungen in die mütterliche Gebärmutter eingebracht. Für diese Art der medizinischen Nachhilfe gibt es in Deutschland übrigens keine gesetzlich vorgeschriebene Altersgrenze. „In der Realität führen wir eine künstliche Befruchtung aber nur bis zu einem Alter der Mutter von 45 Jahren durch, bei zuvor eingefrorenen Zellen bis 50 Jahre“, so Krüssel.

Die Erfolgsaussichten einer künstlichen Befruchtung lassen sich nicht pauschal berechnen. Aber auch hier zeigen Daten aus dem deutschen IVF-Register (IVF steht für In-Vitro-Fertilisation) deutlich: Mit zunehmendem Alter der Mutter sinken die Chancen einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung stetig, parallel steigt das Risiko eines Abortes (Fehlgeburt).

Warum viele Paare bei Kinderwunsch im Ausland Hilfe bekommen

„Die medizinische Qualität in Deutschland ist fantastisch, die Standards liegen sehr hoch“, sagt Krüssel. Er bedauert allerdings, dass Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch hierzulande eine wichtige Möglichkeit verwehrt bleibt, die im Ausland längst etabliert ist: die Eizellenspende. In England, Spanien, Polen, Tschechien oder auch den USA dürfen Frauen Eizellen spenden – ebenso wie Männer Spermien. „Wir lassen so zu, dass sich jedes Jahr rund drei- bis 4000 Paare im Ausland behandeln lassen“, sagt Krüssel.

Warum? Weil in Deutschland das Embryonenschutzgesetz von 1990 die Eizellenspende (und auch Leihmutterschaft) verbietet. Mit Argumenten, die Krüssel heute für wissenschaftlich vollständig entkräftet hält: Die Gefährdung des Kindeswohles durch eine „gespaltene Mutterschaft“ sieht er durch Studien „zu 100 Prozent widerlegt“, vorausgesetzt, die Eltern teilen dies ihrem Kind frühzeitig mit. Dies sei vergleichbar mit den zwei Vätern, die ein Kind habe, das durch eine Samenspende gezeugt wurde.

Das zweite Hauptargument gegen die Eizellspende waren damals mögliche gesundheitliche Gefahren der Spenderin, etwa durch die hormonelle Stimulierung oder den Eingriff der Eizellentnahme. Krüssel dazu: „Wir haben heute ganz andere Hormone, als noch vor 30 Jahren verwendet wurden. Außerdem ist der Eingriff minimal, und die Quote an Komplikationen liegt heute bei 80.000 künstlichen Befruchtungen im Jahr im Promillebereich.“

Ebenfalls in Deutschland verboten und im Ausland erlaubt ist die gezielte Erzeugung eines Embryos aus einer gespendeten Eizelle und einem gespendeten Spermium. Erlaubt sind in Deutschland das Einfrieren, die Vernichtung oder aber auch die Spende von überzähligen Embryonen, die bei der künstlichen Befruchtung im Labor entstehen und die nach einer erfolgreichen Kinderwunschbehandlung nicht mehr benötigt werden. Bemerkenswert dabei: Die Vergabe dieser Embryonenspenden regelt in Deutschland nicht etwa der Staat per Gesetz, sondern ein gemeinnütziger Verein (Netzwerk Embryonenspende.eV).