Interview mit Polina Ivanovna vom Paul-Spiegel-Filmfestival

Interview Polina Ivanova : „Intoleranz entspringt häufig Unwissenheit“

Die Kuratorin des Paul-Spiegel-Filmfestivals über das Kino in Zeiten zunehmender antisemitischer Anfeindungen.

„Das war’s“, dachte Polina Ivanova, als das Licht im Saal anging und niemand ein Wort sprach. Sie hatte zur Eröffnung des Paul-Spiegel-Festivals dem Publikum einen Film zugemutet, der das Handeln jüdischer Widerstandskämpfer dort prüft, wo es am meisten wehtut: an der moralischen Bewandtnis. „Dawn“ heißt der Film, in dem ein junger Holocaustüberlebender über Leben und Tod einer Geisel entscheiden soll. Es war Ivanovas erstes Jahr als Kuratorin des Festivals – und es ist gutgegangen. Polina Ivanova betreut auch das diesjährige Filmfest, das am Donnerstag, 4. April, beginnt.

Was muss der Eröffnungsfilm des Paul-Spiegel-Filmfestivals leisten?

Ivanova Es sollte eine klare Botschaft haben und kontrovers sein.

Das war er im vergangenen Jahr doch.

Ivanova Nein, „Dawn“ ist eine Provokation für Juden. Sie müssen sich vorstellen, was es bedeutet, wenn ein junger Mann, der seine gesamte Familie in Konzentrationslagern verloren hat, plötzlich moralisch angreifbar wird, weil er gegen humanistische Grundsätze verstößt. Damit bin ich sehr weit gegangen.

Bereuen Sie das?

Ivanova Nein, aber ich werde es auch nicht jedes Jahr wiederholen.

Das Festival besteht seit 14 Jahren. Sie haben angekündigt, das Format zu ändern. Was war falsch?

Ivanova Es geht nicht um falsch oder richtig, sondern um anders. Ich möchte künftig auch jene Zuschauer gewinnen, die sich in erster Linie für das Genre „Film“ interessieren. Unabhängig davon, ob ein Beitrag den Holocaust behandelt oder nicht. Diese Thematik schließe ich als Kern einer Handlung sogar möglichst aus. Deswegen gibt es eine Liebeskomödie ebenso zu sehen wie eine Kriminalgeschichte und eine Tragödie.

Oder einen feministischen Standpunkt...

Ivanova Ja, die Filme „Frauenempore“, „Eine, die sich traut“ und „Äpfel aus der Wüste“ beschäftigen sich mit dem Thema der Gleichberechtigung und stellen das Selbstbewusstsein von Frauen in einer streng religiösen Welt heraus.

Sie haben Wirtschaft studiert. Woher nehmen Sie Ihr Gespür für den richtigen Film?

Ivanova Wenn ich einen Film anschaue, frage ich mich, ob ich auch meine Freunde oder Familie einladen würde, ihn mit mir anzusehen. Die breite Öffentlichkeit ist ja ebenso unvoreingenommen wie ich. Das gefällt mir, denn ich möchte unser Festival einem größtmöglichen Kreis zugänglich machen. Wer hat schon Lust, sich dienstagsabends um 20 Uhr eine Dokumentation auf Hebräisch mit englischen Untertiteln anzuschauen? So etwas wird es nicht mehr geben.

Welche sind die besonderen Produktionen in diesem Jahr?

Ivanova „1945“ zum Beispiel, der diesjährige Eröffnungsfilm. Zwei Juden treffen nach der Shoa in ihrer Heimat, einem kleinen ungarischen Dorf, ein, dessen Bewohner befürchten, zurückgeben zu müssen, was ihnen nie gehörte: Häuser, Wohnungen und andere Kostbarkeiten. Beim bloßen Anblick der beiden Juden geraten sie in Panik, ohne zu wissen, ob diese überhaupt bleiben wollen – eine interessante psychologische Studie. Wunderbar ist es auch, dass wir „Zeitzeugen“ bekommen konnten. Es ist eine von insgesamt fünf Deutschlandpremieren, die wir präsentieren. Der Film bestand zunächst aus drei Novellen, von denen die erste  2013 für einen Oscar nominiert war. Ich habe sie gesehen und war sofort hingerissen. Die kleine Geschichte dauert bloß 17 Minuten. Es wird nicht gesprochen, es gibt nur Musik. Ein wirklich außergewöhnlicher Beitrag, der weiß, von einer Tragik zu erzählen, ohne uns ins Dunkel zu führen. Das Leben geht weiter lautet die positive Nachricht.

Wie wählen Sie die Filme aus?

Ivanova Ich scanne die Listen internationaler jüdischer Filmfestivals. In den USA hat jede Kleinstadt ein solches Angebot. Ich lese viel und treffe eine erste Auswahl. Dann schaue ich mir alle Trailer an und im Anschluss, wenn ich die Liste erneut reduziert habe, die Filme, die in Frage kommen. Sehr viele Beiträge behandeln den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Darauf möchte ich allerdings möglichst verzichten.

Warum?

Ivanova Antiisraelismus und Antisemitismus werden zunehmend miteinander vermischt, das ist gefährlich und ich habe entschieden, eine größtmögliche Distanz herzustellen. Natürlich ist das jüdische Leben weltweit mit Israel und seiner Geschichte verbunden, jedoch nicht darauf beschränkt. Ebensowenig wie auf die Religion. Wenn Sie mich nach meinen Wurzeln fragen, antworte ich: „Frankfurt“, obwohl ich in Moskau geboren und groß geworden bin. Die Vorfahren meiner jüdischen Mutter stammen aus Frankfurt. Europa ist mein Zuhause, auch wenn ich oft und gerne in Israel war und bin. Das Ziel des Paul-Spiegel-Festivals ist es, das gegenwärtige Judentum transparent zu machen, moderne Blickwinkel einzunehmen.

Es wäre schön, wenn wir jüdisches Leben nicht nur im Kino, sondern mitten in Düsseldorf erlebten.

Ivanova Ja, das wäre schön, braucht jedoch Zeit. Vielleicht ist es sogar wieder etwas schwieriger geworden. Vor 25 Jahren, als ich 15 war, haben wir uns im Jugendzentrum der Gemeinde überlegt, wie wir Barrieren überwinden können. Also haben wir einen Fragebogen entwickelt, sind in die Innenstadt gefahren und haben Passanten angesprochen: Haben Sie Juden in Ihrem Bekanntenkreis? Haben Sie schon mal welche getroffen? Schauen Sie uns an, wir sind Juden. Fast alle waren offen und interessiert. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Aktuell würde ich eine solche Aktion nicht befürworten, denn die antisemitischen und antidemokratischen Anfeindungen sind derzeit ja leider europaweit massiv. Mit unserem Filmfestival können wir daran hoffentlich ein klein wenig ändern.

Inwiefern?

Ivanova Intoleranz entspringt häufig Unwissenheit. Unsere Filme klären auf, ohne schulmeisterlich zu sein. Das Paul-Spiegel-Festival ist zwar ein jüdisches Festival, jedoch kein Festival für Juden, sondern für alle Menschen.

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