WM 2018 Viertelfinale: Three Lions erobern die Herzen der Engländer zurück

Euphorie nach Viertelfinalsieg : Three Lions erobern die Herzen der Engländer zurück

Jahrelange wurden die Three Lions verspottet, weil sie anders als der englische Klubfußball regelmäßig scheiterten. Spätestens nach dem WM-Viertelfinalsieg weiß das Nationalteam ganz England hinter sich.

Auf roten Doppeldecker-Bussen wurde getanzt, in den Pubs floss das Bier in Strömen, die Borough High Street im Herzen Londons war von freudetrunkenen Fans blockiert, die sich alle sicher waren: "Football's coming home, it's coming home!" Nach Englands Einzug ins WM-Halbfinale hat sich im Fußball-Mutterland der jahrelange Verdruss über die Three Lions endgültig in überschäumende Euphorie gewandelt.

"Zu Hause steigt bestimmt eine große Party", sagte Teammanager Gareth Southgate schmunzelnd nach dem 2:0 (1:0) im Viertelfinale gegen Schweden. Southgate und seine unerschrockene Rasselbande haben in Russland bereits mehr erreicht als das erste WM-Halbfinale seit 28 Jahren, das sie am Mittwoch (20 Uhr MESZ/ZDF und Sky Deutschland) gegen Kroatien bestreiten.

"Das Team, das immer mehr zu einem Objekt von Zynismus und Apathie geworden war, hat die Herzen des ganzen Landes zurückerobert", schrieb die Daily Mail und nannte den erstaunlichen Weg der jungen Mannschaft um Kapitän Harry Kane einen "Marsch in die Unsterblichkeit."

Auch das Königshaus meldete sich zu Wort. "Ihr wolltet Geschichte schreiben, und ihr habt es bereits getan. Ihr spielt eine unglaubliche WM, und wir genießen jede Minute", twitterte Prinz William: "Ihr verdient diesen Moment - Football's Coming Home!"

Der zweite WM-Titel 52 Jahre nach dem legendären Triumph gegen Deutschland (4:2 n.V.) ist keine Illusion mehr. "Wir fühlen uns gut, wir sind zuversichtlich", sagte Kane: "Wir wollen das Land einfach nur stolz machen." Dieser Auftrag ist bereits erfüllt. Die vom Streit um den "Brexit" tief gespaltenen Engländer sind im Fußball wieder vereint. "Ein weiterer exzellenter Sieg, der das ganze Land stolz macht", freute sich Premierministerin Theresa May.

Noch vor vier Jahren hatten sich die Three Lions nach dem historischen WM-Vorrunden-Aus in Brasilien kaum nach Hause gewagt. Nicht nur der Telegraph hatte mit den "Versagern" abgerechnet: "Gedemütigt, vernichtet, beerdigt - ein hoffnungsloser Fall." Jetzt werden Kane und Co. bei ihrer Ankunft in gut einer Woche wie Staatsmänner empfangen werden, so oder so.

Die Situation erinnert an den deutschen Fußball bei der Heim-WM 2006, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann verkrustete Strukturen aufbrach, neue Ideen einbrachte und mit aufstrebenden Spielern und einem dynamischen Spielstil ganz Deutschland hinter sich vereinte. Southgate gelingt Ähnliches.

Der frühere U21-Coach hat aus Klubrivalen einen verschworenen Haufen gemacht: Plötzlich geht jeder für den anderen durchs Feuer. Er erarbeitete die "England DNA Philosophy": Die Three Lions spielen jetzt Ballbesitzfußball mit punktuellem Einsatz von Kick-and-Rush. Er ließ das Elfmeterschießen durch ein Forschungsteam analysieren: Plötzlich gewinnen die Engländer Spiele vom Punkt. Er lässt in fast jeder Einheit Standards trainieren: Acht von elf englischen WM-Treffern fielen nach einem ruhenden Ball.

Auch die Personalentscheidungen sitzen. Southgate vertraut zwischen den Pfosten auf den vorher unbekannten Jordan Pickford - und auf einmal gewinnt ein Torwart (!) für England Spiele. Der 24-Jährige sei "der Prototyp" eines modernen Torwarts, sagt Southgate über den beweglichen und kommandostarken Schlussmann des FC Everton, der gegen Schweden mehrfach glänzte - auch mit dem Ball am Fuß.

Southgate setzt auch auf "junge Wilde": Gegen Schweden wurde Harry Maguire zum Torschützen und "Giganten" (Southgate) - der 25-Jährige hatte die Nationalmannschaft bei der EM vor zwei Jahren noch als Fan begleitet. Dele Alli ist mit 22 Jahren und 87 Tagen nun der zweitjüngste WM-Torschützen Englands.

Alli, Maguire, Pickford, Kane und viele andere im WM-Kader waren noch gar nicht geboren, als England 1990 das letzte Mal ein WM-Halbfinale bestritt - und erst im Elfmeterschießen gegen Deutschland scheiterte. "Wir können unsere eigene Geschichte schreiben", sagt Pickford.

Vielleicht wird dann auch Sir Bobby Charlton etwas genauer hinschauen. Während der Schlussphase des Viertelfinals verfolgte der 80 Jahre alte Weltmeister von 1966 beim Tennisturnier in Wimbledon lieber Angelique Kerber bei ihrem Sieg gegen Naomi Osaka. Der überwiegende Rest des Landes aber freute sich frenetisch, dass der Fußball wieder "nach Hause" kommt.

(rent/sid)