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Hamburger SV glaubt an das 52. Jahr in Liga eins

Bundesliga-Relegation ab 20.30 Uhr : Hamburg glaubt an das 52. Jahr in Liga eins

Vor dem ersten Relegationsspiel gegen Greuther Fürth herrscht in Hamburg Optimismus. Die Stadt stellt sich hinter die Mannschaft.

Die Hansestadt zeigt wieder Raute. Wo auch immer einen der Weg hinführt in diesen Tagen, das blau-schwarz-weiße Logo des HSV ist überall präsent in Hamburg. An Kneipen, in Vorgärten, auf Fahnen, die aus den Fenstern von Privatwohnungen hängen, im pulsierenden Leben der Innenstadt ebenso wie in den eher biederen Außenbezirken. Vor dem heutigen Relegations-Hinspiel gegen den Zweitliga-Dritten Greuther Fürth (20.30 Uhr/Live-Ticker) lebt Hamburg seinen HSV — so intensiv wie seit Jahren nicht mehr.

"Wir spüren eine geradezu unerbittliche Unterstützung", sagt Trainer Mirko Slomka mit einem Leuchten in den Augen. "Die ganze Stadt steht hinter uns, unsere Fans werden uns zu einer guten Leistung tragen." Um das zu unterstreichen, war gestern früh sogar der Stadtvater da. Olaf Scholz, 1. Bürgermeister der Freien und Hansestadt, tauchte nach dem Morgentraining in der HSV-Kabine auf. "Er hat gute Worte dagelassen", berichtet Slomka. "Seine Geste zeigt uns, dass auch die Spitze der Stadt uns volle Unterstützung gibt."

Es ist eine Unterstützung, die der Bundesliga-Dino allerdings auch dringend braucht. Fast 51 Jahre nun gehören die Rothosen dem deutschen Fußball-Oberhaus an, sie sind der einzige Klub, der von der Gründung der Liga an bis zum heutigen Tag dabei ist. Doch die letzten fünf Partien der regulären Saison hat der HSV allesamt verloren, und sollte er diese Serie heute und im Rückspiel am Sonntag (17 Uhr) auch gegen Fürth fortsetzen, dann wäre auch der letzte Dino ausgestorben.

Ein Szenario, mit dem sich die große Mehrheit der Hamburger überhaupt nicht befasst. "Der HSV packt das auf jeden Fall", sagt stellvertretend für so viele andere Philipp Jensen, der einen Kiosk im S-Bahnhof Reeperbahn führt. "Es war eine beschissene Saison, aber das Schwerste ist geschafft mit dem Erreichen des drittletzten Platzes. Jetzt schlagen wir Fürth auch noch." Student Patrick Böttcher schließt sich an: "Nichts gegen die Fürther, aber sie sind eben doch nur Zweitligist. Der HSV wird sich endlich zusammenreißen, und dann klappt das Ding." Die Hamburger Medien fördern diese überbordende Euphorie mit Schlagzeilen von "Slomkas Rettungsplan", "Rafael van der Vaarts Traum vom Retter-Tor" und Statistiken, nach denen in zwei Dritteln aller Fälle der Erstligist die Relegation gewinnt, sowie der Verlosung von T-Shirts mit dem Aufdruck "Unabsteigbar".

Es gibt jedoch auch differenziertere Stimmen. "Wenn der HSV in diesem Jahr nicht absteigt, dann kann ihm in Zukunft eigentlich gar nichts mehr passieren", meint Michael Jenni, der - van der Vaart lässt grüßen - an der Rezeption des Raphael-Hotels in Altona arbeitet. "Man muss sich im Grunde schämen, dass man mit einer solch niedrigen Punktzahl dennoch die Chance bekommen hat, sich noch zu retten. Nur 27 Punkte aus 34 Spielen - damit gehört man doch in die Zweite Liga." Dennoch hätte der junge Schweizer, der aufgrund von verwandtschaftlichen Bindungen von klein auf HSV-Fan ist, heute gern von der Tribüne aus mitgeholfen, die Klasse zu erhalten. "So unverdient das auch wäre", gibt Jenni zu. "Aber ich habe keine Karte mehr bekommen. Schon zwei Stunden nach Vorverkaufsbeginn war alles weg."

Hamburg zeigt eben wieder Raute. Wenn auch mitunter zähneknirschend, wie Emma Lehmann. Die Servicekraft hat vor einem Vierteljahrhundert selbst in der Mädchenmannschaft des HSV gespielt und sich in dieser Saison nur geärgert. "Diese Truppe hat nichts mehr mit den tollen Kerlen von damals zu tun, die wir angehimmelt haben", sagt die 41-Jährige. "Ich hätte denen längst das Gehalt gekürzt. Und pass mal auf, jetzt steigen sie wirklich ab." Aber dem Dino den Abstieg wünschen - nein, das will Emma nun doch nicht.

Mirko Slomka ist es nur recht, dass die ganze Stadt über sein Team redet. Angst, dass daraus zusätzlicher Druck entsteht, hat er nicht: "Den Druck haben doch ohnehin wir, weil wir als Erstligist ins Spiel gehen. Und wir haben ihn permanent gehabt, seit ich Trainer geworden bin. Wir nehmen das gern an, denn wir werden positive Energie daraus ziehen." Falls es schiefgeht, dann freuen sich aber doch ein paar tausend Hamburger - die Fans des FC St. Pauli. Dann gibt's endlich wieder Derbys in der Hansestadt - und jede Menge Häme vom Kiez.

(RP)