Meteorologischer Herbstanfang 2017: Warum der Herbst auch schön ist

Essay : Lob des Herbsts

Heute ist meteorologischer Herbstanfang - der kalendarische folgt am 22. September. Der Sommer ist damit vorbei. Doch für alles, was wir verlieren, gibt uns der Herbst etwas Gleichwertiges zurück. Eine Ehrenrettung.

Ein paar warme Tage gab es zuletzt ja doch noch, aber das verstärkt nur den Abschiedsschmerz. "Summer moved on", möchte man klagen mit den Norwegern Morten Harket, Pål Waaktaar-Savoy und Magne Furuholmen alias a-ha in ihrem gleichnamigen Pophit aus dem Jahr 2000. Recht haben sie natürlich, der Sommer zieht weiter, wie alles weiterzieht, Gutes wie Schlechtes.

Anders als vieles andere Gute aber wird er auch wiederkommen, in einem Dreivierteljahr, unter Garantie, doch das spielt momentan keine Rolle. Dieser Fakt ist irrelevant, heute dominiert die irrationale Abneigung gegen den Herbst, eine dunkle Zeit, die dunkelste überhaupt.

Doch, doch, auch dunkler als der Winter, allen astronomischen Gesetzen zum Trotz. Weil der Winter - ein echter zumindest - seinen dunklen Nächten das Hellste überhaupt entgegensetzt, das alle, die sich noch über irgendetwas freuen können, auch nach 18 oder 80 Jahren stumm staunend am Fenster stehen lässt: Schnee.

Der Winter hat deshalb viele Fans, fast gleichauf mit dem Sommer und hinter dem außer Konkurrenz laufenden, weil unerreichbar oft bedichteten, besungenen, bejubelten Frühling.

Den Winter feiern die Stillen, den Sommer die Lauten, den Frühling die Romantiker. Und den Herbst, der weder mit Schnee punkten kann, noch mit Sonnenhitze, noch mit duftenden Blütenmeeren?

Den mögen maximal die etwas anderen. Die Nachdenklichen, die Sentimentalen, die Komischen - jene also, deren Vorlieben oft unter dem Generalverdacht stehen, reine melodramatische Pose zu sein. Der Herbst hat kaum Fürsprecher, keine besonders aktiven jedenfalls. Kurz: Er hat keine Lobby. So sehr ihn seine Fans auch als "Frühling des Winters" verstehen - die meisten sehen im Herbst bloß die Zeit, in der "die Tage kürzer und die Bremswege länger werden", wie der Schweizer Markus Ronner kurz und knapp befand, während sein Landsmann Walter Ludin Trost spenden will mit: "Herbst: Anderswo ist Frühling."

Dabei gibt uns der Herbst für alle mit dem Sommer verschwindenden Freuden etwas Gleichwertiges zurück. "Der Herbst ist immer unsere beste Zeit", befand Goethe höchstpersönlich. Auch und gerade wenn der kurze Abschnitt des bunten Bilderbuchherbsts vorüber ist, wenn es ringsum fahl und grau wird statt goldgelb.

Der Herbst ist nass-kühl, aber vom Wind kann man sich auch die Sorgen aus dem Kopf pusten lassen; die Niederländer haben sogar einen eigenen Ausdruck dafür: "uitwaaien", also "auswehen". Und je unangenehmer das Wetter, umso wohliger ist die Wärme unter Wollpullover und dicken Socken, unter der Sofadecke und, für die Glücklichen unter uns, am knisternden Kamin. Im Herbst kann man sich nicht sonnen, aber umso besser sammeln. Und für die wenigen Sonnenstrahlen, die man dann doch einfängt, entwickelt man eine ganz neue Wertschätzung.

Der Herbst lädt nicht zum Baden ein, verlangt aber auch keine durchtrainierte Strandfigur. Im Herbst wird ganz sicher deutlich weniger gelächelt und gelacht, aber der befreiende Wegfall des sommerlichen Zwangs zu Gesellschaft und guter Laune kann gar nicht genug begrüßt werden.

Im Herbst kostet das Joggen mehr Überwindung, aber umso stolzer kann sein, wer sich doch dazu aufrafft. Und für jedes Beachvolleyball-Match warten unzählige "Indoor"-Sportarten. Badminton und Billard etwa, Bouldern und Bowling, und das sind nur die mit B.

Der Herbst lockt nicht mit Cocktailpartys und Hochzeitsfeiern am laufenden Band. Dafür verspricht er am gleich kurzen Feierabend sehr viel mehr Freiraum und -zeit, um all die Dinge zu tun, zu denen man im Sommer vor lauter grillen, feiern, gut gelaunt sein, baden und sonnen nicht gekommen ist. Es gibt so vieles zu tun, zu genießen, wiederzuentdecken. Länger schlafen zum Beispiel, in Ruhe einkaufen und kochen und essen. Das Hobby pflegen: sammelnd, bastelnd, malend, musizierend.

Einst enthusiastisch gekaufte Bücher und Zeitschriften auch mal lesen. Serien sehen, um herauszufinden, ob der Hype darum berechtigt ist. Und Filmklassiker, um herauszufinden, ob man sich eigentlich zu Recht dafür geschämt hat, sie so lange nicht gekannt zu haben.

Die Wohnung ausmisten, oder vielmehr: Schätze entdecken und neue Perspektiven. Ungeliebtes weggeben, was nicht nur den Beschenkten freut, sondern auch den Geber erleichtert. Denn so schön wie das Reisen mit leichtem Gepäck ist auch das Leben ohne Ballast, Krempel und Klamotten.

Die Freuden des Herbstes lassen sich aber natürlich nicht nur allein genießen. In Gesellschaft sind schließlich nicht nur Koch- und Filmabende schöner. Beim Vorlesen entfaltet sich noch einmal eine ganz andere Magie als beim Lesen. Und gemeinsames Spielen ist ohnehin unübertroffen - egal ob mit Würfeln und Karten oder Playstation, mit Schnaps, Wein oder stillem Wasser.

Alles kann im Herbst, aber nichts muss. Hallo Herbst, schön, dass du da bist.

(tojo)
Mehr von RP ONLINE