Interview: Ein Date mit Casper

Interview: Ein Date mit Casper

Der Journalist und Einslive-Radiomoderator Ingo Schmoll begleitet in seiner Sendung "Rockpalast Backstage" einen Tag lang Musiker. Start ist heute um 21.45 Uhr auf Einsfestival mit dem Rapper Casper. Wir haben mit Schmoll gesprochen.

In Ihrer Sendung "Rockpalast Backstage" wollen Sie den Menschen hinter dem Musiker zeigen. Warum sollten wir uns überhaupt für den Menschen hinter dem Musiker interessieren?

Ingo Schmoll Journalisten bekommen ja normalerweise nicht mehr als eine halbe Stunde, wenn sie einen Musiker interviewen wollen. Da geht es dann meist um die selben Dinge, das neue Album, die Tour. Und die Musiker geben meist dieselben Antworten. Ich möchte aber zeigen, was diese Musiker sonst noch zu bieten haben. Deshalb habe ich sie einen ganzen Tag begleitet, sozusagen bei ihrer Arbeit. Wenn du einen Künstler cool findest, dann willst du auch wissen, wo er herkommt.

Wie sehr sollte ein Fan eigentlich hinter die Kulissen blicken? Wenn Musikjournalisten Ihre Helden interviewen, führt das häufig zu Enttäuschungen.

Da habe ich zwei Seelen. Zum einen gibt es den Fan, zum anderen den Journalisten. Ich bin riesiger Fan der schwedischen Band Kent. Da vermeide ich seit Jahren, die zu treffen, weil das den Mythos zerstören könnte. Aber ich bin eben auch Musikjournalist. Da muss ich mich mit dem Thema eben auseinanderzusetzen.

Würden Sie dem Zuschauer denn Dinge vorenthalten, damit der Mythos nicht zerstört wird?

Da fällt mir nichts ein, wenn ich ehrlich bin. Da bin ich radikal, und würde dem Zuschauer ungern etwas vorenthalten. Klar, ich will da keine schwülstigen Liebesgeschichten auf den Tisch schmeißen oder mit dem Musiker Gespräche über Sex führen... wobei, das kommt darauf an [lacht]. Aber persönlich heranzugehen, ist das Konzept meiner Sendung.

Was also springt dabei raus, wenn man einen Musiker einen ganzen Tag lang begleitet, anstatt nur 20 Minuten in einem Hotelzimmer mit ihm zu sprechen?

Man erfährt einfach mehr über die Person. Bei Paul Smith, dem Sänger von Maximo Park, hatte ich das Gefühl, dass er nur auf die Gelegenheit gewartet hat, mehr zu erzählen, als er sonst kann. Da hat er mir eben auch erzählt, dass er ziemliche Panik hat, dass es nicht mehr so gut weiterläuft. Vorher hat er in einem Callcenter gearbeitet. Das empfand er als die absolute Hölle, auch wenn er versucht hat, noch immer ein bisschen Menschlichkeit zu bewahren. Seine Oma sagt nach wie vor zu ihm: "Wenn du dein Rockstarleben nicht mehr magst, kannst du immer zurück ins Callcenter gehen." Und er hat mit den Rockstarklischees aufgeräumt. Das Gefühl hatte ich bei allen Musikern: Das sind absolute Arbeitsbienen. Da schüttet sich backstage eben niemand mit Champagner zu. Dazu ist das Programm, das die absolvieren müssen, viel zu hart.

Sie blicken seit knapp 20 Jahren hinter die Kulissen der Musikbranche. Haben Sie durch die Sendung denn Dinge erfahren, die Ihnen vorher auch nicht klar waren?

Das beginnt ja schon damit, dass ich den Menschen hinter dem Musiker kennenlerne, weil ich dort keine Interviews führe, sondern Gespräche. Und auch was den Job als Musiker betrifft, habe ich vieles erfahren. Zum Beispiel besteht die Crew der Beatsteaks ausschließlich aus Freunden, die haben sich da kein Helfer-Team zusammengekauft. Und das waren immerhin 40 Leute. Einmal stand ich mit Arnim, dem Sänger der Beatsteaks, am Merchandise-Stand, und er erzählte mir, dass die Band ihr Geld vor allem mit dem T-Shirt-Verkauf und Konzerten verdient. Aber eben nicht mit Platten.

Wie hat sich die Situation von Musikern sonst verändert in den vergangenen 20 Jahren?

Ich habe das Gefühl, dass es für die meisten immer mehr ein Do-It-Yourself-Ding ist. Vor 20 Jahren hatten die Musiker mehr Leute um sich herum, die alles für sie erledigt haben. Thees Uhlmann zum Beispiel, der Sänger der Band "Tomte", hat sein eigenes Label. Wenn der den ganzen Tag auf seinen Auftritt wartet, dann schreibt er eben auch mal einen Newsletter für sein Label. Der Rapper Casper hatte in der Halle Bühnendeko stehen. Die hatte er selbst gekauft. Und später lagert er sie ein, wenn die Tour vorbei ist.

Und Backstage ist wirklich alles ganz harmlos?

In bestimmen Bereich ist es sicherlich wilder, wenn es um Hardrock- oder Metal-Acts geht. Bei denen sieht man bei Rock am Ring auch mal ein paar Girls mithuschen. Aber ansonsten nicht. Vielleicht war das in den 70er Jahren der Fall. Bei den Musikern, die ich begleitet habe, war ich fast schon enttäuscht, dass da nicht mehr abgeht. Alle waren sehr diszipliniert. Casper hat mir erzählt, dass vielleicht in den ersten Tagen der Tour Partystimmung herrscht, danach aber ist es harte Arbeit. Die Leute erwarten für ihr Geld eben eine Show, da muss ein Musiker fit bleiben und kann nicht jeden Abend feiern.

Wenn die sich um alles selbst kümmern müssen, bleibt denen vermutlich auch nichts anderes übrig. Machen sich Musiker denn mehr Sorgen um ihre Zukunft als früher?

Ich glaube, das ist so. Paul Smith von Maximo Park macht sich ständig Sorgen um seine Zukunft. Arnim von den Beatsteaks war nach unserem Gespräch über die Zukunft erstmal reif für eine Pause. Der hat sich wirklich Gedanken gemacht und sprach dann von den Toten Hosen als Vorbilder, wie lange man in Deutschland Rockmusik machen kann. Casper denkt nach seinem großen Erfolg immer noch, wie das denn alles sein kann. Da müsse ja eine Blase sein, die irgendwann platzt. Der kann sich eben auch vorstellen, dass es damit auch irgendwann wieder vorbei ist. Die Musikindustrie hat sich schließlich so gewandelt, dass niemand davon ausgehen kann, dass es ewig so gut läuft. Die müssen einfach weiter arbeiten.

Machen sich Musiker Sorgen um illegale Downloads ihrer Platten?

Denen ist klar, dass sich durch das Internet das ganze Geschäftsmodell verändert hat. Die verdienen das Geld eben nicht mehr mit Platten, sondern durch Tourneen. Eine neue Platte ist einfach nur etwas, das man für Fans macht und um einen Grund zu haben, wieder auf Tour zu gehen.

Info

Rockpalast Backstage läuft erstmals am heutigen Montag auf Einsfestival. Los geht es um 21.45 Uhr. Es folgen jeweils montags drei weitere Folgen. Getroffen hat Ingo Schmoll den Rapper Casper, die englische Band Maximo Park, den Musiker Thees Uhlmann und die Beatsteaks.

(seeg)