Düsseldorf: Das Land der protestierenden Dichter

Düsseldorf : Das Land der protestierenden Dichter

Zwei Aufrufe innerhalb weniger Tage zeigen, dass deutsche Autoren sich engagieren wollen. Aber nützt das auch?

Jetzt protestieren sie also wieder. Innerhalb weniger Tage sind deutsche Schriftsteller zu verschiedenen Anlässen auf die imaginären Barrikaden öffentlichen Widerstandes gestiegen: Am 19. Juli forderte ein buntes Volk aus bekannten Dichtern, Musikern und Schauspielern ein härteres und konsequenteres Vorgehen gegen Rechtsextremismus. Gezeichnet hatten diesen von Günter Kunert und Ingrid Bachèr initiierten Aufruf unter anderem Udo Lindenberg und Günther Uecker, Ralph Giordano und die Toten Hosen. Nur ein paar Tage später brachten 32 Autoren unter Federführung von Juli Zeh einen Offenen Brief aufs Papier, in dem Kanzlerin Merkel aufgefordert wird, "den Menschen im Land die volle Wahrheit über die Spähangriffe zu sagen".

Das Juli Zeh in dieser Sache aktiv geworden ist, überrascht nicht. Wohl aber der späte Zeitpunkt. Denn Juli Zeh – die studierte Juristin – hat zusammen mit Ilija Trojanow bereits 2009 eine Kampfschrift gegen den Sicherheitswahn eines Überwachungsstaates veröffentlicht und darin vor dem Abbau bürgerlicher Rechte gewarnt. Wer das Buch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion liest, wird Juli Zeh reiche Kenntnis und Seherfähigkeiten zugestehen müssen.

All diese Protestschreiben gehören nicht nur zum Selbstverständnis unseres Rechtsstaates; sie sind wichtig, Ausdruck von Engagement und intellektueller Wachsamkeit – und höchstwahrscheinlich auch völlig wirkungslos. In offenen Gesellschaften, in denen alle fast alles sagen können, werden Appelle von der täglich praktizierten Meinungsvielfalt schnell absorbiert.

Darum wirken solche nach außen gerichtete Aufrufe oft stärker nach innen: Sie sind identitätsstiftend für eine Gruppe, und in diesem Fall für eine, die es besonders nötig hat: die Gemeinschaft der in aller Regel vereinzelt arbeitenden Schriftsteller.

Dass jetzt in kurzer Zeit zwei Aufrufe öffentlich werden und es nach Auskunft der Initiatoren leicht war, namhafte Unterzeichner zu finden, zeigt das Bedürfnis nach einer gesellschaftlichen Einmischung, für die es offenkundig kein geeignetes Forum mehr gibt. Das hat zum einen mit der neuen und diffusen Landschaft medialer Verlautbarungen zu tun. Im Gestrüpp von Facebook, Twitter und den vielen Blogs wirkt ein Offener Brief wie das Menetekel aus dem Mittelalter. Es ist zugleich eine Art Zustandsbeschreibung des deutschen Literaturbetrieb, der zwar im Bereich der Stipendien und Preise nach wie vor ordentlich brummt, der aber keine Anschrift hat; der kein Kraftzentrum besitzt und keinen Impulsgeber kennt. An wen wendet sich ein Autor, wenn er sich abseits der Literatur an die Menschen wenden will?

Ja sicher, bei solchen Überlegungen kommt dann die Gruppe 47 in die Erinnerung, die vielleicht auch wegen ihrer Einzigartigkeit bis heute überbewertet wird und deren Unterströmungen eines Antisemitismus noch nicht eingehend geklärt ist. Diese Gruppe schien dennoch so etwas wie das intellektuelle Gewissen der Nachkriegsrepublik zu sein; ihre Briefe und Reden, Manifeste und Polemiken waren Wegmarken einer gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung und riefen zum Teil heftige Reaktionen hervor. Es war die Zeit, in der Günter Eich dichtete: "Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!" Das Ende der Gruppe 47 ist bezeichnend und wirkt vielleicht bis heute nach. Denn ausgerechnet den tendenziell linken Autoren wurde bei ihrem Treffen 1967 in der oberfränkischen Pulvermühle geballte Harmlosigkeit attestiert. Sozialistisch gestimmte Studenten aus Erlangen waren angereist und verhöhnten die Dichter. "Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger" stand auf einem ihrer Transparente. Das war das Ende dieser Gruppe und der Nackenschlag für all jene Autoren, die glaubten, die Welt ein bisschen verändern zu können.

Es gab auch ein paar Versuche, aktiv zu werden und das Wort gegen die Tat einzutauschen. Die Wahlkampfunterstützung für Willy Brandt von "Es-Pe-De"-Trommler Günter Grass war zwar spektakulär; spätere Untersuchungen ergaben jedoch, dass dieses Engagement praktisch wirkungslos geblieben ist. Andere Protestformen kamen in die Gefahr, verhöhnt zu werden. So nahmen zahlreiche Intellektuelle Anfang der 80er Jahre an der Blockade des Pershing-Depots in Mutlangen teil. Unter ihnen Heinrich Böll und Ingeborg Drewitz, Erhard Eppler und Helmut Gollwitzer, Günter Grass und Walter Jens, Horst-Eberhard Richter und Dorothee Sölle. Ihre Beteiligung gab dem Protest bald den wenig schmeichelhaften Namen der Mutlanger "Prominentenblockade".

Was tun? Manche haben daraus Konsequenzen gezogen und sich verabschiedet von den Versuchen öffentlicher Wirksamkeit. Dazu zählt sich selbst ausgerechnet Martin Walser, der wie kein zweiter Debatten angestoßen hat, aber das Engagement als Pflichtfach für Schriftsteller abwählte und aus dem Klima des "Rechthabenmüssens" nach eigenen Worten ausgestiegen ist: "Eine Meinung provoziert eine neue Meinung, schon läuft die Meinungsmaschinerie, an deren weiterem Betrieb ich nicht das geringste Interesse habe. Das ist ist keine intellektuell würdige Beschäftigung."

(RP)