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London: Briten feiern Camerons Nein

London : Briten feiern Camerons Nein

Langfristig könnte sich die Niederlage des Premiers im EU-Streit sogar auszahlen.

Für einen Verlierer bekommt er viel Applaus. Der britische Premier David Cameron (47) hatte mit Brachialdiplomatie zu verhindern versucht, dass Jean-Claude Juncker nächster EU-Kommissionspräsident wird. Er verlor den Kampf. Und obwohl er Anfang der Woche vor dem Unterhaus seine Niederlage eingestehen musste, jubelten ihm seine Parteifreunde enthusiastisch zu. Auch die konservative Presse zollte ihm Respekt. Cameron habe, hieß es im "Daily Telegraph", "so viel Mut und Hartnäckigkeit gezeigt, dass es auf einen moralischen Sieg hinauslief". In einer neuen Umfrage zogen Camerons Konservative an der Labour-Opposition vorbei.

Des Premiers verlorene Schlacht wird als Prinzipientreue gefeiert. Dabei kann man Camerons Agieren auch einfach als schlechte Taktik lesen. Was er will, ist Reform. Was er vehement angriff, war die Person Juncker. Das ging so weit, durchsickern zu lassen, dass der Luxemburger schon zum Frühstück seinen Cognac genießt. Damit macht man sich kaum Freunde. Cameron versagte darin, genügend Alliierte für eine Sperrminorität zu sammeln.

War die Taktik fragwürdig, so geht vielleicht die Strategie auf. Cameron will Großbritannien in der EU halten, nur sollte die sich zum Besseren ändern. In diesem Sinne war er nicht erfolglos: Ihm wurde versprochen, dass künftig nicht mehr zwingend das Spitzenkandidatensystem zur Kür des Kommissionschefs angewandt wird. Und im Schlusskommuniqué stand, man werde sich mit Londons "Sorgen um die Entwicklung der EU" befassen; "das Konzept der immer engeren Union" erlaube "verschiedene Wege der Integration". Cameron hat es schriftlich: Großbritannien muss sich nicht integrieren. Jetzt hat er etwas in der Hand, was er den Euroskeptikern daheim entgegenhalten kann. Was wie ein diplomatisches Desaster aussah, könnte sich langfristig auszahlen.

Einen Rückschlag im Ringen um seine Popularität musste Cameron allerdings gestern hinnehmen: Andy Coulson, sein früherer Kommunikationschef, muss für 18 Monate ins Gefängnis. Er war für schuldig befunden worden, Telefone von Prominenten und Verbrechensopfern illegal abgehört zu haben. Coulson war von 2003 bis 2007 Chefredakteur des inzwischen eingestellten Boulevardblattes "News of the World" des Murdoch-Konzerns.

(RP)