Ralph Giordano: "Tod eines Aufrechten"

Zum Tod Ralph Giordanos : Abschied von einem Aufrechten

Dass Ralph Giordano am 20. März 1923 in Hamburg geboren wurde, stimmt nur zum Teil. Weil für ihn ein zweites, nicht minder bedeutsames Geburtsdatum existiert: Das ist der 4. Mai 1945, als der 22-Jährige aus dem Kellerloch einer Hamburger Ruine kriecht und vielleicht noch etwas ungläubig in den Himmel schaut. Ungläubig darüber, dass er tatsächlich überlebt hat - den Krieg, die Nazis, die Bomben.

Der Unglaube hat den Davongekommenen gläubig werden lassen. Später hat Giordano erzählt, dass erst die Nazis ihm sein Jude-Sein bewusst gemacht hatten. Sie hatten ihn von der Schule geworfen, mehrfach verhaftet, mehrfach gefoltert, bis ihm und seiner Familie nur noch das Kellerversteck ein Überleben zu sichern schien. "Die Nazis haben mich zum Juden geprügelt. Und als Überlebender wollte ich es später dann auch sein." Gestern ist Ralph Giordano 91-jährig in Köln gestorben.

Die Verfolgung hat seine jüdische Identität geweckt und bewahrt. Der jüdische Staat ist ihm das Mutterland geworden, seine Liebe und seine Sehnsucht, aber auch seine Sorge und seine Kritik. Deutschland aber blieb sein kulturelles Vaterland. Es wurde sogar die Liebe seines Alters: "Ich liebe dieses Land, so, wie es jetzt ist", sagte er noch vor einem Jahr. Ein Leben ohne dieses Deutschland sei für ihn schlichtweg unvorstellbar. "Überall - außer in Israel - käme ich mir heimatlos vor."

Fast unbegreifliche Worte für einen Nazi-Verfolgten. Doch dieses Bekenntnis war das Ergebnis einer auch geistigen Heimatsuche, auf die sich Giordano viele Jahrzehnte mit großem Ernst, manchen Widersprüchen und vernehmlicher Streitlust begeben hatte. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg sogar Mitglied der KPD, siedelte als frisch gebackener und überzeugter Kommunist Mitte der 1950er Jahre auch in die DDR über. Diese Heimat aber hatte nicht lange Bestand. Nach wenigen Monaten kehrte er desillusioniert zurück in den Westen. "Die Partei hat immer recht" lautete dann seine publizistische Abrechnung mit dem Stalinismus von 1961.

Ralph Giordano bezeichnete sich gern als einen "prinzipientreuen" Menschen. Das ist behutsam formuliert, weil er sensibel wie kaum ein Zweiter hierzulande rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft registrierte und darauf mit wütender, bisweilen polemischer Wortmacht reagierte: auf die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 und ein Jahr später auf die Mordanschläge von Mölln und Solingen. Das hat ihm Zuspruch beschert, aber auch zahlreiche Feinde. Nach der 221. Morddrohung rief er zur bewaffneten Gegenwehr auf. Vielleicht war es auch seine Liebe zu Deutschland, die ihn zum Kampf gegen neonazistische Banden unaufhörlich antrieb. "Die zweite Schuld" nannte er dies in seinem gleichnamigen Buch, in dem er über die Last schrieb, ein Deutscher zu sein. In seinem Nachruf auf Arno Lustiger bezeichnete er den Tod dieses wichtigen Zeitzeugen als den "Tod eines Aufrechten". Diese gilt auch für ihn.

Ralph Giordano war als Schönredner ungeeignet. Er verspürte eine tiefe Abneigung gegenüber allen "Problemverharmlosern", "Mulitkulti-Illusionisten" und "Beschwichtigungs-Aposteln". An diese Devise hielt er sich auch mit seiner Kritik am Islam. Besonders die Diskriminierung von Frauen brachte ihn auf die Palme und ermunterte ihn, in Talkshows verschleierte muslimische Frauen als "menschliche Pinguine" zu bezeichnen. Der Bau der Kölner Zentralmoschee wurde ihm zum Sinnbild eines bedenklichen Machtzuwachses des Islams. Als vor sechs Jahren der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland glaubte, Scharia und Grundgesetz seien vereinbar, forderte Giordano kurzerhand dessen Abschiebung.

Er war gelernter Journalist, der eher zufällig auch Regisseur von TV-Dokumentationen wurde. Als Schriftsteller aber war er ein Spätzünder. Seine berühmteste Arbeit ist das teilweise autobiografische Werk "Die Bertinis". Vier Jahrzehnte hatte er daran gearbeitet, bis es 1982 veröffentlicht wurde.

Es war die deutsche Sprache, die ihm zum Instrument wurde, sich zu wehren und zu behaupten. Als er nach der Reichspogromnacht 1938 nicht mehr daran glaubte, den Terror überleben zu können, schrieb er in seiner Schule hinter einem Bild seinen Namen auf die Wand. Etwas sollte von ihm bleiben, wenn es ihn nicht mehr gab. Jetzt wird er mit seinen vielen Aufsätzen, Reden und Büchern erinnerlich bleiben.

(RP)
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