Neu im Kino: Dokumentarfilm „Die Wiese – Ein Paradies nebenan“ von Jan Haft

Dokumentar-Film „Die Wiese“ : In der Welt von Biene Maja und Heuschrecke Flip

Der Dokumentarfilm „Die Wiese“ zeigt das Paradies von nebenan. Er ist auch ein Plädoyer für den Erhalt eines Lebensraums.

Bester Superheld der jüngeren Filmgeschichte: die Schaumzikade. Der Name allein ist schon herrlich, und was sie kann, ist auch nicht ohne. Ihr Tagewerk besteht darin, Gräser mit Schaumbällchen zu verzieren. Der Volksmund nennt dieses wie Speichel anmutende und eiweißhaltige Sekret „Kuckucksspucke“. Sieht gut aus, glitzert silbern im Gegenlicht. Die Bläschen entstehen, weil die Zikade Luft in die Flüssigkeit pustet, und der Grund, warum das Tier diesen Aufwand betreibt, ist der gleiche, der auch menschliche Eltern zu Höchstleistungen anspornt: Ihre Larven fühlen sich so wohl im Schaum.

„Die Wiese – Ein Paradies nebenan“ heißt der Dokumentarfilm von Jan Haft, der jetzt ins Kino kommt. Haft ist Spezialist für die Schönheit vor unserer Haustür, er porträtierte bereits den Wald und das Moor, und nun hat er drei Jahre mit Aurorafaltern und Maiwürmern zwischen Platterbsen und Hummel-Ragwurz verbracht. Das Wort Wiese wirkt bereits phonetisch als Stimmungsaufheller, es klingt nach Wassermelonen-Sprudel und Barfüßigkeit, und an der Aufzählung der Lebewesen und Pflanzen aus dem Halm-Dschungel sieht man, dass es sich lohnt, ein Notizbuch mit ins Kino zu nehmen, um all die schönen Namen mitzuschreiben: Natur als Gedicht.

Die Kamera geht sehr nah ran, einmal scheint sich der Brachvogel gar auf die Linse zu setzen, als er sich zum Brüten bereit macht. Großartig sind auch die Zeitraffer-Aufnahmen mit zugespieltem O-Ton. Da sieht man dann den Kugelschneller, einen Pilz, der auf totem Holz wächst, mit enorm heftigem Knall seine Sprengkugeln bis zu fünf Meter weit feuern. Die klebrigen Dinger pappen mitunter monatelang an Pflanzen, und wenn ein Widerkäuer kommt und sie frisst, keimen sie im Darm des Tieres. Fortpflanzung kreativ.

Es ist eine Welt des Kleinen, die Jan Haft dem Zuschauer vorstellt, die Heimat von Maja und Flip, und er tut das zumeist heiter, mit leicht romantisierendem Ton und stets mit verblüffenden Aufnahmen. Irre ist die Szene, in der eine Hummel Pollen aus einer Blüte zittert: Sie lässt die Flügel vibrieren, ohne sie zu öffnen, die Bewegung überträgt sich auf die Pflanze, die verliert dabei den Pollen, und das Ganze klingt wie ein Elektro-Rasierer. Oder der Wollschweber, der – Verzeihung – ein echt fieser Möpp ist. Er lauert darauf, dass die Erdbienen ihre Gänge verlassen. In einem Moment der Abwesenheit schießt er seine Eier dann zielgenau in die fremden Nester, auf dass sie dort von anderen ausgebrütet werden. Der Wollschweber ist der Kuckuck der Insektenwelt.

Einige Tiere wie die Reh-Familie und das Feldlerchen-Paar, bei dem das Weibchen Polstermaterial für das Nest sammelt, während das Männchen den ganzen Tag bloß singt, werden durch die Jahreszeiten hinweg begleitet. Man freundet sich mit ihnen und ihren Nachbarn an: Jungfüchse lernen Anschleichen in der Fuchsschule. Schmalbienen putzen sich morgens nach dem Aufwachen erstmal genüsslich die Fühler. Und wer immer schon wissen wollte, wie Bienen nachts schlafen, bekommt es hier gezeigt: Manche beißen sich an einem Grashalm fest und hängen ab.

Man bekommt aber nicht nur Idylle geboten. Schweres landwirtschaftliches Gerät ist der größte Feind der Tierwelt. Und das Düngen mit Gülle vertragen nur die wenigsten Pflanzen. Die Wiese, das ist die Botschaft des Films, ist bedroht. Eine Million Hektar Grünland seien in den vergangenen Jahren in Deutschland in Äcker umgewandelt worden, heißt es im Film. Das ist deshalb so tragisch, weil die Wiese nicht nur einem Drittel der heimischen Pflanzenwelt ein Zuhause gibt, sondern auch der zweitwichtigste Kohlenstoffspeicher ist. Ob man denn nicht den Schutz der verbliebenen fünf Millionen Hek­tar Wiesen in Deutschland für Landwirte attraktiver machen könne, indem man ihn staatlich fördere? So ist die Dokumentation auch ein Appell, einen Lebensraum zu erhalten, der laut Jan Haft stärker gefährdet sei als das Wattenmeer.

Wer sich den Film mit Kindern im Kino ansieht, und das ist unbedingt zu empfehlen, sollte eine Mittags- oder Nachmittagsvorstellung besuchen und vorsorglich feste Schuhe anziehen. Es könnte nämlich sein, dass man danach nicht nach Hause möchte. Sondern direkt raus.

Auf die Wiese.

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