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Analyse: Zurück nach Afghanistan

Analyse : Zurück nach Afghanistan

US-Präsident Barack Obama hat den Truppenabzug vom Hindukusch überraschend gestoppt. Die Lage scheint unerwartet kritisch zu sein. Auch in Berlin wird derzeit nicht ausgeschlossen, wieder mehr Bundeswehrsoldaten zu schicken - eventuell sogar Kampftruppen.

Unverschleierte fröhliche Mädchen mit Handys auf dem Weg zur Schule in der Hauptstadt Kabul, erschossene Zivilisten auf den Straßen der Provinzhauptstadt Kundus - Afghanistan bleibt ein Staat der krassen Gegensätze. Die Sicherheitslage ist in dem teils brettebenen, teils hochgebirgig zerklüfteten Land von der zweieinhalbfachen Größe Deutschlands schwer einzuschätzen: Während türkische Touristen in Masar-i-Scharif im Norden entspannt Urlaub machen, wird in Kandahar im Süden scharf geschossen. Die Taliban haben zwar kürzlich spektakulär Kundus erobern können, nicht aber den Flughafen, und sind inzwischen von der afghanischen Armee wieder vertrieben worden. Es sei den Islamisten vor dem bevorstehenden, alles lähmenden Wintereinbruch nirgendwo im Land gelungen, ihre Position dauerhaft auszubauen, meinen militärische Beobachter.

Durch die Margot-Käßmann-Brille betrachtet ist natürlich weiterhin "nichts gut in Afghanistan", wie es die Ex-Bischöfin einmal gesagt hat. Doch in Frieden lebende Wirtschaftsnationen mit langer demokratischer Geschichte wie Deutschland oder Frankreich taugen nicht als Maßstab für dieses kriegszerrüttete, rückständige und bitterarme Land. Nach wie vor gibt es dort unübersichtlich viele Akteure, nicht nur die Taliban, die sich unter anderem auf tschetschenische und pakistanische Kämpfer stützen, sondern auch mächtige ehemalige Kriegsherren, Stammesführer und international agierende Drogenbanden. Neu hinzugekommen ist die mit den Taliban konkurrierende Terrormiliz "Islamischer Staat". Sie gewinnt am Hindukusch zunehmend Anhänger.

Nach dem Abzug der Nato-Kampftruppen musste sich die Sicherheitslage zwangsläufig verschlechtern. Doch droht tatsächlich gleich die Rückkehr zur Taliban-Diktatur? Offenbar gibt es Hinweise, dass die Lage in der islamischen Republik zunehmend außer Kontrolle gerät, und das so dramatisch, dass der Westen militärisch wieder zum verstärkten Eingreifen gezwungen ist. Anders ist die überraschende Kehrtwende von US-Präsident Barack Obama nicht zu erklären. Bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2016 wollte er - bis auf 1000 Mann zur Bewachung der Botschaft in Kabul - alle US-Soldaten aus Afghanistan heimholen. Jetzt kündigte er an, dass auch im nächsten Jahr knapp 10.000 US-Soldaten am Hindukusch stationiert bleiben. Obama hat damit auch die bittere Wahrheit akzeptiert, dass es die Supermacht Amerika wieder einmal richten muss. Nur sie hat die ausreichenden militärischen Mittel dazu und - anders als die Europäer - den politischen Willen, sie auch schnell einzusetzen, wenn es irgendwo brennt.

Obamas Kurswechsel basiert auf der Einsicht, dass die Aufgabe Afghanistans mehr bedeuten würde, als dessen verängstigte Einwohner im Stich zu lassen, die die blutrünstige Schreckensherrschaft der Taliban zu Recht fürchten. Ein neuer riesiger Flüchtlingsstrom nach Europa wäre zwangsläufig, sollte Afghanistan kippen. Bereits im ersten Halbjahr verdoppelte sich die Zahl der afghanischen Asylbewerber in Deutschland nahezu. Für ein schnelles Stabilisieren des Landes spricht außerdem der anderenfalls drohende Domino-Effekt: Die Atommacht Pakistan wäre dann vermutlich das nächste Angriffsziel der Islamisten - ein Alptraum, weil Nuklearwaffen in die Hände der Islamisten gelangen könnten.

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Ein Sieg in Afghanistan wäre auch psychologisch verheerend, würde er doch radikalen Islamisten gewaltige Popularität und damit neuen Zulauf verschaffen. Das Land würde für sie wieder ein sicherer Rückzugsraum. Man erinnere sich: Es war 2001 das Ursprungsziel des Nato-Einsatzes am Hindukusch, die Ausbildungslager international agierender Terrorgruppen dort dauerhaft zu zerstören.

Der russische Präsident Wladimir Putin warnte auf einem Gipfel in Kasachstan mit den ehemaligen Sowjetrepubliken die Staats- und Regierungschefs der zentralasiatischen Länder vor einem Einfall von Kämpfern aus Afghanistan. Die Situation am Hindukusch sei sehr kritisch: "Terroristen aller Art bekommen immer mehr Einfluss und verstecken ihre Pläne einer weiteren Expansion nicht", sagte Putin. "Eines ihrer Ziele ist, in die zentralasiatische Region vorzustoßen."

In der deutschen Bevölkerung war - wie in vielen anderen europäischen Staaten - der Kampfeinsatz in Afghanistan wenig populär und die Bundesregierung deshalb froh, andere sicherheitspolitische Schwerpunkte setzen zu können. Spätestens nach Obamas Erklärung dämmert es aber auch in Berlin, dass Deutschland sich wohl wieder stärker in diesem Krisenland engagieren muss. Zurzeit sind 893 Bundeswehrsoldaten zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee und Polizei im Land.

Die Bundesregierung hat bereits ihre Zustimmung zur Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes über 2016 hinaus angedeutet. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums schloss sogar nicht aus, dass wieder Kampftruppen geschickt werden könnten. Eine Entscheidung könnte beim Treffen der Nato-Außenminister im Dezember fallen.

(mic)