Zollkontrollen auch in NRW Captagon im Wert von 60 Millionen Euro gefunden – das steckt hinter der Droge

Aachen/Essen · Der Zoll in Essen und Aachen hat den deutschen Rekordfund der Droge Captagon vermeldet. Monatelang waren Fahnder eine Tätergruppe auf der Spur. Die Droge war einst ein verbreitetes Medikament und wird heute vor allem im arabischen Raum konsumiert.

Zollbeamte haben die bislang größte Menge Captagon in Deutschland sichergestellt.

Zollbeamte haben die bislang größte Menge Captagon in Deutschland sichergestellt.

Foto: dpa/Zollfahndung Essen

Ursprünglich ein Medikament, heute Schmuggelware: Captagon. Zollfahnder haben in den vergangenen Monaten die bislang größte in Deutschland gefundene Menge der Droge sichergestellt – insgesamt 461 Kilogramm Tabletten im Wert von 64,5 Millionen US-Dollar. Das teilten die Zollfahndung Essen und die Staatsanwaltschaft Aachen am Donnerstag mit.

Bereits seit Ende 2022 hätten Zollfahnder wegen des Verdachtes des gewerbs- und bandenmäßigen Schmuggels und Handels von Betäubungsmitteln ermittelt, kurz darauf gab es den ersten großen Fund: Am Flughafen Köln/Bonn wurden in sieben Paketen nach Bahrain fast 60.000 Tabletten Captagon sichergestellt. „Die Drogen waren in Bremszylindern versteckt“, hieß es am Donnerstag in einer Mitteilung des Zolls. Bei einer Kontrolle am Flughafen Leipzig seien zudem in zwei Paketsendungen nach Saudi-Arabien – das Königreich gilt weltweit als Hauptkonsumentenmarkt – 32 Kilogramm Captagon gefunden worden. Die Tabletten waren versteckt in Duftkerzen. Im September dieses Jahres habe das Hauptzollamt Leipzig weitere 17 Kilogramm der Droge sichergestellt – in einem Pizzaofen. Eine Lieferung nach Bahrain von etwa 30 Kilogramm am Flughafen Köln/Bonn konnte ebenso verhindert werden. Hier seien die Captagon-Tabletten in einen Luftfilter eingebaut worden, heißt es in der Mitteilung.

Weitere Ermittlungen zu den Absendern führten den Angaben zufolge zu vier Tatverdächtigen mit syrischer Staatsangehörigkeit und im Alter von 33 bis 45 Jahren. Sie hätten Wohnsitze in Aachen, Alsdorf und Wien. Im Oktober 2023 vollstreckte das Zollfahndungsamt Essen im Auftrag der Staatsanwaltschaft Aachen Haftbefehle gegen die Tätergruppe und durchsuchte deren Wohnungen und Garagen. „In dem Garagenlager stießen die Fahnder auf einen Koffer mit 48 Kilogramm Tabletten Captagon sowie Paletten mit 16 Tonnen Sand, unter denen weitere 324 Kilogramm in Säcken verpackt waren“, hieß es am Donnerstag in der Mitteilung des Zolls. Die Tatverdächtigen seien in Untersuchungshaft, eine erste Auswertung der gesicherten Beweismittel habe die Fahnder zu einem weiteren angemieteten Lagerort in Herzogenrath bei Aachen geführt.

Captagon gehört zur Gruppe der Amphetamine – ein Wirkstoff, der hierzulande in den 60er-Jahren in Form eines Medikaments zur Behandlung von ADHS eingesetzt wurde. Zudem soll die Droge ein beliebtes Dopingmittel im Sport gewesen sein: Sie kurbelt die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit an und unterdrückt Müdigkeit und Schmerzen. Sie durchdringt die Blut-Hirn-Schranke und wirkt direkt auf das zentrale Nervensystem sowie das Herz-Kreislauf-System. Die Dopaminkonzentration in Teilbereichen des Gehirns erhöht sich und steigert das Selbstbewusstsein bis hin zu einer Euphorie. Konsumenten fühlen sich wach und furchtlos, stark und unbesiegbar.

Die Nebenwirkungen werden mit jedem Rausch jedoch extremer: Nach Angaben des Bundeskriminalamts kann Captagon Depressionen, Halluzinationen und Angstzustände auslösen. Vor allem aber macht die Droge sehr schnell abhängig. Somit eigne sie sich, um neue Kämpfer auf Spur zu bringen; sie soll nach Erkenntnissen von Nachrichtendiensten und Behörden im In- und Ausland im Syrienkrieg etwa von Kämpfern der früheren Al-Nusra-Front, des Islamischen Staates und der Freien Syrischen Armee konsumiert und weiterverkauft werden. Zu den wichtigsten Produzenten der Tabletten gehören der Libanon und Syrien, der Assad-Clan soll davon finanziell profitieren. Europa und vor allem Deutschland werden dabei als Umschlagplätze und Produktionsstandorte für Banden immer wichtiger.

(mit dpa)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort