Düsseldorf: Der Fälscher der Wahrheit

Düsseldorf: Der Fälscher der Wahrheit

Die Dokumentation "Bad Boy Kummer" zeigt den Journalisten Tom Kummer, der jahrelang gefälschte Interviews mit Prominenten wie Mike Tyson und Sean Penn an große Zeitungen verkaufte. Der 48-Jährige arbeitet heute in Los Angeles als Tennistrainer. Er ist sich keiner Schuld bewusst.

Tom Kummer löste den größten Skandal in der jüngeren Pressegeschichte aus. Der Schweizer Journalist fälschte jahrelang Texte, vor allem Interviews mit Hollywood-Stars. Mit diesen Gesprächen war Kummer selbst zum Idol geworden, das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) warb auf dem Titel für die tatsächlich ungewöhnlich intimen und unterhaltsamen Dialoge. Mike Tyson sprach da über Nietzsche und verwendete Zitate aus Fassbinders Film "Katzelmacher", Charles Bronson erzählte, dass er mit Pflanzen rede, und Pamela Anderson philosophierte über William Gibsons Roman "Neuromancer". Im Mai 2000 enthüllte der "Focus", dass sich Kummer sämtliche Interviews ausgedacht hat, zum Teil hatte er die Prominenten gar nicht getroffen. Die Chefredakteure des "SZ"-Magazins, Christian Kämmerling und Ulf Poschardt, nannten den Fall ein "Attentat", "journalistische Sabotage" und wurden entlassen. Martin Walser schrieb: "Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch, dass sie echter aussieht."

Elf Jahre sind seitdem vergangen, und nun kommt am Donnerstag eine Dokumentation ins Kino, die dem 48-jährigen Kummer in den Kopf zu schauen versucht: Warum tut ein talentierter Mensch so etwas? Warum betrügt er Kollegen, Leser, Freunde? Und: Warum betrügt er sich selbst? "Bad Boy Kummer" heißt der Film, und gedreht hat ihn eines der Opfer Kummers. Miklós Gimes war stellvertretender Chefredakteur des Magazins des Schweizer "Tages-Anzeigers", das Kummer ebenfalls druckte.

Gimes dachte im Sommer 2000, Kummer sei als Journalist für alle Zeit erledigt. Doch dann gab die "Berliner Zeitung" ihm eine zweite Chance. Kummer ließ sie ungenutzt. Er lieferte eine Reportage, die aus zwei Texten bestand, die Jahre zuvor bereits in der "Neuen Zürcher Zeitung" und der "SZ" erschienen waren. Er hatte nicht einmal das Alter der Handelnden aktualisiert. Von "vorsätzlicher Täuschung" schrieb Chefredakteur Uwe Vorkötter damals in einer Entschuldigung an die Leser. Zwei Jahre später, 2007, erschien Tom Kummers autobiografisches Buch "Blow Up". Der Titel ist einem Film von Michelangelo Antonioni entlehnt, darin geht es um die Frage, was Realität ist und was Einbildung. Kummer inszeniert sich in dem Buch als einsamer Cowboy, er zeigt keine Reue, kein Schuldgefühl. Er beschreibt sein Verdienst vielmehr als "Neudefinition von Realität". Zuletzt schrieb Kummer in der Wochenzeitung "Freitag", die Rubrik hieß "Faction". Miklós Gimes ließ dieser Kerl keine Ruhe: ein klassischer Hochstapler? Eine tragische Figur? Oder einfach bescheuert?

Gimes tastet sich an Kummer heran wie ein Vater an den gefallenen Sohn. Er sieht ihn als Menschen, der aus der Wirklichkeit gefallen ist, der seine Maßstäbe verloren hat und die Fähigkeit zur Einschätzung von Recht und Unrecht. Aber er verurteilt ihn nicht. Manchmal ahnt man, dass Gimes sein Gegenüber schütteln möchte: Menschenskind, komm zu dir! Aber er lässt es doch, und Kummer steht schwerfällig da, als laste etwas auf seinen Lidern, als sei Watte in seinem Kopf.

Gimes besucht Kummer in Los Angeles, wo er seit 1993 lebt. Seit ein paar Jahren arbeitet Kummer als Paddle-Trainer, eine Art Tennis mit verkleinertem Feld; er unterrichtet Reiche in einem Club in Santa Monica. Abends fährt er im Auto heim zur Frau und den zwei Kindern, und er beginnt zu erzählen. Von Berlin, wohin er 1983 aus der Schweizer Provinz floh. Von den Jahren, die er als Punk in Kreuzberg verbrachte. Von der Fotografin Nan Goldin, die sein Porträt in ihre Serie "Ballade von der sexuellen Abhängigkeit" aufnahm. Von seinen Performances, in denen er die Mauer mit Benzin übergoss und anzündete.

1988 holte ihn der Gründer des Magazins "Tempo" nach Hamburg, und dieser Markus Peichl ist der einzige der ehemaligen Weggefährten, der im Film auftreten wollte. Er bedrängt Kummer, begabt sei er gewesen, und dann sowas: Was sollte das? Schulterzucken. Einmal habe es schon bei "Tempo" Probleme gegeben. Kummer lieferte eine Reportage ab, die eigentlich Richard Ford geschrieben hatte. Als 1992 Michael Jürgs Chefredakteur bei "Tempo" wurde, warf er Kummer raus.

Kummer selbst sieht sich als Rebell. Superstar-Interviews seien per se langweilig, sagt er. Mit Pamela Anderson habe er 20 Minuten in einem Raum mit zehn Kollegen gehabt, jeder durfte eine Frage stellen. Was soll dabei herauskommen? Whitney Houston seien alle Antworten per Headset von ihrem Agenten diktiert worden. So gehe es zu. Kummer habe sich davon gelöst, befreit, er habe der Banalität ein Ende gesetzt. Tatsächlich habe sich nie die Agentur eines Interviewten beklagt. Seine Redakteure hätten ihn nie kritisiert, auch nicht, wenn er Dadaismus abgeliefert hat wie das Interview mit Ivana Trump ("Beinhaare sind Natur. Rasierklingen sind Kunst"). Im Gegenteil, sie baten ihn sogar, Autogramme mitzubringen. Und einige von denen, die vor zehn Jahren über ihn schimpften, schauten kurz danach auf Besuch bei ihm in L. A. vorbei.

Eine Freundin Kummers versucht seine Interviews in den Rang von Kunstwerken zu erheben. Aber "Kunst ist, wenn du damit durchkommst", wusste Andy Warhol, und Kummer blieb auf der Strecke. Er zeigt die botanischen Fachbücher, aus denen er sich für das vorgebliche Interview mit Charles Bronson bediente. Er kramt das Heft mit dem Interview hervor und zitiert daraus. "Ich glaube immer noch an Liebe und Leidenschaft und an das Mehr im Leben", sagt er. Er wirkt stolz, selbstvergessen wie ein Kind, das in alten Fotoalben blättert. Es scheint nicht zu wissen, dass nichts darin wahr ist. Kummer driftet durch den Wachtraum der eigenen Unverbindlichkeit. Er hat sich in die Eigenschaftslosigkeit gerettet.

(RP)
Mehr von RP ONLINE