Die Toten Hosen: Tour-Dokumentation "Weil du nur einmal lebst" feiert Premiere in Essen

Die Toten Hosen : Kampf gegen die Punkrocker-Rente

1250 Gäste sehen die Premiere des launigen Toten Hosen-Kinofilms „Weil du nur einmal lebst“ in der Essener Lichtburg. Sie sehen eine Band, die sich der bevorstehende Punkrocker-Rente so gar nicht beugen will.

Lausbubengrinsen im Gesicht, Bierflasche lässig in der rechten Hand, so schlendert Campino am späten Dienstagabend die Treppe hinauf vor den roten Vorhang auf der Bühne. „Sorry“, sagt er nach der Vorführung. „Aber ohne zu saufen, halte ich es einfach nicht aus, Aufnahmen von uns zu sehen.“ Das Publikum lacht – nicht das erste Mal an diesem Abend. 1250 – zum Teil geladene – Gäste sind zur Premiere von „Weil du nur einmal lebst“ in die altehrwürdige Lichtburg nach Essen gekommen. Und die Zuschauer im ältesten Kino Deutschlands brauchen keinen Alkohol, um die durchweg unterhaltsame Dokumentation der „Laune der Natur“-Tour zu genießen – auch wenn sie zum Teil dennoch beherzt davon Gebrauch machen.

Wer an einer Diskussion, in der es um die Toten Hosen geht, teilnimmt, kommt nicht umher, eine Haltung zur folgenden Frage zu haben: Sind die eigentlich noch Punk? Für Campino ist dieses Thema – zumindest im Film – relativ schnell abgehakt: „Es gibt nicht die eine Wahrheit“, sagt er. Und man gewinnt den Eindruck: Campino hat Recht. Diesen Eindruck gewinnt der Beobachter nicht nur, wenn er dem Geschehen auf der Leinwand folgt, sondern auch wenn er sich im Saal umschaut.

Die Toten Hosen sind eben alles. Sie sind das gemeine Volk und sie sind das Establishment. Sie sind rebellischer Aufstand und sie sind Kommerz. Und sie sind eben alles, was dazwischenliegt. Auch in der Doku wird dieses uneindeutige Bild deutlich. Auf der einen Seite tragen Andi (56), Breiti (55), Campino (56), Kuddel (54) und Vom (54) weiterhin das Punker-Kind im Herzen, das sie dazu treibt in Dresden nachts in ein Schwimmbad einzubrechen. Auf der anderen Seite trinkt Campino sowohl im Film als auch am Premieren-Abend das selbst produzierte Hosen-Bier – mehr Kommerz geht nun wirklich nicht.

Vielmehr als die Frage nach der Band-Identität steht in den 112 Minuten aber ein anderes Thema im Fokus: Wie lange können die diesen Raubbau am eigenen Körper eigentlich noch durchziehen? Und auch hier wird derjenige enttäuscht, der eine eindeutige Antwort darauf erwartet.

Es gibt sie jedoch, die Indizien, die darauf hindeuten, das eben auch die generationsübergreifend begeisternden Toten Hosen endlich sind – und dieses Ende gar nicht mehr so weit entfernt scheint. Etwa wenn Campino nach einem Hörsturz im vergangenen Sommer sinnierend am Düsseldorfer Rheinufer entlang spaziert. Oder wenn die Band auf ihren alten Punker-Weggefährten aus der Anfangszeit in den 1980er Jahren, „den wahren Heino“, trifft, und dieser wenig an Punk erinnernde grauhaarige Mann dann in der Umkleide des legendären Berliner Clubs SO36 durch das Poesiealbum mit den Erinnerungen blättert. Dann wird das Ende der Band greifbar.

Die Doku bildet neben reichlich Gaudi auf der Tour auch immer wieder diese innere Zerrissenheit der Bandmitglieder in Bezug aufs unvermeidliche Älterwerden ab. Schließlich wird der Zuschauer aber doch das Gefühl nicht los, dass sich diese fünf Mittfünfziger der bevorstehenden Punkrocker-Rente so gar nicht beugen wollen – trotz der sichtlichen Qualen, die ihnen die Konzertauftritte mittlerweile bereiten. Und so sieht alles danach aus, als würden bei den Hosen auch in den kommenden Jahren Adrenalin und Endorphin siegen. Weil du nur einmal lebst.

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